Laserkanonen Wunderwaffe auf wackligem Boden

Energie statt Kugeln: Der militärische Einsatz von Laserkanonen rückt näher - zumindest, wenn man den Herstellern glaubt. In Kürze wollen sie Energiewaffen für die Schlachtfelder im Irak und in Afghanistan produzieren. Doch die Versprechen der Rüstungskonzerne sind fragwürdig.

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Hamburg - Flugzeuge, Raketen und Granaten per Laser vom Himmel holen, blitzschnell, hochpräzise und zuverlässig - seit Jahrzehnten träumen Militärs von solchen Waffen, und ebenso lang gibt es vor allem eines: Fehlschläge. Der jüngste Reinfall war der "Taktische Hochenergie-Laser" (THEL), ein Monstrum mit den Ausmaßen von sechs Reisebussen. Zehn Jahre Entwicklungszeit und 300 Millionen Dollar hatte die US-Regierung in das THEL-Projekt gesteckt, bis es im Herbst 2005 begraben wurde.

Doch das endgültige Aus für die Laser-Ambitionen der Amerikaner war das nicht - nur dass man jetzt offenbar mehr Wert darauf legt, die Kosten in den Griff zu bekommen. Inzwischen häufen sich die Berichte über abgespeckte Abwehr-Laser, die möglicherweise schon im nächsten Jahr in Krisengebieten wie dem Irak und Afghanistan zum Einsatz kommen könnten.

Der US-Rüstungskonzern Raytheon hat jetzt einen im Handel erhältlichen Industrie-Laser mit dem "Phalanx"-System kombiniert. "Phalanx" wurde ursprünglich für US-Kriegsschiffe konstruiert, um feindliche Flugzeuge und Projektile im letzten Moment abzuschießen. Dafür ist das System mit einer Gatling-Maschinenkanone ausgestattet, die 20-Millimeter-Geschosse mit 3000 bis 4500 Schuss pro Minute abfeuert. Seit 2005 ist das "Phalanx"-System auch im Irak stationiert, unter anderem zum Schutz von Truppenstützpunkten.

Laser statt Maschinenkanone

Raytheon hat die Kanone nun durch einen Festkörper-Laser ersetzt - und fertig ist das "Laser Area Defense System" (LADS). Im Juni vergangenen Jahres gab es einen ersten Test, bei dem der Laser auf rund 500 Meter Entfernung einige 60-Millimeter-Mörsergranaten zur Explosion gebracht haben soll. Damit sei "bewiesen", prahlte Raytheon-Manager Mike Booen, "dass man nicht noch einmal drei oder fünf Jahre warten muss, bis Festkörper-Laser auf dem Schlachtfeld eingesetzt werden können."

Allerdings brachte es der Laser auf eine Leistung von lediglich 20 Kilowatt. Für das Abschießen von Projektilen in der Luft gelten jedoch 100 Kilowatt als Minimum. Da mag es kaum verwundern, dass Raytheon in seiner Jubelnachricht verschwieg, wie lange der Laser auf die Mörsergranaten gerichtet war. Auch waren die Granaten mit 60 Millimetern recht kleinkalibrig und lagen außerdem am Boden, statt wie sonst üblich durch die Luft zu fliegen. Insgesamt also wenig realitätsnahe Bedingungen.

Das alles ist jetzt mehr als ein Jahr her, ohne dass Raytheon neue Durchbrüche vermeldet hätte. Im Juni veröffentlichte der Konzern eine weitere Pressemitteilung. Der Neuigkeitswert gegenüber dem Stand vom Juni 2006 tendierte gegen Null, abgesehen von einem Satz: dass man "später in diesem Jahr" einen Versuch plane, bei dem Mörsergranaten vom Himmel geholt werden sollen.

Der "Daily Telegraph" berichtet nun, dass der Test im September stattfinden soll. Falls er erfolgreich verlaufe, werde LADS vielleicht schon 2009 in Krisengebieten eingesetzt. Die Sätze der Raytheon-Verantwortlichen klingen freilich so, als stünde LADS schon schussbereit im Schuppen. "Das ist eine riesige Aufwertung des 'Phalanx'-Systems", sagte Mike Booen bei der derzeit stattfindenden Farnborough Air Show. "Wenn man Photonen statt Kugeln benutzen kann, hat man ein Magazin, das nie leer wird. Man kann ewig schießen, solange man Energie hat."

