Landung in England Cäsars Invasion muss neu datiert werden

Vor fast 2100 Jahren eroberte Cäsar Britannien - aber wann genau? Lange haben Wissenschaftler über den genauen Tag der römischen Invasion gestritten. Jetzt hat ein Physiker das Rätsel anscheinend gelöst - mit Hilfe eines Touristenboots und eines Apfels.


Der erste Landungsversuch ging in die Hose. Von den Kalkfelsen beim heutigen Dover starrten bewaffnete Horden von Einheimischen auf die Invasionsarmee des Imperators, zum Kampf bereit. "Das Meer bildete dort eine Bucht, die von Bergen so eng eingeschlossen war, dass man den Strand von oben herab beschießen konnte", schrieb der Römer später in seinem Buch "De Bello Gallico".

Cäsar und seine beiden Legionen VII und X segelten "etwa sieben Meilen von der ersten Stelle weiter". Die rund hundert Schiffe ankerten schließlich "an offenem und flachem Strand" - der Einmarsch in Britannien, ganz am Rand der damals bekannten Welt, konnte beginnen.

Die Landung der Legionen fand irgendwann im Sommer des Jahres 55 vor Christus statt, so viel ist sicher. Viele Historiker gingen bisher davon aus, dass die Römer am 26. oder 27. August auf der Kelteninsel ankamen. Doch der US-Physiker Donald Olson von der Texas State University glaubt, dass dieses Datum korrigiert werden muss. Der Experte für Gezeiten hatte im vergangenen Sommer ein einmaliges Experiment durchgeführt, über das er nun mit Kollegen im Magazin "Sky & Telescope" berichtet.

Experiment mit Apfel und Schiff

Das Team fuhr auf einem gecharterten Touristenschiff in den Ärmelkanal - zu einem Zeitpunkt, an dem Sonne und Mond in einer ähnlichen Position waren wie im Jahr 55 vor Christus - eine ideale Gelegenheit, die Lage von damals nachzuvollziehen. Das nächste Mal würde es solch eine Konstellation erst wieder im Jahr 2140 geben. Auf der offenen See ließen sie den Skipper die Maschinen abschalten. Das Ergebnis: An dem Datum, das dem 22./23. August des Jahres 55 vor Christus entsprach, trieb das Boot Richtung Nordost nach Deal - den Ort, den Historiker für die Invasion favorisieren.

Am bisher angenommenen Zeitpunkt des Einmarsches, dem 25. oder 26. August, führte Olson ein denkbar einfaches Experiment durch: An der Pier von Deal warf er einen Apfel ins Meer. Das Ergebnis: Der Ärmelkanal floss nicht in die Richtung, die für eine erfolgreiche Landung notwendig gewesen wäre. Statt nach Nordosten dümpelte der Apfel in Richtung Südwest davon - direkt nach Dover, wo die bewaffneten Kelten auf Cäsars Landung lauerten.

Die Reise der Römer, so glauben die Forscher, müsse deswegen am 22. oder 23. August. Zu diesem Zeitpunkt hätten die Gezeitenverhältnisse genau gepasst. Cäsar berichtete von ungewöhnlich starken Gezeiten, einem vollen Mond und einer Meeresströmung, die in der Mitte des Nachmittages ihre Richtung geändert habe. All das passe auf das nun vorgeschlagene Datum - und nicht auf den bisher favorisierten Zeitpunkt mehrere Tage später.

Nachdem die Frage des Datums geklärt ist, bleibt trotzdem noch eine wichtige Frage unbeantwortet: Wo genau sind die Römer angelandet? In Cäsars Bericht, er sei von den weißen Klippen mit ihren waffenstrotzenden Bewohnern sieben Meilen weit gereist, fehlt leider die Richtungsangabe. In Ermangelung genauer Erkenntnisse hatten viele Historiker einen flachen Strand in der Nähe der heutigen Orte Walmer und Deal favorisiert. Gezeitenexperten hatten das aber eher kritisch gesehen, weil am bisher vermuteten Landedatum am 26. oder 27. August die Gezeiten dort nicht gepasst hätten.

Dieser scheinbare Widerspruch sei nun gelöst, sagt Olson. "Mit unserem neuen Ergebnis, unserem neuen Datum, ist alles unter einen Hut gebracht."

chs



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