Kuschelhormon Sex schützt vor Lampenfieber

Sex lindert Nervosität - und das mitunter eine Woche lang, wie eine britische Studie besagt. Teilnehmer, die Geschlechtsverkehr hatten, konnten öffentliche Auftritte auffallend entspannt meistern. Die mögliche Ursache: das "Kuschelhormon" Oxytocin.


Dass sich Liebende nach dem Geschlechtsverkehr sowohl euphorisiert als auch gelöst fühlen, ist nicht unbedingt neu. Überraschender ist, dass die entspannende Wirkung auch eine Woche später noch vorhanden sein kann. Das zumindest will Stuart Brody herausgefunden haben.

Frau mit Partner: Sex lindert Lampenfieber
DDP

Frau mit Partner: Sex lindert Lampenfieber

Der britische Psychologe untersuchte die Auswirkungen verschiedener sexueller Aktivitäten bei 24 Frauen und 22 Männern, die eine öffentliche Rede halten oder vor Publikum Rechenaufgaben lösen mussten. 14 Tage lang sollten die Kandidaten genau aufschreiben, wann und wie oft sie Sex hatten. Dabei unterschied der Psychologe drei Arten von sexuellen Kontakten: Selbstbefriedigung, Petting und Geschlechtsverkehr mit vaginaler Penetration.

Das Ergebnis: Testpersonen, die Geschlechtsverkehr hatten, zeigten bei ihrem öffentlichen Auftritt die geringsten Stresssymptome. Auch ihr Blutdruck sei weniger stark gestiegen und schneller wieder zum Normalzustand zurückgekehrt. Allerdings funktioniert diese Art der Beruhigung nur mit klassischem Sex inklusive Penetration, schreibt Brody im Fachblatt "Biological Psychology" (Bd. 71, S. 214). Selbstbefriedigung und Petting hätten auch eine gewisse Wirkung gehabt, seien aber weniger effektiv gewesen. Am schlimmsten war das Lampenfieber bei den Teilnehmern, die in den zwei Wochen vor dem Auftritt gar keinen Sex gehabt hatten, so der Psychologe.

Der an der schottischen University of Paisley forschende Brody vermutet, dass die beruhigende Wirkung von Sex durch die Produktion des Hormons Oxytocin hervorgerufen wird. Der zuweilen auch Kuschelhormon genannte Botenstoff wird im Körper von Mann und Frau bei zärtlichen Berührungen und beim Geschlechtsverkehr freigesetzt und hat sowohl eine euphorisierende als auch beruhigende Wirkung.

Die Oxytocin-Ausschüttung könne auch erklären, warum die Stress senkende Wirkung von Sex nicht nur unmittelbar nach dem Orgasmus auftritt. "Die positiven Effekte konnten nicht nur der Kurzzeit-Entspannung nach dem Orgasmus zugerechnet werden, denn sie hielten mindestens eine Woche an", erklärt Brody. Angaben zu den tatsächlichen Oxytocin-Werten im Blut der Probanden wurden jedoch nicht gemacht.

Um Verzerrungen der Studie auszuschließen, erstellte Brody für jeden Probanden ein psychologisches Profil, das über die Anfälligkeit für Stress und Angstzustände Auskunft gab. Auch die Zufriedenheit in der Partnerschaft und die Arbeitssituation wurden berücksichtigt. Dennoch blieb die sexuelle Aktivität laut Brody die beste Erklärung für die Stärke der Stresszustände.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.