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Kuriose Täuschung: Wie Menschen eine dritte eigene Hand fühlen

Linke Hand, rechte Hand, zweite rechte Hand: In einem Experiment empfanden Probanden eine Gummiattrappe plötzlich als eigene Extremität. Die Forscher hoffen, dass ihre Studie dazu beiträgt, neuartige Prothesen zu entwickeln - und sehen sogar Einsatzmöglichkeiten bei der Feuerwehr.

Neuro-Experiment: Die dritte Hand Fotos
Henrik Ehrsson

Das Gehirn kann manchmal seltsame Streiche spielen: Über drei funktionierende Arme verfügt kein Mensch, aber die Illusion davon haben schwedische Wissenschaftler jetzt ihren Studienteilnehmern verschafft. Die Neurologen des Stockholmer Karolinska Institutes versahen mehr als 150 Testpersonen mit einem künstlichen Gummiarm und tricksten dann deren Wahrnehmung davon durch bestimmte Berührungstechniken aus.

Wie der Hirnforscher Arvid Guterstam und seine Kollegen im Fachjournal "Plos One" berichten, sahen die Versuchspersonen ihren eigenen rechten Arm und den ihm gleichenden Gummiarm vor sich auf einer Tischplatte liegen. Beide waren bis zur Hand hin mit einem Tuch abgedeckt. Um das Gefühl zu erzeugen, dass auch die Prothese körperlich zu ihnen gehört, berührte ein Versuchsleiter Finger der rechten Hand und der Gummihand so simultan wie möglich an der gleichen Stelle mit je einer kleinen Bürste.

Dies führe zu einem Konflikt im Gehirn, welche der beiden Hände zum eigenen Körper gehöre, heißt es in dem Bericht. "Es hat sich zu unserer Überraschung herausgestellt, dass das Gehirn diesen Konflikt löst, indem es beide "rechten Hände" als Teil des eigenen Bildes vom Körper akzeptiert", meinte Guterstam.

Echte Angst um die falsche Hand

Insgesamt nahmen 154 gesunde Testpersonen an der Testreihe teil. Um die "Echtheit" der beschriebenen Illusion im Kopf auf die Probe zu stellen, "bedrohten" die Versuchsleiter sowohl die echte rechte Hand als auch die Gummihand mit einem Messer. In beiden Fällen habe es dieselbe Stressreaktion gegeben, hieß es weiter - die Forscher maßen, wieviel Schweiß sich in der Handfläche bildete. Als Kontrolle führten die Wissenschaftler die gleichen Versuche auch durch, wobei sie neben die echte Rechte Hand entweder eine linke Gummihand oder eine Fußattrappe legten. Dabei trat der Effekt, dass das künstliche Körperteil als eigenes wahrgenommen wurde, deutlich seltener auf.

Die Frage, ob die menschliche Vorstellung vom eigenen Körper an dessen faktische Ausformung gebunden ist, gilt als klassische Fragestellung für Psychologen und Neurologen.

Die Forscher meinen, dass ihre Erkenntnis auch bei der Entwicklung von Prothesen helfen könnte. Henrik Ehrsson, der die Studie leitete, schildert ein mögliches Beispiel: Ein Patient, der durch einen Schlaganfall halbseitig gelähmt sei, könne eine Armprothese tragen, die er wie einen eigenen Arm erlebt und nutzen könne, während der eigene gelähmte Arm im Körperbild verankert bleibe.

Ehrsson hat noch eine weitere Idee: "Es ist vorstellbar, dass Menschen in Ausnahmesituationen von einem dritten Arm profitieren - beispielsweise Feuerwehrleute oder Rettungssanitäter während eines Einsatzes."

wbr/dpa

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1. Zweite Nase gleich jetzt
pulpicon, 24.02.2011
Überkreuzen Sie Zeige- und Mittelfinger (d.h. legen Sie den Mittelfinger über den Zeigefinger, so dass die Fingerkuppen "vertauscht" nebeneinander liegen) und streichen Sie damit von links nach rechts (oder hin und her) über Ihre Nasenspitze (wobei beide Fingerkuppen die Nase nacheinander berühren). Zweite Nase gleich jetzt!
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