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Cargobike-Verleih: Ein Lastenesel namens Klara

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Lastenradverleih: Klara, Hannah und Kasimir Fotos
SPIEGEL ONLINE

Mit zwei Einkaufstaschen wird es schwierig auf dem Fahrrad. Abhilfe kann ein Lastenradverleih schaffen. Zum Beispiel in Hamburg: Hier kann man Klara sogar umsonst leihen.

Vor ihrem ersten Treffen mit Klara war Claudia Liekam ein wenig aufgeregt. Schließlich war sie noch nie mit einem Lastenrad gefahren. Entsprechend schwer fielen ihr die ersten Meter auf Klara - das Lenken war komplizierter, als sie erwartet hatte. Zweimal fuhr sie um den Block im Hamburger Gängeviertel - dann hatte sie sich an die spezielle Steuerung gewöhnt. "Man darf nicht auf das Vorderrad schauen, besser in die Ferne gucken", verrät sie den Trick. Aber das fällt bei dem über zwei Meter langen Lastenesel mit dem kleinen Vorderrad gar nicht so leicht.

Liekam hat sich Klara am Tag zuvor ausgeliehen, um ihren Wocheneinkauf zu erledigen. Bei der Rückgabe ist sie begeistert. "Ein großartiges Angebot, ein großartiges Fahrrad", sagt sie. Nun will sie einmal pro Woche ihr Biogemüse abholen, das sie per Abo von einem Ökohof bezieht. Die wenige Kilometer lange Strecke durch den dichten Innenstadtverkehr mit dem Auto zu erledigen käme der Multimediakünstlerin nicht in den Sinn. Für das Klima eine gute Entscheidung - so lässt sich der Ausstoß von klimaschädlichem CO2 einsparen.

"Das Auto haben mein Mann und ich vor zehn Jahren abgeschafft", sagt sie - seitdem erledigt sie alles per Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber mit einem Standardrad lässt sich ein Wocheneinkauf nur schwer transportieren. Gut, dass es neuerdings Klara gibt - und das sogar kostenlos.

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Cargobikes: Lastenfahrräder erobern die Städte
In Paris wird derzeit bei der Uno-Konferenz um einen Klimaschutzvertrag für alle Nationen gerungen. Dabei ist schon länger klar, dass vor allem im Verkehrswesen gewaltige Einsparungen von klimaschädlichen Treibhausgasen erzielt werden könnten. Eine aktuelle Studie hat das bestätigt - die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass sich der CO2-Ausstoß im Transportsektor bis 2050 um die Hälfte reduzieren lasse. Dafür seien allerdings Umstrukturierungen in der Infrastruktur nötig - etwa Investitionen in neue Gleise oder schnelle Radwege. Aber unabhängig von den Ergebnissen in Paris steht längst fest: Klimaschutz ist nicht nur eine Sache der Politik: Jeder einzelne muss sein Verhalten überdenken und ändern - auch kleine Schritte versprechen Erfolg, wenn viele Menschen mitmachen.

Klara ist so ein kleiner Schritt. Das Bike-Sharing-Projekt haben sich sechs fahrradbegeisterte Hamburger ausgedacht und mit Hilfe des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) realisiert. Ihr Angebot erweitert die Möglichkeiten eines Zweirads im Alltag deutlich. Mit dem Lastenrad lassen sich bis zu 185 Kilogramm transportieren - inklusive Fahrergewicht. Auf die Ladefläche vor dem Fahrer passt locker ein großzügiger Umzugskarton. Das reicht, um größere Einkäufe zu erledigen oder ein Grillfest im Park mit Freunden zu ermöglichen. Geld kostet Klara nicht, das Projekt wird über Spenden finanziert. Das Konzept sieht vor, den Ausleihstandort von Klara alle paar Wochen zu wechseln.

Derzeit kann das Rad bei einem Stadtplanungsbüro in der Hamburger Innenstadt ausgeliehen werden, es stand aber auch schon bei einem Fahrradladen bereit und soll zwischen verschiedenen Standorten rotieren, damit möglichst viele verschiedene Menschen Zugang zu dem Rad bekommen. Für unterschiedliche Körpergrößen sind Sattelhöhe und Lenkerhöhe bei dem Modell eines dänischen Herstellers einstellbar. Schutzbleche und Beleuchtung sind vorhanden, schlechtes Wetter ist also kein Problem.

