Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kunstfehler-Debatte: Ärzte-Outing provoziert Kritik

Von und Brigitte Zander

17 Ärzte und Pfleger haben sich öffentlich zu Kunstfehlern bekannt - und enorme Reaktionen ausgelöst. Doch ob die spektakuläre Aktion die Zahl der Behandlungsfehler senken und deren Tabuisierung beenden wird, ist fraglich: Immer weniger Ärzte müssen immer mehr Arbeit erledigen.

Normalerweise sind nur Politiker oder Filmstars in der Lage, mit einem Outing solche Schlagzeilen zu produzieren. Diesmal aber waren es 17 Ärzte, Pfleger und Therapeuten, fast alle in leitenden Positionen - und alle Verursacher sogenannter Kunstfehler. In einer in Deutschland beispiellosen Aktion haben sich öffentlich zu ihren Behandlungsfehlern bekannt und ihre Kollegen aufgefordert, ähnlich offen mit ihren Missgriffen umzugehen.

Ärzte bei einer Herzoperation: In Deutschland sterben jedes Jahr Tausende Patienten an den Folgen von Behandlungsfehlern
AP

Ärzte bei einer Herzoperation: In Deutschland sterben jedes Jahr Tausende Patienten an den Folgen von Behandlungsfehlern

Das Medienecho auf die Broschüre des Aktionsbündnisses Patientensicherheit war gewaltig. Denn wenn den sprichwörtlichen Halbgöttern in Weiß Missgriffe unterlaufen, ist das lange totgeschwiegen worden. Pannen im OP, Fehldiagnosen, falsche Medikamente - über solche lebensgefährlichen Kunstfehler wurde und wird kollegial geschwiegen.

In den Krankenakten kommen die Fehltritte des medizinischen Personals nur selten vor, mit oft tragischen Folgen für die Betroffenen. Nur hin und wieder gelangen Geschichten von versehentlich amputierten Beinen, in Bäuchen vergessenem Operationsbesteck und zu Tode gespritzten Patienten an die Öffentlichkeit.

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit will die Mauer des Mediziner-Schweigens nun durchbrechen - mit tatkräftiger Unterstützung der AOK, für die Kunstfehler nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein finanzielles Problem sind. Die Kasse wird ihren Angaben zufolge jährlich mit rund 40.000 Behandlungsfehlervorwürfen konfrontiert, von denen sich 2000 als berechtigt herausstellen. Jedes Jahr würden rund zwölf Millionen Euro an Folgekosten geltend gemacht.

Widerstände aus der Ärzteschaft

Volle zwei Jahre Arbeit waren nach Angaben der AOK zur Fertigstellung der Broschüre notwendig - nicht zuletzt aufgrund von Widerständen der Ärzteschaft. "Manche Mediziner haben eine Teilnahme rundheraus abgelehnt", sagte AOK-Sprecherin Gabriele Hauser-Allgaier. Ähnlich äußerte sich Matthias Schrappe, Vorsitzender des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. "Es war nicht einfach. Es gab durchaus gewisse Befürchtungen und das Verlangen nach einer juristischen Prüfung." Dennoch seien die Reaktionen überwiegend positiv ausgefallen - "von den Patienten sowieso, aber auch von Ärzten." Die große Resonanz auf die Broschüre spreche für sich. "Es scheint an der Zeit gewesen zu sein", sagte Schrappe SPIEGEL ONLINE.

  • Laut einer Studie des Aktionsbündnisses sind jährlich zwei bis vier Prozent der deutschen Klinikpatienten von Fehlern des medizinischen Personals betroffen.
  • Das entspricht einer Zahl von 340.000 bis 680.000 Menschen.
  • Etwa 17.000 von ihnen überleben die Fehlbehandlung demnach nicht. Zum Vergleich: Im deutschen Straßenverkehr kamen im vergangenen Jahr knapp 5000 Menschen ums Leben.

Schrappe selbst räumt in der Broschüre ein, als junger Assistenzarzt einer älteren Patientin mit Herzrasen ein Beruhigungsmittel verabreicht zu haben. Wie sich später herausstellt habe, hatte die Patientin aber eine Lungenembolie, also ein Blutgerinsel in der Lunge. Sein Vorgesetzter habe den gefährlichen Vorfall jedoch nicht weiter beachtet, geschweige denn aufgearbeitet.

