Laboranalyse: Forscher weisen erstmals Ehec-Erreger auf Biohof-Sprossen nach
Es ist ein Durchbruch: Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen ist es zum ersten Mal gelungen, den Ehec-Erreger auf Sprossen des verdächtigen Biohofs in Niedersachsen nachzuweisen. Noch rätseln die Behörden, wie das gefährliche Bakterium dort hinkam.
Hamburg/Düsseldorf - Gesundheitsbehörden haben erstmals den Ehec-Erreger auf Sprossen des verdächtigen Biohofs im Landkreis Uelzen nachweisen können. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen ist der Durchbruch Forschern in Nordrhein-Westfalen gelungen.
Es handle sich dabei um den aggressiven Serotyp O104, teilte NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) am Freitag in Düsseldorf mit. Gefunden wurde der Keim von Forschern des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts Rhein-Ruhr-Wupper. Allerdings war die Packung geöffnet und befand sich bereits in der Mülltonne eines Haushalts im Rhein-Sieg-Kreis. Zwei der drei in diesem Haushalt lebenden Familienmitglieder haben Sprossen verzehrt und sind Mitte Mai an den Ehec-Bakterien erkrankt.
Die Sprossen stammen laut Ministerium nach den bisherigen Erkenntnissen aus dem Betrieb im niedersächsischen Bienenbüttel. Damit sei erstmalig eine ununterbrochene Kette mit dem Erreger O104 infizierter Sprossen aus dem Betrieb in Bienenbüttel und erkrankten Personen hergestellt. "Der Fund bestätigt unsere aktuelle Warnung vor dem Verzehr von Sprossen. Es wird damit immer wahrscheinlicher, dass Sprossen die Ursache der Ehec-Erkrankungen sind", sagte Remmel.
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Der Verzehr roher Gurken, Tomaten und Blattsalate ist nach Ansicht der Behörden dagegen wieder ohne Bedenken möglich. Das gaben das Robert Koch-Institut (RKI), das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) sowie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in einer gemeinsamen Pressekonferenz bekannt. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass die bestehende "allgemeine Empfehlung, in Norddeutschland auf den Verzehr von Gurken, Tomaten und Blattsalat zu verzichten, nicht mehr aufrechterhalten werden muss".
Ehec-Häufungen als heiße Spur
Zuvor hatte man den gefährlichen Darmkeim, der die wissenschaftliche Bezeichnung Husec041 trägt und zum Serotyp O104:H4 zählt, in keiner Lebensmittelprobe nachweisen können - weder auf dem unter Verdacht stehenden Biohof noch in irgendeiner anderen Probe aus den Kantinen oder Küchen der betroffenen Personen. Mehrere hundert Proben waren analysiert worden.
Die aktuelle Warnung vor rohen Sprossen basierte aber neben den zahlreichen Indizien aus der Händlerkette auch auf epidemiologischen Befragungen von Erkrankten: Häufungen von Ehec-Infektionen, die sich auf ein Geschehen zurückführen lassen, sind für die Fahnder nach dem Ausbruchsherd der Epidemie eine wichtige Informationsquelle. Solche Ehec-Cluster, wie Experten diese Häufungen nennen, können zu einer heißen Spur werden.
So war es auch im Fall des niedersächsischen Biohofs geschehen: Sprossen seien bei allen größeren Ausbruchsgeschehen an die Gastronomiebetriebe geliefert worden, in denen später erkrankte Personen gegessen hatten, teilte das niedersächsische Landwirtschaftsministerium am 5. Juni mit.
Dabei handelte es sich unter anderem um ein Golfhotel im Kreis Lüneburg, das von dem Sprossenhof beliefert wurde. Hier erkrankten elf von 30 Mitgliedern einer schwedischen Reisegruppe sowie ein Däne. In einem Restaurant in Lübeck infizierten sich 17 Gäste. Das Restaurant hatte ebenfalls Sprossen von dem Hof bezogen. Ebenso betroffen waren mehrere Kantinen und Hotels.
