Psychologie Wie Lästern Menschen verbindet

Menschen lieben Klatsch und Tratsch. Das sollten sie auch: Lästern hat zwar einen schlechten Ruf, ist aber in Gesellschaften der Motor des Miteinanders.

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Egal ob Verkäuferin oder Universitätsprofessor, ob in der U-Bahn oder am Abendbrottisch: Menschen lästern. Tagein, tagaus. Dabei ist der Austausch hinter dem Rücken einer anderen Person gar nicht so schlecht, wie immer angenommen. Lästerei gehört nicht nur zum Alltag, sie ist auch nützlich, sagen Forscher.

Täglich verbringen Menschen knapp zwei Drittel ihrer Redezeit mit Berichten über andere. Sie palavern darüber, was der Nachbar so macht, wie sich Freunde anziehen, was Kollegen ihnen erzählen. Dabei ist der Austausch über Dritte kein Phänomen unsere modernen Gesellschaft, selbst bei Urvölkern wurde getratscht.

"Lästern ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft", bestätigt Jan Engelmann vom Max-Planck Institut für evolutionäre Anthropologie. Menschen hätten schon immer ein großes Interesse daran, etwas über andere zu hören. Er geht davon aus, dass Klatsch und Tratsch eine tiefere Bedeutung, gar eine sinnvolle Funktion in unserem Zusammenleben haben müssen. Sonst wären sie nicht so sehr in unserem Alltag verwurzelt, trotz ihres schlechten Rufs.

Kleber unserer Gesellschaft

Tatsächlich haben Forscher Hinweise darauf gefunden, dass Lästern sowohl einen persönlichen Nutzen hat, als auch der Kleber unserer Gesellschaft sein könnte. Eine niederländische Studie mit mehr als 300 jungen Erwachsenen etwa ergab, dass Menschen sich gern Klatsch anhören, um sich selbst besser einschätzen zu können. Erzählt uns jemand von Missgeschicken anderer, stärkt das unseren Selbstwert.

Zugleich signalisiert es, dass der Erzähler uns vertraut, sonst würde er die sensiblen Informationen nicht mit uns teilen. Aber auch, wenn jemand uns von Erfolgen eines Mitmenschen berichtet, wachsen wir daran, denn wir lernen daraus. Vor allem unter Kollegen können Erfolgsgeschichten anderer der Studie zufolge das Gefühl auslösen, selbst etwas an Kompetenz gewonnen zu haben.

Andere vor Querschlägern warnen

Auch wenn viele Lästern mit Rufschädigung und Verrat verbinden, hegen Menschen bei Gesprächen hinter vorgehaltener Hand selten schlimme Absichten, wie eine weitere Forschergruppe aus den Niederlanden herausfand. In drei Studien versuchten sie herauszufiltern, warum Menschen lästern. Eine erste Befragung von rund 220 Studenten zeigte: Klatsch und Tratsch dient in erster Linie dem Informationsaustausch und dazu, die eigene Meinung mit der anderer abzugleichen. Ein Akt, der zugleich verbindet.

Ein zweiter Grund war die pure Freude am Geschichtenerzählen und -hören. Nur selten plauderten die Menschen über andere, um ihnen zu schaden. Vielmehr dient die Weitergabe von Tratsch dem Schutz der Gemeinschaft. Das ergaben die zwei weiteren Erhebungen der Forscher. Ob am Arbeitsplatz, in der Schule oder in Sportvereinen: "Lästerei wird vor allem dann angezettelt, wenn jemand die Gruppennormen verletzt hat und man die Möglichkeit hat, andere vor Querschlägern zu warnen", erklären die Studienautoren.

Ein Beispiel: Dass jemand etwa in einer Lerngruppe für einen gemeinsamen Vortrag an der Uni besonders wenig Einsatz zeigt, aber dank der anderen eine gute Note abstaubt, wird sehr wahrscheinlich zu Klatsch führen. Wenn jemand die eigene Erfahrung mit der Person weiterträgt, dann dient das nicht nur dem Frustabbau, sondern warnt andere auch vor dem faulen Kommilitonen.

Schon Kinder lästern wohlwollend

Diese wohlwollende Art des Lästerns zeigen sogar schon Kinder, wie ein Experiment des Max-Planck-Forschers Engelmann im vergangenen Jahr offenbarte. Er und Kollegen ließen Drei- und Fünfjährige jeweils einzeln mit zwei Puppen ein Tauschspiel spielen.

