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Lärm-Ranking: Forscher erklären Hannover zur lautesten Stadt Deutschlands

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In welchen deutschen Metropolen leiden die Menschen am meisten unter dem Lärm von Autos, Zügen und Flugzeugen? Forscher halten Hannover, Frankfurt am Main und Nürnberg für die lautesten Städte. Die verwendete Berechnungsmethode ist simpel - und fragwürdig zugleich.

Verkehr: Die lautesten Städte Deutschlands Fotos
Stadtentwicklung Hannover

Berlin - Wer hätte das gedacht? Ausgerechnet Hannover, das sonst als eher beschaulich gilt, ist die lauteste Großstadt Deutschlands. Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie, die das Fraunhofer-Institut für Bauphysik am heutigen Dienstag in Berlin vorgestellt hat. Hannover führt demnach das bundesweite Lärm-Ranking an, gefolgt von Frankfurt am Main und Nürnberg. Die drei leisesten deutschen Städte sind Münster, Augsburg und Leipzig. Die Rangliste umfasst 27 Städte mit mehr als 250.000 Einwohnern (siehe Fotostrecke).

Die Intention der Studie, die ein Hörgerätehersteller über eine Stiftung finanziert hat, ist zweifellos ehrenwert, denn Lärm kann zur Belastung für die Gesundheit werden. Der Schlaf wird gestört, tagsüber werden Stresshormone ausgeschüttet. Bei dauerhaft hohen Lärmpegeln steigt das Herzinfarktrisiko. Doch die Aussagekraft des nun vorgestellten Rankings ist begrenzt: Die Autoren haben eine Berechnungsmethode verwendet, in der die Zahl vom Lärm betroffener Menschen gar keine Rolle spielt. Stattdessen haben die Fraunhofer-Forscher einfach die Flächen in den 27 Städten ermittelt, in denen im Mittel ein Lärmpegel von 55 db(A) - Lautstärke in Dezibel - überschritten wird. Das war mathematisch gesehen sehr einfach, sagt aber nur wenig über die tatsächliche Lärmbelastung einer Stadt aus.

Als Datenbasis dienten die sogenannten Lärmkarten, die jede Kommune ab 250.000 Einwohnern laut einer EU-Richtlinie alle fünf Jahre erstellen muss. Weil eine flächendeckende Messung aber viel zu teuer wäre, wird der Lärmpegel innerhalb der Stadt nur mit einer speziellen Software berechnet. Sie berücksichtigt unter anderem die Zahl der Autos in einer Straße, ihr Durchschnittstempo, den Lkw-Anteil und den Straßenbelag. Natürlich fließt auch die Bebauung mit ein - schließlich schirmt ein Gebäude an einer Hauptverkehrsstraße den Lärm weitgehend ab, so dass es im Hinterhof vergleichsweise ruhig ist.

Straßenlärm am lautesten

Eine solche Lärmkarte sieht auf den ersten Blick aus wie ein Falschfarbenbild der Adern im menschlichen Körper. Es gibt dicke rote Streifen, die in der Mitte violett oder blau sind. Und es gibt feine Striche, meist rot oder orange. Blau steht in der Regel für Stellen, in denen der Lärmpegel im 24-Stunden-Durchschnitt über 75 dB(A) liegt. Orange zeigt mehr als 55, rot mehr als 60 dB(A) an. Zum Vergleich: Ein lautes Gespräch erreicht 60 bis 70, in Spitzen auch 80 dB(A).

Die Fraunhofer-Forscher haben die Karten, die es für Straßenverkehrs-, Flug- und Eisenbahngeräusche gibt, zusammengeführt und daraus eine Gesamtlärmkarte jeder Stadt erstellt. Die erste, wenig überraschende Erkenntnis: Den Löwenanteil des Lärms erzeugen Straßenfahrzeuge.

Dann haben die Forscher die Flächen mit einer Lärmbelastung über 55 dB(A) zusammengerechnet und diese Zahl durch die gesamte Stadtfläche dividiert. 55 dB(A) gilt unter Medizinern als Lärmpegel, der sich auf Dauer belastend auswirkt - etwa durch gestörten Schlaf, Stress oder einfach nur Unruhe. Je größer der Anteil von Flächen mit mehr als 55 dB(A) ist, umso weiter oben landet eine Stadt im Lärm-Ranking.

So kommt es, dass Hannover die Liste anführt, obwohl die dortigen Lärmexperten ihre Stadt auf gleicher Höhe mit Bremen und Frankfurt am Main sehen. Bremen hat jedoch nur eine belastete Fläche von 41 Prozent, Hannover liegt bei 69 Prozent, Frankfurt bei 65 Prozent.

Wohnblöcke an der Autobahn als Lärmschutz?

Wer einen Blick auf die Lärmkarte von Hannover wirft, versteht jedoch ziemlich schnell, warum die Stadt so schlecht dasteht. An der Stadtgrenze, größtenteils weit entfernt von Siedlungen, verlaufen Autobahnen. Weil dort keine Lärmschutzwände stehen, erzeugen sie einen zwei Kilometer breiten Streifen mit einem mittleren Lärmpegel oberhalb 55 dB(A). Und dieser Lärmstreifen gehört ganz oder zumindest zur Hälfte zum Stadtgebiet von Hannover. Dass dort kaum jemand wohnt oder spazieren geht, spielt in der Berechnung keine Rolle.

Stünden links und rechts der Autobahn Wohnsiedlungen, wäre der Lärmstreifen dagegen nicht einmal 100 Meter breit. Zwar würden dann viele Menschen eine Menge Krach abbekommen, Hannover aber im Lärm-Ranking besser dastehen - denn die Stadtfläche mit Lärm oberhalb 55 dB(A) würde sinken.

Besonders gut erkennbar wird diese verquere Logik am Ruhrgebiet. Deutschlands größter Ballungsraum ist kreuz und quer von Autobahnen durchzogen, die extrem dichten Verkehr nicht selten mitten durch dicht bebaute Wohngebiete leiten. Dennoch landen Gelsenkirchen, Dortmund, Bochum und Duisburg im Lärm-Ranking nur auf den Plätzen 8 bis 11. Essen findet sich gar auf Rang 19 wieder und wäre damit leiser als Bielefeld oder Wuppertal.

Aufschlussreicher wäre die Studie geworden, wenn die Forscher berechnet hätten, wie viele Menschen welcher Lärmbelastung tagsüber, in der Freizeit und nachts ausgesetzt sind. Allerdings hätte das die Berechnung deutlich verkompliziert, und ein einfaches Ranking wäre wohl nicht mehr möglich gewesen. Denn wer will schon entscheiden, ob 20.000 Einwohner mit 60 dB(A) nachts stärker belastet sind als 40.000 Bewohner mit 55 dB(A)? Zumal man dann auch wissen müsste, ob ihr Schlafzimmer Richtung Straße liegt oder Richtung Hof und ob das Fenster offen steht oder nicht.

So aber gilt Hannover nun als lauteste Stadt Deutschlands - obwohl das wahrscheinlich nicht stimmt.

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