Weltweite Kuss-Studie Nicht alle wollen knutschen

In fast jedem Liebesfilm küssen sich Paare innig. Doch global gesehen ist der romantische Kuss weniger häufig als gedacht. Geknutscht wird nur in etwa der Hälfte der Kulturen.

Corbis

Ein Kuss ist ein Kuss ist ein Kuss. Wir glauben, alles über die innige Lippenberührung zu wissen - und noch ein bisschen mehr als das: Zwei von drei Menschen drehen ihren Kopf beim Küssen nach rechts, hat etwa Onur Güntürkün von der Universität Bochum herausgefunden. Intimes Küssen stärkt nicht nur die Bindung zwischen Liebenden, es führt außerdem zu einer sehr ähnlichen Mundflora der Partner, weiß der niederländische Mikrobiologe Remco Kort. Küssen sei eine effektive Methode, innerhalb kürzester Zeit 80 Millionen Bakterien zu übertragen.

Wir kennen große Kussszenen aus Kunst und Kino, privatere aus dem eigenen Leben. 2011 erschien das Buch "The Science of Kissing: What Our Lips Are Telling Us". Darin erklärt die Wissenschaftlerin Sheril Kirshenbaum den romantischen Kuss zu einem quasi globalen Phänomen. Doch diese Annahme stimme nicht, berichtet jetzt ein Forscherteam um Justin Garcia von der US-University Indiana.

"Vom Winde verweht" (1939): Scarlett O'Hara (Vivien Leigh) und Rhett Butler (Clark Gable) kurz vor ihrem legendären Kuss
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"Vom Winde verweht" (1939): Scarlett O'Hara (Vivien Leigh) und Rhett Butler (Clark Gable) kurz vor ihrem legendären Kuss

Gerade einmal die Hälfte der Kulturen weltweit praktiziere einen romantischen Kuss, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin "American Anthropologist". Sie haben in 168 Ethnien auf allen Kontinenten die Tradition des Küssens untersucht. ln 77 Gruppen fanden sie den romantischen Kuss, in 91 war diese Handlung überhaupt kein Thema.

Die Tabelle zeigt: In Nordamerika pflegt zum Beispiel ein wenig mehr als die Hälfte der dort lebenden Kulturen den innigen Kuss, in Südamerika hingegen nur vier der 21 Bevölkerungsgruppen. In Europa ist der Kuss in sieben von zehn hier untersuchten Kulturen vorhanden.

Der romantische Kuss - kein weltweites Phänomen

Romantische Küsse Kein Kuss Insgesamt
Nordamerika 18 15 33
Ozeanien 7 9 16
Mittlerer Osten 10 0 10
Südamerika 4 17 21
Mittelamerika 0 10 10
Europa 7 3 10
Afrika 4 27 31
Asien 27 10 37

Bezogen auf die in den Regionen lebenden Menschengruppen
Quelle: Justin Garcia, American Anthropologist, 07/2015

Für ihre Analyse arbeiteten die Forscher mit Angaben der Länderdatenbank Standard Cross-Cultural Sample und einer ähnlichen anthropologischen Sammlung der Forschungsgemeinschaft Human Relations Area Files World Culture. Zusätzlich befragte das Team um Garcia 88 Ethnologen, um auch Angaben aus entlegenen Regionen der Welt integrieren zu können. Insgesamt konnten so Angaben von 168 Völkern zusammengetragen werden.

Ausgewertet wurden Antworten auf die Frage, ob der romantische Kuss bekannt sei. Ein "Nein" konnte mehrere Gründe haben: Die Tradition ist in einer Kultur nicht existent oder der innige Lippenkontakt gilt in der Gruppe als ekelig. In anderen Kulturen gilt der Kuss auch als sexuelles Vorspiel und ist daher ein Tabu.

Ein Kuss wurde dabei von den Wissenschaftlern definiert als innige Berührung der Lippen zweier Menschen, die kurz oder auch länger dauern kann. Nicht berücksichtigt wurden flüchtige Küsse, etwa zur Begrüßung, zärtliche Nasenstubser oder solche zwischen Kind und Eltern.

Keiner der befragten Ethnologen konnte über innige Lippenbekenntnisse aus der Region rund um die Sahara berichten, praktiziert werden heiße Küsse auch nicht in Neu Guinea oder unter Bewohnern des Regenwalds im Amazonasbecken. In der Nähe der Arktis hingegen küssen neun von elf Gruppen gern romantisch, berichtet Gracia.

Woher die Unterschiede rührten, müsse nun weiter erforscht werden - genauso wie das Ergebnis, dass der innige Kuss sonst eher in komplexeren sozialen Systemen praktiziert wird - in stärker industrialisierten Gegenden der Welt wird also mehr innig geküsst.

Unterwasser-Kuss: Das Lippenbekenntnis ist noch wenig erforscht
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Unterwasser-Kuss: Das Lippenbekenntnis ist noch wenig erforscht

Die Entstehung des romantischen Kusses sei einfach noch nicht ausreichend verstanden, schreiben die Anthropologen. Bessere Möglichkeiten der Mundhygiene seien sicher ein begünstigendes Moment, das zu stärkerer Kussbereitschaft geführt habe.

nik

insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
glen13 28.07.2015
1.
"Küssen sei eine effektive Methode, innerhalb kürzester Zeit 80 Millionen Bakterien zu übertragen." You made my day. Danke.
Wolfgang Porcher 28.07.2015
2. ein Zeitproblem!
die Jugend von Heute hat es eilig da ist kaum Zeit für das köstliche Vorspiel.
spontanistin 28.07.2015
3. Bessere Mundhygiene?
Seltsam, dass die Theorie der verbesserten Mundhygiene bei den Rohfleisch-Freunden der Eskimos wohl nicht greift. Wohl aber könnte ein intensives Vorkauen des Fleisches durch die Mütter eine Erklärung bieten, während es im Dschungel auch schon mal weiche, breiige Nahrung geben dürfte.
ian_stone 28.07.2015
4.
Zitat von Wolfgang Porcherdie Jugend von Heute hat es eilig da ist kaum Zeit für das köstliche Vorspiel.
Woher wissen Sie das?
Sean MC 28.07.2015
5.
Zitat von spontanistinSeltsam, dass die Theorie der verbesserten Mundhygiene bei den Rohfleisch-Freunden der Eskimos wohl nicht greift. Wohl aber könnte ein intensives Vorkauen des Fleisches durch die Mütter eine Erklärung bieten, während es im Dschungel auch schon mal weiche, breiige Nahrung geben dürfte.
Interessante Bemerkung. Der erste Satz ist unverständlich. Der zweite setzt Wissen voraus. Das Vorkauen der Nahrung, sowohl als Vorstufe industriell gefertigter Babynahrung, als auch in der Kranken- und Altenpflege dürfte in allen Kulturen üblich gewesen sein.
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