Die eine Puppe war kooperativ und gab genauso viele Murmeln ab, wie es die Regeln vorsahen. Die andere rückte deutlich weniger raus. Nachdem die Kinder mit beiden Figuren gespielt hatten, betrat ein weiteres, von den Forschern eingeweihtes Kind den Raum und sollte sich eine Puppe zum Spielen aussuchen.

Tatsächlich warnte die Mehrheit der bereits anwesenden Kinder das neue Kind vor dem geizigen Spielzeug. Während die Dreijährigen nur durch Zeigen die kooperative Figur empfahlen, äußerten sich die meisten Fünfjährigen ganz konkret mit Sätzen wie "Ich würde nicht mit dem spielen, weil der immer nur ganz wenig abgibt". Sie lästerten - um andere zu schützen.

Tratsch reduziert egoistisches Verhalten

Zu wissen, dass innerhalb von Cliquen, Arbeitsgruppen oder Bürogemeinschaften getratscht wird, kann sogar das Miteinander verbessern. In einer Studie mit Studenten verhielten sich die Teilnehmer deutlich kooperativer, wenn sie wussten, dass egoistisches Verhalten weitergetratscht werden könnte - und mitunter zum Ausschluss aus der Gruppe führt.

Die Probanden sollten in wechselnden Teams an einem Computerspiel teilnehmen. Alle erhielten pro Spiel gleich viele Punkte, die später als Geld ausgezahlt wurden. Dann hatten sie die Möglichkeit, beliebig viele Punkte in einen gemeinsamen Topf mit ihren Mitspielern zu werfen. Diese wurden addiert, verdoppelt und gleichmäßig auf die Spieler verteilt. Die Folge: Gaben alle viel, profitierten alle. Gaben einige viel und andere wenig, profitierten nur die Geizigen.

Durften die Spieler im Anschluss an ihr Gruppenspiel andere Studienteilnehmer vor einem gierigen Spieler warnen, reduzierte das die egoistischen Spielzüge. Gab es zudem die Möglichkeit, unfaire Spieler auszuschließen, rissen sich die Unkooperativen umso mehr zusammen. Warfen sie ohne Lästeroption gerade mal 2,6 von 10 Punkten in den gemeinsamen Topf, investierten sie bei drohendem Klatsch und Ausschluss rund 8 Punkte.

"Einen Ruf zu verlieren"

"Tratsch fördert die menschliche Kooperation. Denn zu lästern und zu wissen, dass andere lästern könnten, macht Menschen bewusst, dass sie einen Ruf zu verlieren haben. Das wiederum kann prosoziales Verhalten fördern", schlussfolgerten die Studienautoren.

Obwohl Lästern oft als Gift für das Miteinander gesehen wird, könnte es demnach sogar zur Basis aller funktionierenden Gemeinschaften beitragen. "Lästern kann im Einzelfall sehr manipulativ, verletzend und rufschädigend sein", sagt der Forscher Engelmann. "Doch, auf einen langen Zeitraum gesehen, ist es sehr funktional - und wichtig für den Zusammenhalt unter Menschen."