Hinweise durch Patientenbefragungen
Bei den Befragungen des RKI hatten sich aber nur 28 Prozent der Patienten an den Verzehr von Sprossen erinnert. In einer dritten Fall-Kontroll-Studie des RKI wurde speziell der Verzehr von Salatzutaten einschließlich Sprossen als möglicher Risikofaktor untersucht. Ergebnis: In einem Fall mit 112 Studienteilnehmern hatten jene Personen, die Sprossen verzehrt hatten, ein 8,6faches Risiko zu erkranken. Die "rezeptbasierte Restaurant-Kohortenstudie" nannte das RKI diese Analyse. Dabei werteten Forscher sämtliche Daten aus, die sie von der Gruppe bekommen konnten - Speisekarten, Bestelllisten und Fotos, auf denen Teller samt Garnierung zu sehen waren. Dabei fiel der Sprossen-Verdacht klar ins Auge.
Wie der gefährliche Durchfallerreger in die Sprossenproduktion gelangt sein könnte, ist unklar. Experten zufolge sind verschiedene Szenarien möglich. "Der Ehec-Keim kommt im Darm von Wiederkäuern vor", hatte Uta Kaltenbach, Geschäftsführerin des Betriebs gleich nach der ersten Verdachtsäußerung gegenüber einer Lokalzeitung gesagt. "Aber wir haben hier keine Wiederkäuer." Kurze Zeit später erklärte das Unternehmen in einer Presseerklärung, man habe bereits in der zweiten Mai-Hälfte verschiedene Sprossen auf Ehec-Erreger getestet, die Ergebnisse seien aber negativ ausgefallen.
Aufgabe der Behörden ist es nun den Weg des Erregers zum Biohof hin zu analysieren. Überprüft werden muss nun beispielsweise, ob die Sprossen in den Gewächshäusern mit Brauchwasser, also etwa See- oder Regenwasser berieselt werden, und falls ja, wo die Wasserquelle ist. Anschließend müsste man ausschließen, dass Kühe oder Schafe diese Wasserquelle durch ihre Ausscheidungen verunreinigt haben könnten.
Keime im Saatgut?
Selbst wenn die Betreiber Trinkwasser für ihre Berieselungsanlagen nutzen, was bei vielen Herstellern der Fall ist, ist Hygienespezialisten zufolge nicht immer garantiert, dass dieses Trinkwasser tatsächlich frei von gefährlichen Erregern ist. Bewässerungsanlagen, Spritzdüsen, Schläuche - an vielen Stellen könnten sich bakterielle Biofilme bilden und das Vorkommen von Keimen muss ausgeschlossen werden.
Möglich ist auch, dass ein infizierter Mitarbeiter etwa nach einem Toilettengang und schlechter Händehygiene eine solche Düse oder direkt die Sprossen verunreinigt haben könnte. Inzwischen ist bekannt, dass insgesamt drei Mitarbeiterinnen des Bienenbütteler Betriebs, die auch für die Verpackung der Sprossen zuständig waren, an Durchfall erkrankten. Bei einer dieser Mitarbeiterinnen hatte man definitiv Ehec festgestellt.
Möglicherweise habe eine der Frauen "den Erreger in den Ablauf des Betriebes eingespeist", hatte der Sprecher des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums vermutet. Hinweise für eine Übertragung durch den Menschen gibt es inzwischen mehrere. Und auch das Saatgut kommt als Kontaminationsquelle in Frage: Meistens beziehen die Anbieter in Deutschland das Gut aus anderen Ländern.
Trotz der Erfolgsmeldungen will RKI-Chef Burger noch keine Entwarnung geben. Es gebe weiterhin Neuerkrankungen, auch wenn deren Zahl zurückgehe.
Mit Material von dapd und AFP
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