Böden weltweit in Gefahr Mit Füßen getreten

Wissenschaftler sind alarmiert: Wir kümmern uns zu wenig um die Böden der Welt. Dabei ist die Bodengesundheit zentral, wenn Ende des Jahrhunderts bis zu 13 Milliarden Menschen satt werden sollen.

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AFP

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Einen Hektar Boden zu versiegeln, kann durchaus harte Arbeit sein. Jedenfalls hatten die Männer und Frauen in den weißen Anzügen gut zu tun, die Ende April im Berliner Park am Gleisdreieck mit riesigen Bahnen pechschwarzer Folie Fläche von 10.000 Quadratmetern abdeckten. Die Kunstaktion dauerte genau 20 Minuten. In diesem Zeitraum wird in Deutschland auch sonst durchschnittlich ein Hektar Erdreich überbaut - und geht damit ohne Ersatz verloren. Als Lebensraum, Wasserspeicher, Temperaturregulator - oder Anbaufläche für Lebensmittel.

Die Menschheit tritt die Zukunft des Bodens mit Füßen - im traurigsten Wortsinn. Das belegt eine Auswertung, die Wissenschaftler um Ronald Amundson von der University of California in Berkeley gerade im Fachmagazin "Science" veröffentlicht haben. In den kommenden 20 Jahren, so berichten die Forscher unter anderem, dürften weltweit etwa 1,5 Millionen Quadratkilometer Land überbaut werden. Das ist mehr als viermal die Fläche Deutschlands.

Um neue Felder anzulegen, werden gleichzeitig rund um den Globus Wälder und Savannen zurückgedrängt - mit fatalen Folgen für das Erdklima. Bei Rodungen werden große Mengen Kohlenstoff frei. Gleichzeitig verschleißt die intensive Landwirtschaft riesige Flächen früher fruchtbaren Bodens, dessen Qualität an vielen Stellen mehr und mehr abnimmt. "Böden sind in menschlichen Zeiträumen eine nicht erneuerbare Ressource", warnt Jes Weigelt vom Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam.

Womöglich, so rechnen Amundson und Kollegen in ihrer Arbeit vor, müssen im Jahr 2100 elf Milliarden Menschen auf der Welt ernährt werden. Die Uno prognostiziert gar 13 Milliarden. Doch woher soll das Essen für sie kommen? Bereits jetzt steigen die Erträge pro Ackerfläche nur noch geringfügig an - trotz des Einsatzes großer Mengen Dünger in der Landwirtschaft: Stickstoff, Kalium und Phosphor, die im 20. Jahrhundert für wahre Produktivitätssprünge sorgten, haben ausgezaubert. Aus erodierten Böden ausgewaschen, haben sie außerdem riesige Todeszonen am Boden der Weltmeere entstehen lassen - auch in der Ostsee.

"Politische Herausforderungen und Unsicherheiten"

Und trotzdem wird kräftig weitergedüngt, weil es scheinbar keine Alternativen gibt. Die auf den Feldern der Welt ausgebrachte Düngermenge liegt so hoch wie nie, jenseits von 250 Millionen Tonnen. Vor allem in China stieg der Verbrauch zuletzt besonders stark. Insbesondere Phosphor dürfte binnen der nächsten Jahrzehnte zu einem knappen oder zumindest umkämpften Gut werden. "Das könnte zu politischen Herausforderungen und Unsicherheiten führen", erklärt Forscher Amundson.

Auch sei es möglich, dass große Phosphorhersteller wie China oder Marokko eine Art Düngemittelkartell bildeten. In ihrem Artikel warnen die Wissenschaftler sogar unverblümt vor "wirtschaftlichen Ungleichgewichten oder geopolitischen Konflikten zwischen Staaten". Im Fall von Marokko ist es übrigens bereits jetzt so, dass große Teile der Phosphorreserven im Gebiet Westsahara liegen, dessen Status völkerrechtlich umstritten ist.