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upalatus 16.05.2017
1.
Den Hauptwirkungsort der Tratscherei, die Arbeitswelt betrachtend: Wie lange dauert es wohl, bis alles über jeden in sagen wir einer 35köpfigen Abteilung getrascht ist? Um dann mangels Masse und dennoch quälender Plappersucht noch Redestoff zu haben, passiert dann gerne was? Kleinste Regungen von MA ausserhalb des erlauchten Schwafelkreises (derer es einiger geben kann auf engsten Raume) werden verbal hochgepusht, ohne Zögern einfach erfunden, durch den stahlharten Interpretationsfleischwolf gedreht, und vor allem! ausgeschmückt. Die mehr oder weniger permanente Angst, dass die ungehemmte Tratscherei den eigenen Ruf schädigen bis morden kann (genügend Fallbeispiele vorhanden) soll prosoziales Verhalten fördern? Es fördert ganz sicher kleine graue Menschen, die langsam unter der gleichfarbigen Dickdecke mit den Kumpels namens Angst und Misstrauen modern und sich kaum was trauen. Gruppen-Burgenbildungen, damit man dem fliegenden Dreck nicht alleine ausgesetzt ist. Zudem dann ganz ganz gerne (Rachsucht, Anbiederung an die breite Tratschgemeinde, schlichte Bosheit) auch mal beachteten Infohalbgott spielen möchten, indem 'neueste Infos', natürlich total authentisch und wahr, über andere 'kommuniziert' werden. In der Arbeitswelt kann der Tratsch eine sehr blutig scharfe Waffe des eiskalten Manipulierers sein. Vor derartigen Strukuren tut sogar der eine odere andere schneidige Manager sich fürchten. Ist doch schon so manchem Standeskollegen eine heisse Bummsstory mit der neuen Sekretärin auf Dienstreise in harter und hartnäckiger Weise nachgeschwafelt worden inklusive Schwangerschaft.... obwohl die bedauernswerte Dame in der harten Phase der hochoffiziellen Gegenbeweisführung nachweisbar noch nie auf einer solchen überhaupt war. Und wie viele denken sich beim Lesen der Schilderung, ein Körnchen Wahrheit ist doch obligat immer dahinter, da wird schon was gelaufen sein...... selber schuld.... Was sich alles, wohl aus Mangel an tageswerkfüllenden Arbeitsaufgaben, aus schon sich zu zerfransen beginnenden hurtigen Mündern über andere ergießt, natürlich erst mal sehr lange hinter deren Rücken, reichte bei einem Kollegen für die suizidale Handlung (nd glaube man nicht, es handele sich beim Ort des Geschehens um eine substandard Hundefutterdrecksklitsche mit seelenlosen Kükenerwürgern......). Das Maximum an Irrsinn ist erklommen, wenn die interne superkulturelle Traditionskiste und deren feinstoffpanzerritterige Oberverteidiger (Leiter) es unwidersprochen und nachprüflos (heisst: fordert keine Belege) und vor allem unsanktioniert zulassen, dass MA durch den fleissigen Maulzerreiss mit justitiabel relevanten Schwerdreck beworfen werden. An der gefilterten polierten Oberfläche mag eine Gruppe als beneidenswert zusammenhaltend wirken, der man gar gerne auch angehören würde. Darunter hackts und stichts, und jeder lässt jeden bei genügend großem Vorteil über die Klinge springen. In der Arbeitwelt hat diese soo nette menschliche Eigenschaft des Lästerns und Tratschens nichts verloren. Das urmenschliche guttuende gemeinschaftliche Grunzen und Furzen in Funktionsgruppen konnte ja auch etwas zurückgedrängt werden......
dariabl 17.05.2017
2. Foren
Liebe Leute, ich zum Beispiel, bin in einem Forum über Serien wie SdL, LiStra und RR. Ich finde es geradezu herrlich, dort täglich zu lästern, diskutieren und auch Positives zu finden. Ich möchte meinen Tratsch nicht mehr missen. Außerdem, ich tratsche nicht, ich diskutiere die Situation aus. Daria Blächer, Bremen
Qual 17.05.2017
3. So kurzsichtig
Völlig kurzsichtige Beztachtung, die mit deutlich zu wenigen Daten daher kommt. Wenn man ein kleines Rad ist und vor allem unkritisch in der Welt anderer lebt mögen einige Aussagen noch Sinn ergeben. Spätestens jedoch wenn man zu eigenständiger(!) (und das schließt aus darauf zu achten, was andere von einem halten) Entwicklung fähig ist wird die ganze Bösartigkeit am Lästern deutlich: Es dient nämlich lediglich dazu andere klein zu halten, letztlich von der eigenen Bedeutungslosigkeit abzulenken in dem man auf andere zeigt. Es mag ja erleichternd wirken, ist aber nur eine erwartete Rechtfertigung für die eigene Faulheit sich mit sich selbst zu beschäftigen. Ich frage ganz bewusst bei andeutendem Lästern warum man sich nicht besser mit sich selbst beschäftigt. Das hält wach. Dafür habe ich dann allerdings auch keine 500 "Facebook-Freunde" sondern nur 5 richtige. Was erzählt man uns als nächstes? Auf die Straße kacken bringt soziale Erfolge weil man beachtet wird?
valmel 17.05.2017
4. Lästern ist also gut
Während drei Artikel weiter eine scharfe Form des Lästern beklagt wird: Mobbing. Wie sangen die Ärzte noch so schön: Lasse redn... Menschen, die in meiner Gegenwart über andere lästern, erzähle ich nichts und vertraue ihnen auch nicht. Aus gutem Grund.
fatherted98 17.05.2017
5. logisch....
....über was soll man mit den langweiligen Kollegen auch sonst reden als über andere langweilige Kollegen und deren Fehler? Die Mittagspause und der Kaffeeschwatz wären totlangweilig wenn es die Lästereien nicht gäbe.
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