"Wir sind erst wenige Wochen am Start. Aber schon jetzt zeichnet sich eine hohe Nachfrage ab", sagt Carola Schneider, eine der Initiatorinnen. Umweltschutz war einer der Hauptgründe für das Projekt. Alle Gruppenmitglieder betreiben Klara ehrenamtlich. Der Zeitaufwand für Organisation sei gering, sagt Schneider. "Jeder kann also etwas tun", sagt sie. Langfristig denkt die Gruppe darüber nach, bei weiteren Spenden vielleicht irgendwann einen kleinen Fuhrpark aufzubauen.

Ähnliche Angebote wie Klara gibt es längst auch in anderen Städten - Köln hat Kasimir, München hat Daniel und in Hannover fährt Hannah durch die Gegend. Besonders im großstädtischen Ballungsraum ergeben Lastenräder Sinn - nicht nur für den Kindertransport, das bisher meistgenutzte Betätigungsgebiet der tragkräftigen Drahtesel. In staugeplagten Innenstädten setzen inzwischen auch Pizzabringdienste auf Pedalantrieb - wenn auch meist mit Elektrounterstützung. Auch Kurierfahrer setzen mehr und mehr Cargobikes ein.

Für das Verkehrsforschungsprojekt "Ich ersetze eine Auto" hatte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) 40 mit Elektroantrieb ausgerüstete Lastenräder Kurieren bundesweit zu vergünstigten Konditionen bereitgestellt und deren Nutzung beobachtet. Inzwischen bietet sogar der Möbelriese Ikea in einigen innenstadtnahen Filialen einen Lastenradservice an - die ersten drei Stunden sind kostenlos.

Auch dieses Angebot würde Claudia Liekam nutzen. "Ich hatte schon überlegt, mir selbst ein Lastenrad anzuschaffen", sagt sie. Aber zum einen sind die Konstruktionen mit Preisen ab 1500 Euro nicht billig, und zum anderen braucht man ein Lastenrad nicht jeden Tag. "In den Keller tragen will ich so ein knapp 30 Kilogramm schweres Gerät auch nicht." Deshalb wird sie Klara jetzt regelmäßig treffen. Nur nicht zum nächsten Einkauf: "Da ist sie schon mit jemand anderem verabredet", sagt Liekam.

Klimagipfel in Paris

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1. Wenn...
fatherted98 07.12.2015
...ich mir für jeden Einkauf erst mal was mieten muss...ne...das ist nun wirklich nicht Praxistauglich.
2. Klarstellung
babilonya 07.12.2015
"Umsonst mieten" gibt es nicht. Das nennt sich "leihen"!
3. 2 Einkaufstaschen auf dem Rad werden zum Problem?
sikasuu 07.12.2015
Na ja, aber nicht wenn man/Frau mitdenkt. . Die jedem "Diskounter des Vertrauens" gibt es Radtaschen, am Gepächträger an zu hängen, unter 10 €. . Man/Frau muss ja nicht gerade die (unkaputbaren) aus LKW-Plane kaufen, auch wenns da 2 Stück oft für
4. Packtaschen?
vlado13 07.12.2015
Wenn man ohne Auto, aber mit Fahrrad lebt, stirbt der Wochenendeinkauf irgendwann aus, so meine Beobachtung. Wir kaufen viel öfter auf dem Rückweg von der Arbeit ein, am Samstag ist es zwar mehr (mehr Mahlzeiten zu Hause, Sachen von Läden, die werktags einen größeren Umweg verlangen), aber eben kein ganzer Kofferraum voll. In der Regel reichen Rucksack und Fahrradkorb, manchmal kommen auch Packtaschen zum Einsatz.
5. Ach nochwas
vlado13 07.12.2015
Warum steht der Beitrag unter "Wissenschaft"? Gehört eigentlich in die Rubrik "Auto", die endlich in "Mobilität" umbenannt werden sollte.
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