Kuriose These: Wie Parasiten die Politik beeinflussen sollen

Angst vor übertragbaren Krankheiten: Erreger könnten sich auf die Politik auswirken Zur Großansicht
Corbis

Angst vor übertragbaren Krankheiten: Erreger könnten sich auf die Politik auswirken

Wo entwickeln sich autoritäre Staatsformen, wo Demokratien? Kanadische Forscher meinen, dass die Krankheitsgefahr dabei eine relevante Rolle spielt. Wo mehr Erreger drohen, setzt man demnach eher auf Autorität. Eine Erklärung für den vermuteten Zusammenhang haben die Psychologen auch parat.

Wer die Geschichte von den Störchen und den Babys kennt, weiß, wann Vorsicht geboten ist. Zwar wurden die Störche in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten seltener gesehen, während auch die Geburtenrate sank. Aber das bedeutet nicht, dass es nun mit dem Nachwuchs eher hapert, weil der Vogel fort bleibt, der die Kinder brachte.

Auf den ersten Blick mag die These einer kanadischen Forschergruppe um Damian Murray in diese Kategorie fallen: Ein höheres Risiko infektiöser Krankheiten sagt demnach voraus, dass ein Staat eher eine autoritäre Regierungsform hat. Murray und seine Kollegen von der University of British Columbia haben diese Hypothese - die es schon länger gibt - aber immerhin mit Hilfe mehrerer Datensätze auf die Probe gestellt.

Im Fachmagazin "PLoS One" schildern die Psychologen zudem, wie Parasiten und Politik zusammenhängen könnten. In einem autoritären Staat ist Angepasstheit ein hohes Gut, abweichende Meinungen werden unterdrückt. Da nun viele Krankheitserreger nicht sichtbar seien und ihre Verbreitung bis in die jüngere Vergangenheit hinein mysteriös erschien, bestand der Seuchenschutz früher aus ritualisierten Verhaltensregeln - die dann am besten wirkten, wenn jeder sie brav befolgte.

Wer ausscherte oder gar rebellierte, gefährdete die Gesundheit. In Regionen, in denen Infektionskrankheiten eine besonders große Gefahr darstellten, soll deshalb die Konformität eher ein Gewinn für die Gesellschaft gewesen sein. Die Forscher merken allerdings an, dass das voraussetzen würde, dass die traditionellen Seuchenschutzmaßnahmen mehr geholfen als geschadet haben.

Krankheiten ausrotten, um Demokratie zu fördern?

Um die These zu überprüfen, analysierten die Psychologen unter anderem Daten aus 31 Staaten.

Sie erhoben, wie autoritär die jeweilige Regierung ist - unter anderem dadurch, wie stark dort Bürgerrechte eingeschränkt werden sowie anhand des etablierten Vanhanen-Maßstabs. Auch die grundsätzliche politische Einstellung der Menschen floss in die Daten ein, sie war durch frühere Befragungen bekannt. Das Vorkommen von neun Krankheitserregern - darunter die Auslöser von Malaria, Lepra und Typhus, wurde anhand historischer und aktueller Daten ermittelt.

Und um zu kontrollieren, dass nicht andere Faktoren den möglichen Zusammenhang von Krankheitsvorkommen und Staatsform erklärten, betrachteten die Wissenschaftler bei der Berechnung auch Bruttoinlandsprodukt, Bildungsstand, Lebenserwartung sowie den Gini-Index, der anzeigt, ob Vermögen in einem Land gleich oder ungleich verteilt ist.

Das Ergebnis: Wo Infektionskrankheiten besonders häufig waren, da gab es tatsächlich eher ein autoritäres Regime - und eine antidemokratische Einstellung bei den Bürgern.

Zweifelsfrei beweisen lässt sich die These damit natürlich nicht. Aber falls die Psychologen recht haben sollten, würde der Zusammenhang eine interessante Konsequenz eröffnen: "Programme zur Ausrottung von Krankheiten könnten dann nicht nur Auswirkungen auf die Gesundheit haben, sondern indirekt Bürgerrechte und politische Freiheit fördern."

wbr

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1. Ok
Layer_8 03.05.2013
Zitat von sysopWo entwickeln sich autoritäre Staatsformen, wo Demokratien? Kanadische Forscher meinen, dass die Krankheitsgefahr dabei eine relevante Rolle spielt. Wo mehr Erreger drohen, setzt man demnach eher auf Autorität. Eine Erklärung für den vermuteten Zusammenhang haben die Psychologen auch parat. Kuriose These: Wie Parasiten die Politik beeinflussen sollen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/kuriose-these-wie-parasiten-die-politik-beeinflussen-sollen-a-898001.html)
An der geografischen Breite kanns ja wohl nicht liegen. Russland z.B. könnte ja ein Land sein, so wie Kanada, nur noch geiler. Es scheinen aber nach der o.g. These in Russland viel mehr Krankheitserreger herumzuschwirren als in Kanada. Aber komisch ist's schon. In gemäßigten Breiten, Nord- oder Südhalbkugel ist die Tendenz doch höher für "freiheitlich demokratische Grundordnungen", da ist das Klima ja nicht so optimiert für tropische Krankheitserreger...
2. optional
jeromemorrow 03.05.2013
"Das Ergebnis: Wo Infektionskrankheiten besonders häufig waren, da gab es tatsächlich EHER ein autoritäres Regime - und eine antidemokratische Einstellung bei den Bürgern." Ich habe selten so einen Schwachsinn gelesen.
3. Ich bin den Link Vanhanen-Maßstabs gefolgt, in der
hdudeck 03.05.2013
Hoffnung, diesen erklaert zu bekommen. Stattdessen bin ich auf einer Seite des Peace Research Institute Oslo (PRIO) gelandet, auf der der Begriff in diesem Zusammenhang einmal gebraucht wurde: ...SCW has been involved in providing data to study governance issues in civil war, partly by making available Tatu Vanhanen's Polyarchy dataset and by contributing to the Polity project's democracy dataset. We have also compiled MIRPS which is a combination of the two datasets
4. Ich bin den Link Vanhanen-Maßstabs gefolgt, in der
hdudeck 03.05.2013
Hoffnung, diesen erklaert zu bekommen. Stattdessen bin ich auf einer Seite des Peace Research Institute Oslo (PRIO) gelandet, auf der der Begriff in diesem Zusammenhang einmal gebraucht wurde: ...SCW has been involved in providing data to study governance issues in civil war, partly by making available Tatu Vanhanen's Polyarchy dataset and by contributing to the Polity project's democracy dataset. We have also compiled MIRPS which is a combination of the two datasets
5. ursache und wirkung
shibby997 03.05.2013
es verwundert mich immer wieder, wie "wissenschaftler" ihre thesen dahingehend nicht hinterfragen. autoritäre regieme führen im gegensatz zu demokratischen gesellschaften evtl. gerade nicht zur ausrottung von seuchen usw. erinnert mich an "wenn ein kind ein instrument spielt, ist es später intelligenter"...
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