Woher kommt die Energie?

Nur: Genau da liegt das Problem. Festkörper-Laser sind zwar kompakter, mobiler und weniger giftig als chemische Laser, waren aber bisher schlicht zu schwach, um Projektile im Flug abzuschießen. Da nur wenige Sekunden bleiben, um Raketen und Granaten vor dem Einschlag auf Explosionstemperatur zu erhitzen, muss der Laser binnen kurzer Zeit ungeheure Energien freisetzen. Dazu waren bisher nur chemische Laser wie etwa THEL in der Lage. Doch der verbrauchte für jeden Schuss riesige Mengen hochgiftiger Chemikalien und musste ständig nachgeladen werden. Das hätte THEL selbst zu einem verlockenden Ziel für Terroristen und Aufständische gemacht.

Festkörper-Laser waren dagegen von der bislang gültigen 100-Kilowatt-Mindestleistung für die Flugabwehr bisher weit entfernt. Ob Raytheon es nun geschafft hat, innerhalb von nur einem Jahr die Leistung von LADS um ein Mehrfaches zu steigern, darf zumindest bezweifelt werden. Auch die Konkurrenz scheint derzeit kaum weiter zu sein. Northrop Grumman etwa hat im vergangenen Jahr seine "Directed Energy Production Facility" südlich von Los Angeles eröffnet - mit dem erklärten Ziel, einen 100-Kilowatt-Festkörper-Laser zu entwickeln.

Der Northrop-Laser besteht im Grunde aus mehreren hintereinander geschalteten Laser-Ketten. Eine von ihnen wurde im März dieses Jahres getestet und erreichte eine Leistung von 15 Kilowatt. Ob sich tatsächlich mehrere dieser Laser-Ketten zu einer 100-Kilowatt-Kanone kombinieren lassen, wie Northrop behauptet, muss sich erst noch zeigen: Der entsprechende Versuch soll bis Jahresende stattfinden.

Boeing beansprucht die Führungsposition

Auch Boeing mischt an der Laser-Front mit - obwohl das Unternehmen, anders als Northrop Grumman, kein Geld aus dem "Joint High-Powered Solid State Laser"-Programm des Pentagon erhält. Dennoch will Boeing der Konkurrenz schon voraus sein: Vor sechs Wochen verkündete das Unternehmen, sein "Thin-Disk Laser System" habe im Test die höchste Leistung, Strahlqualität und Laufzeit aller bisher bekannten Festkörper-Laser erreicht.

Wie Raytheon gibt auch Boeing an, frei erhältliche Laser aus der Autoindustrie für seine Waffentests benutzt zu haben, da diese sich bereits als zuverlässig und wartungsfreundlich erwiesen hätten. "Festkörper-Laser werden das Schlachtfeld revolutionieren", schwärmte Scott Fancher, Chef von Boeings Raketenabwehr-Abteilung. Der Soldat bekomme ein "ultra-präzises" Werkzeug, das "Kollateralschäden dramatisch reduzieren" könne.

Im Land mit dem potentiell größten Bedarf an Abwehrsystemen gegen Raketen und Mörsergranaten herrscht bereits reges Interesse. Isaac Ben-Israel, früherer Forschungs- und Entwicklungschef der israelischen Armee, sieht in Energiewaffen sogar die einzige Möglichkeit, die ständigen Raketen- und Mörserattacken auf sein Land wirkungsvoll zu unterbinden.

Schon in drei Jahren, sagte Ben-Israel jetzt dem Militär-Fachblatt "Defense Technology International", könnten Laser-Abwehrsysteme einsatzbereit sein. Auch Israel selbst betreibe Forschung, sagte Ben-Israel, ohne Details zu nennen. Denn sei die Technologie erst einmal reif genug, sei sie "die ultimative Lösung für die Raketenabwehr".



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