Heute verlangt der Internist und Generalbevollmächtigte der Uniklinik in Frankfurt am Main einen offenen Umgang mit Kunstfehlern. "Wir können nur aus Fehlern lernen, wenn wir über sie sprechen", sagt Schrappe. "Tabus verhindern das." Zwar werde man die althergebrachte Kunstfehler-Tabuisierung innerhalb der Ärzteschaft nicht mit einem Schlag beseitigen können. "Aber was wir definitiv nicht brauchen, sind Sanktionen gegen Ärzte." Denn das würde nur wieder zur Tabuisierung und Vertuschung von Kunstfehlern führen.

Patienten-Schutzbund glaubt nicht an Effekt der Aktion

Andere Patientenvertreter wollen Ärzten gegenüber weniger nachsichtig sein. Gisela Bartz, Vorsitzende des Deutschen Patienten Schutzbundes (DPSB), verlangt bessere Möglichkeiten für ein juristisches Vorgehen gegen pfuschende Mediziner. Ein Hauptproblem sei die "Falschgutachterei" durch andere Ärzte, sagte Bartz. Die Outing-Broschüre ändere nichts daran, dass die Ärzteschaft weithin nach dem Motto verfahre: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Diesen Artikel...
Forum - Kunstfehler - sind Ärzte zu schlampig oder überarbeitet?
insgesamt 290 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Kunstfehler
juergw. 29.02.2008
Ärzte sind ebend doch keine Halbgötter in Weiß sondern auch leider nur sterbliche "Wesen".Wo gearbeitet wird werden Fehler gemacht,bei Ärzten können die schon tragisch sein.Fehldiagnosen und Schlampereien gehören auch dazu.Es gehört auch eine Portion Glück dazu im Notfall den ausgeruhten fachlich kompetenten Arzt zu finden.Kunstfehler ist auch ein schönes Wort dafür wenn man Sch....e gebaut hat.
2. Hilft das Bekenntnis der 17 Ärzte und Pfleger zu eigenen Kunstfehlern weiter?
joaka 29.02.2008
Nein!Ist Augenwischerei. Die Situation in den Krankenhäusern in allen Punkten muss sich ändern. Die Personaleinsparungen sollten eingestellt werden. Die Krankenhäuser müssen mehr Gelder bekommen. Das Personal muss besser bezahlt werden. Vor allem die Sauberkeit sprich Hygiene sollte vom Personal eingehalten, werden wenn es zum anderen Patienten geht. Für mich ein Zeichen die ganzen Reformen im Gesundheitswesen werden stümperhaft auf den Rücken der Krankenhäuser und zum Nachteil der Patienten ausgeführt. Es ist ein Unding in ein Krankenhaus zu gehen, bei der Leistungsschwäche, die nur die Regierung zu verantworten hat. Das Personal mag sich redlich um den Patienten kümmern, aber die Unterbesetzung des Personal bleibt, die dann nur noch Stress ausgesetzt sind, durch Fehler in der Gesundheitspolitik. Den schwarzen Peter hat der Gesetzgeber, sprich Unfähigkeit der Regierung eine solide Reform durchzuführen. Die Ursache der Behandlungsfehler liegen natürlich daran, dass zu wenig Personal da ist. Weil weniger Personal mehr Patienten betreuen muss. Bedingt durch diese Lage entsteht viel Stress und Hektik. Dann die überlangen Arbeitszeiten für die Ärzte. Ich gebe ja nicht den Ärzten die Schuld an die Situation in den Krankenhäusern - was auch für die Altenpflege gilt- die verantwortlichen in der Regierung und der Politik. Weil diese unfähig sind eine richtige Reform im Gesundheitswesen zu leisten. Durch finanzielle Einsparungen in den Krankenhäusern sind diese nicht mehr in der Lage ihre Aufgaben solide zum Wohle des PATIENTEN zu stemmen. Die Bekenntnisse alleinstehend bringen uns nicht weiter, sondern können nur aufrütteln. Mehr auch nicht! Dass heißt noch lange nicht Bekenntnisse zu verurteilen. Aber solange die Verantwortlichen in Politik und Regierung auf Kosten der