Langzeitstudien Ecstasy weniger gefährlich als angenommen

Die Partydroge Ecstasy ist in ihrer Langzeitwirkung weniger schädlich als Heroin oder Crack. Das hat eine Studie im Auftrag der britischen Regierung ergeben - trotzdem wollen die Briten die Strafen für den Besitz der Droge nicht senken: Ecstasy bleibt Heroin gleichgestellt.


Methylendioxymethamphetamin - oder kurz MDMA - heißt der Wirkstoff, der vor 20 Jahren Partys problemlos bis in die Morgenstunden verlängerte. Die bunten Pillen mit dem Namen Ecstasy gehörten zur Raver-Generation wie die Smileys auf ihren T-Shirts und ihre Elektromusik.

Ecstasy-Pillen: "Die systematischste Bewertung, die es je gegeben hat"
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Ecstasy-Pillen: "Die systematischste Bewertung, die es je gegeben hat"

Anfangs galt die Droge als extrem gefährlich: Eine 2002 im renommierten Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentliche Studie hatte ergeben, dass bereits eine einzige unter starkem Ecstasy-Einfluss durchtanzte Nacht das Gehirn womöglich dauerhaft schädigen kann . Die Partydroge erhöhe das Risiko, in späteren Jahren an schweren neurologischen Störungen zu erkranken, folgerten die Wissenschaftler aus Versuchen mit Affen. Ein Jahr später mussten die Forscher ihre Warnungen jedoch zurücknehmen - sie hatten in ihren Versuchen gar kein Ecstasy verwendet, sondern Amphetamine.

Eine Metastudie des Advisory Council on the Misuse of Drugs(ACMD) im Auftrag der britischen Regierung kommt nun jedoch zu dem Schluss, dass Ecstasy weniger gefährlich für Konsumenten ist als mancher bislang glaubte. Gabriel Rogers und Ruth Garside von der Peninsula Medical School in Exeter haben die Daten von 110 Studien über die Langzeitwirkung der Droge analysiert.

"Das ist die systematischste Bewertung von Ecstasy, die es je gegeben hat", sagte ACMD-Chef David Nutt. Es gebe vergleichsweise wenig Nebenwirkungen, nur wenige Konsumenten würden von der Droge abhängig werden. Lediglich bei wenigen Menschen würde Ecstasy impulsives, gewalttätiges oder riskantes Verhalten auslösen.

Die Ergebnisse decken sich mit einer Untersuchung aus dem Jahr 2007, in der Nutt gemeinsam mit Kollegen der University of Bristol eine Rangliste der schädlichsten Drogen erstellt hatte. Sie wird angeführt von Heroin und Kokain, auch Alkohol und Tabak landeten unter den Top Ten. Ecstasy kam im Ranking nur auf den 18. Platz.

Alkohol und Tabak gefährlicher

Nutt betonte zugleich, dass es keine Zweifel an der Schädlichkeit von Ecstasy gibt. Allerdings seien die Effekte diese nicht mit Heroin oder Kokain zu vergleichen. Deshalb sollte Ecstasy auch juristisch nicht genauso eingestuft werden wie diese harten Drogen.

Der Besitz von Ecstasy ist in praktisch allen Ländern verboten. Die meisten Länder haben die Partydroge mit Heroin und Kokain gleichgestellt, entsprechend hoch sind die Strafen. Innenminister Alan Campbell hat die Empfehlung der Drogenexperten bereits zurückgewiesen. "Die Regierung möchte jungen Leuten und der Öffentlichkeit nicht signalisieren, dass wir Ecstasy nicht mehr so ernst nehmen." Die Droge sei für den Tod von etwa 15 Menschen pro Jahr direkt verantwortlich.

Die vom ACMD erstellte Metastudie belegt, dass Ecstasy-Konsumenten in psychometrischen Tests tatsächlich schlechter abschneiden als Nichtnutzer der Droge. Betroffen sind Gedächtnis, Sprachvermögen, Aufmerksamkeit sowie Entscheidungs- und Planungsvermögen. Auch Depressionen wurden beobachtet.

"Das ist ein kleiner, aber messbarer Effekt", sagte Roger der Web-Seite des "New Scientist". Die beobachteten Phänomene treten nicht nur bei Konsumenten auf, sondern auch bei denen, die die Droge seit mehr als sechs Monaten nicht angerührt haben. Die Probleme würden offenbar längerfristig bestehen bleiben, folgern die Forscher.

Zugleich warnen die Wissenschaftler vor bestehenden Unsicherheiten der ausgewerteten Studien. Die meisten würden auf Befragungen von Konsumenten beruhen, die oft auch andere Drogen wie Alkohol genommen hätten. Mitunter handle es sich bei den Studienteilnehmern nicht um eine repräsentative Stichprobe. Auch eine eindeutige Zuordnung des Wirkstoffs MDMA zu bestimmten Effekten sei nicht immer möglich.

Korrektur: In der ersten Version dieses Artikels fehlte der Hinweis auf den Widerruf der "Science"-Studie von 2002. Dieser Verweis ist nun ergänzt.

hda/Reuters



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