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Grafiken: Düngern, düngen, düngen
Als ein möglicher Ausweg für das Düngemittelproblem gilt die Rückgewinnung von Kalium und Phosphor. Zum Beispiel scheidet jeder erwachsene Mensch pro Tag etwa ein Gramm Phosphor über den Urin aus. Das heißt: Der Rohstoff ließe sich aus dem Klärschlamm herausholen, der heute normalerweise als Müll verbrannt wird. Das muss aber nicht so bleiben. Unter der aktuellen schwarz-roten Bundesregierung in Deutschland hat es die Phosphorrückgewinnung sogar in den Koalitionsvertrag geschafft.

In ersten Pilotstudien ist das Verfahren bereits untersucht worden, unter anderem an Klär- und Müllverbrennungsanlagen in Baden-Württemberg. Der Verband der Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) hat sich gerade für ein gesetzliches Phosphor-Rückgewinnungsgebot ausgesprochen.

Aus Sicht von Jes Weigelt, der an der "Science"-Studie nicht beteiligt war, ist die Verfügbarkeit von Dünger für die Landwirtschaft allerdings nur ein Aspekt des Bodenproblems. "Amundson und seine Kollegen befassen sich in ihrem Artikel zu stark mit dem Angebot an Nährstoffen und zu wenig mit Konsummustern", warnt der Forscher. "Über den Bodenverbrauch entscheidet aber auch die Frage mit, wie viel Fleisch wir essen und wie viele Lebensmittel wir wegwerfen."

Mit diesem Thema wollen sich übrigens die Künstler im Berliner Park am Gleisdreieck befassen. Am letzten Maiwochenende planen sie ein "No Waste Picknick". Dabei sollen Lebensmittel, die ansonsten weggeworfen worden wären, erst bei einem öffentlichen Kochkurs zubereitet und dann verspeist werden.


Zusammengefasst: Eine neue Auswertung zeigt, wie schlecht die Menschheit mit der Ressource Boden umgeht. Demnach werden in den kommenden 20 Jahren weltweit etwa 1,5 Millionen Quadratkilometer Land überbaut - eine Fläche viermal so groß wie Deutschland. Außerdem steigen die Erträge in der Landwirtschaft trotz massiver Düngung nur noch geringfügig an - trotzdem wird kräftig weitergedüngt. Dabei ließe sich ein Teil des Problems durch reduzierten Fleischkonsum und weniger Lebensmittelabfall lösen.

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insgesamt 77 Beiträge
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Marvel Master 07.05.2015
1. und alle wollen nach Deutschland. :-)
Wo Milch und Honig in Hülle und Fülle fließt. Wenn man mal realistisch ist, dann ist der Planet gerade mal für 1,5 Mrd Menschen ausgelegt. hat man mehr Menschen, machen sie langfristig den Planeten kaputt. Klimaschutz ohne Geburtenkontrolle ist quatsch. Das was die einen einsparen, verbrauchen die neu dazugekommen dann halt wieder bzw. sogar noch mehr. VG Marvel
supergecko 07.05.2015
2. Gesunder Boden? Vollkommen überbewertet!
Was soll das ganze? Wir alle wollen doch kurzfristigen Reichtum. Also was soll´s - Geld und Reichtum besänftigt die Schuldgefühle wirksam.
politik-nein-danke 07.05.2015
3. Tja...es musste ja auf dem Land auf Teufel komm raus jeder Haushalt
an völlig überdimensionierte Klärwerke angeschlossen werden....und die Bauern durften die Scheiße nicht mehr bei den Leuten aus den Klärgruben abholen und als natürlichen Dünger auf den Acker fahren....
maxroos 07.05.2015
4.
Das Problem heisst schlicht und ergreifend "Übervölkerung"! Die Erde verträgt 2 oder 3 Mrd. Menschen; vielleicht sogar 4. Alles, was darüb hinaus geht, ist ganz einfach ZUVIEL! Aber Politiker weltweit faseln ja ständig von "Wachstum" und ähnlichem Blödsinn! In Deutschland kommt noch die Renten-Saga dazu!!! Möchten wir unsren Kindern wirklich Krieg um Wasser und Nahrungsmittel zumuten??!!
Freifrau von Hase 07.05.2015
5. Westen
"wenn Ende des Jahrhunderts bis zu 13 Milliarden Menschen satt werden sollen." Sollen ja gar nicht. Es wird eine Minderheit in den Industrieländern geben, die satt ist, und die Mehrheit wird sich selbst überlassen. Wie es immer war.
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