Krankenhäuser finanzielle Einsparungen jeglicher Art vornimmt wird sich nichts ändern! Deswegen ist es Augenwischerei. Solange es bei einem Bekenntnis von 17 Ärzten und Pflegern bleibt wird sich nichts ändern. Diese haben nur die Spitze des Eisberges aufgezeigt. Alle in allen Krankenhäusern müssen diesen Schritt gehen um die schlechte Lage aufzuzeigen. Meine Zweifel bestehen darin ob es wirklich alle Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger tun. Ich sage nein, sie tun es nicht wegen eventueller Regressansprüche von Patienten und deren Angehörigen wegen diese Behandlungsfehler. So blauäugig sollte man nicht sein!
3. es ist an der zeit
a-mole 29.02.2008
Ärzte sind Menschen Menschen machen Fehler Jeh höher die (andauernde)Belastung, desto mehr veringert sich die Konzentration und die wahrscheinlichkeit von Fehlern steigt. Bei einem so wichtigen Beruf, in dem es um Menschenleben geht muss es gewährleistet sein das der Auszuführende ausgeruht und konzentriert ist. Bei dem deutschen Gesundheitsystem eine utopie - gerade in Krankenhäusern wo es oft um noch mehr geht als in normalen Arztpraxen. Ein gewisser Fehlerquotient wird immer bleiben, da der Menschliche Körper und Medizin so komplex sind, das es immer wieder zu Fehldiagnosen kommen kann. Der körper ist nun mal kein computer der immer gleich auf bestimmt Sachen reagiert. Es gewisses restrisiko bleibt immer, egal wie gut ausgebildet der Arzt ist.
4.
lupenrein 29.02.2008
Zitat von sysop17 Ärzte und Pfleger haben sich öffentlich zu Kunstfehlern bekannt - und enorme Reaktionen ausgelöst. Doch ob die spektakuläre Aktion die Zahl der Behandlungsfehler senken und deren Tabuisierung beenden wird, ist fraglich: Immer weniger Ärzte müssen immer mehr Arbeit erledigen.
Ich glaube, dass man die Häufigkeit von Kunstfehlern oder Kunstfehler überhaupt n i c h t von 'Überarbeitung' abhängig machen kann. Das wesentliche Kriterium für die Beantwortung der Frage ist nach meiner Meinung die Tatsache, dass wie in jedem anderen Beruf auch nicht alle Ärzte gleich qualifiziert sind. Je besser die Qualifikation desto weniger Kunstfehler sollten passieren. Dabei ist die tatsächliche Qualifikation keineswegs vom Titel abhängig. Nicht unbedingt muss der Professor auf einem bestimmten Gebiet all seinen seinen anderen Kollegen überlegen sein. Auch nicht jeder Chefarzt in der Klinik muss 'besser' sein als sein Oberarzt. Jedem Arzt kann durchaus einmal ein Kunstfehler unterlaufen, sicher ist aber, dass die Häufigkeit von Kunstfehlern in erster Linie eine Frage der Qualifikation sein dürfte. Wenn einem Arzt immer wieder Kunstfehler unterlaufen, sollte er sich langsam fragen, warum das so ist. Der bessere Arzt ist wohl immer der, der sich seiner Grenzen bewusst ist. Vor 'Alleskönnern' wurd gewarnt.
5.
a-mole 29.02.2008
Zitat von juergw.Ärzte sind ebend doch keine Halbgötter in Weiß sondern auch leider nur sterbliche "Wesen".Wo gearbeitet wird werden Fehler gemacht,bei Ärzten können die schon tragisch sein.Fehldiagnosen und Schlampereien gehören auch dazu.Es gehört auch eine Portion Glück dazu im Notfall den ausgeruhten fachlich kompetenten Arzt zu finden.Kunstfehler ist auch ein schönes Wort dafür wenn man Sch....e gebaut hat.
wer das ernsthaft glaubt hat auch irgendwie nen schaden. Ich kenne keinen Arzt der sich so bezeichnen würde, aber dieser begriff wird sehr gerne verwendet und unterstreicht damit eine Anspruchshaltung an Leute die Sie gar nicht erfüllen können.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: