Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Drohende Hungersnöte: "Wir brauchen eine neue Landwirtschaftsrevolution"

Aus San José berichtet

Dorf Bundu bei Ranchi (Indien): Menschen suchen nach Essbarem an einer Straße, an der zuvor Lkw in Brand gesteckt worden waren Zur Großansicht
REUTERS

Dorf Bundu bei Ranchi (Indien): Menschen suchen nach Essbarem an einer Straße, an der zuvor Lkw in Brand gesteckt worden waren

Bis 2050 könnten neun Milliarden Menschen auf der Erde leben - aber werden auch alle satt? Experten warnen: Es brauche nicht weniger als eine globale Revolution, um den Ernährungskollaps abzuwenden.

Vielleicht behält Paul R. Ehrlich doch noch recht. 1968 sagte er in seinem Buch "Die Bevölkerungsbombe" voraus, dass in den nächsten Jahren die Sterblichkeit weltweit rasant steigen werde; Hungersnöte würden Hunderte Millionen dahinraffen. Doch der Umweltbiologe von der kalifornischen Stanford University irrte: Die Sterblichkeitsrate stieg nicht, sie sank.

Doch Ehrlich, inzwischen 82 Jahre alt, beruhigt das keineswegs. "Wir sind alle nur hier, weil es vor 10.000 bis 12.000 Jahren die landwirtschaftliche Revolution gegeben hat", sagte Ehrlich am Sonntag bei der Jahrestagung des US-Forscherverbands AAAS im kalifornischen San José. "Wenn wir die Welt auch in den nächsten 30 bis 40 Jahren noch ernähren wollen, brauchen wir wieder eine Revolution, die alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt."

Allerdings: Weder Ehrlich noch die vier anderen Experten, mit denen er an diesem Tag auf dem Podium sitzt, scheinen zu glauben, dass eine solche Revolution gelingen kann - zumindest nicht rechtzeitig, um die Gefahr verheerender Hungersnöte abzuwenden.

Erntekiller Dürre

"In den nächsten drei bis vier Jahrzehnten wird sich die Nachfrage nach Getreide verdoppeln", sagte James Gerber von der University of Minnesota. "Sie zu befriedigen, ohne die Umwelt zugrunde zu richten, wird eine gewaltige Herausforderung." Derzeit gingen die globalen Getreidereserven immer weiter zurück. Auch konzentriere sich die Getreideproduktion immer stärker auf einzelne, riesige Flächen - was die Anfälligkeit für Wetterextreme, Schädlinge und soziale Unruhen vergrößere.

Sojabohnenernte in Brasilien (März 2012): Seit den Sechzigerjahren sind 500 Millionen Menschen verhungert Zur Großansicht
REUTERS

Sojabohnenernte in Brasilien (März 2012): Seit den Sechzigerjahren sind 500 Millionen Menschen verhungert

Der Klimawandel drohe die Lage zusätzlich zu verschärfen, warnte Kenneth Kunkel von der US-Wetterbehörde NOAA - etwa im Mittleren Westen, der Kornkammer der USA. Klimaprognosen legten nahe, dass Dürren und Überschwemmungen dort in den kommenden Jahrzehnten immer heftiger ausfallen werden. Schon jetzt leidet der Südwesten der USA unter einer rekordverdächtigen, seit Jahren anhaltenden Trockenheit.

Auch der auf Satellitenbeobachtungen spezialisierte NOAA-Forscher Felix Kogan sieht in Dürren die größte Gefahr. "In acht der bisherigen 15 Jahre dieses Jahrhunderts wurden weltweit weniger Lebensmittel produziert als verbraucht. Der Grund dafür waren vor allem Dürren."

Jerry Hatfield vom US-Landwirtschaftsministerium äußert sich ähnlich. Laut dem aktuellen National Climate Assessment, dem Klimabericht der US-Regierung, könne sich die Landwirtschaft in den USA noch etwa bis zum Jahr 2050 an die veränderten Wetterbedingungen anpassen. "Dann werden die Klimaextreme so dramatisch, dass die Produktion stark gestört wird", sagt Hatfield. Zumal die Erwärmung nicht nur Unwetter fördere, sondern auch Unkraut und Schädlinge besser gedeihen lasse.

Hungersnot in Indien: Kinder in einem Flüchtlingswohnheim nahe Bilasipara (Assam) bekommen ein Mittagessen Zur Großansicht
REUTERS

Hungersnot in Indien: Kinder in einem Flüchtlingswohnheim nahe Bilasipara (Assam) bekommen ein Mittagessen

Zugleich wächst die Weltbevölkerung schnell. Um sie zu ernähren, "müssen wir in den Jahren 2000 bis 2050 ungefähr so viel Nahrung produzieren wie in den 500 Jahren davor", sagt Hatfield.

Zwar betonen Forscher immer wieder, dass es theoretisch durchaus möglich sei, zehn Milliarden Menschen oder sogar noch mehr zu ernähren. Allerdings landet weniger als die Hälfte aller derzeit hergestellten Nahrungsmittel auf dem Teller. Der größere Teil wird entsorgt, zu Sprit verarbeitet oder an Nutztiere verfüttert.

Die Folge: Rund ein Drittel der Weltbevölkerung ist unter- oder mangelernährt. "Seit den späten Sechzigerjahren sind rund 500 Millionen Menschen verhungert", sagt Ehrlich. "Allein in den USA gibt es 10 bis 20 Millionen unterernährte Kinder. Die Reichen betrifft das nicht. Aber in vielen Teilen der Welt verhungern in diesem Moment Menschen."

Was tun? Einige Maßnahmen könnten nach Ansicht der Experten den Bevölkerungskollaps verhindern helfen:

  • Den Speiseplan ändern - vor allem: weniger Fleisch essen, dessen Produktion ungeheure Wassermengen verschlingt und große Mengen Treibhausgase freisetzt. "Das würde sowohl der Umwelt als auch den Menschen enorm guttun", sagt Gerber. Allerdings geht der Trend derzeit in die entgegengesetzte Richtung, da insbesondere in bevölkerungsreichen Schwellenländern der Lebensstandard steigt - und damit auch der Fleischkonsum.
  • Die Effizienz der Nahrungsmittelproduktion erhöhen. "Es ist entscheidend, was wir aus unseren Ressourcen herausholen", sagt Hatfield. Hier könnten auch genetisch veränderte Getreidesorten eine wichtige Rolle spielen.
  • Die Treibhausgasemissionen zügig senken. "Es gibt viele Möglichkeiten, die uns nicht allzu wehtun würden." Das Klima verändere sich so schnell, dass es schon bald außerhalb dessen sei, was die Menschheit bislang erlebt habe. "Wir müssen mehr Zeit gewinnen, um zu entscheiden, was wir tun können", so Kunkel.
  • Die Erdbeobachtung verbessern. "Wir brauchen dafür ein globales Satellitensystem", sagt Kogan. So könne man etwa die Vorwarnzeit bei Dürren erhöhen und deren Folgen dämpfen.

Das Problem - darin sind sich die Experten einig - ist, dass die Zeit für derartig tiefgreifende Veränderungen äußerst knapp ist. "Wir müssen einen gigantischen Wandel auf dem gesamten Planeten hinbekommen", sagt Ehrlich. "Wenn wir dafür tausend Jahre Zeit hätten, wäre ich entspannt. Aber wir haben zehn, vielleicht 20 Jahre."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 119 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
Newspeak 16.02.2015
Der Artikel diskutiert als Maßnahmen vor allem lauter neue und z.T. unrealistische Dinge. Man wird die CO2- Emissionen nicht senken, realistischerweise, egal in welchem Szenario. Dafür werden andere Fragen gar nicht gestellt. Man stellt zwar fest, daß... Allerdings landet weniger als die Hälfte aller derzeit hergestellten Nahrungsmittel auf dem Teller. Der größere Teil wird entsorgt, zu Sprit verarbeitet oder an Nutztiere verfüttert. ...aber was will man dagegen tun? Bevor man Menschen das Fleischessen madig macht, sollte man lieber mal fragen, warum es nicht verboten ist, Nahrungsmittel im Tonnenmaßstab wegzuwerfen?
2. ....
cededa 16.02.2015
Hallo Newspeak, des Weiteren könnte man fragen, warum der Nutzpflanzenanbau auf wenige anfällige Hochleistungsarten reduziert wird, anstatt in jeder Gegend das anzubauen, was dort am besten wächst (und wahrscheinlich auch noch gesünder ist als Mais). Rinder machen übrigens ziemlich viel Methan.
3. @Newspeak
gingermath 16.02.2015
Wie am Anfang des Artikels zu lesen ist brauchen wir eine Revolution in den Köpfen der Menschen. Nahrungsmittel werden auch weiter entsorgt, da die kostenlose Verteilung schlecht für die Wirtschaft wäre und diejenigen, die aie benötigen nicht das nötige Kleingeld besitzen. Den CO2-Verbrauch zu senken bedeutet weniger Produktion (unrealistisch) oder neue Verfahren zur Senkung zu verwenden (teuer), beides mit der Wirtschaft nicht zu vereinbaren. Aber bevor das passiert muss es wohl erst zu Problemen in den Industrienationen kommen, damit in ein umdenken stattfindet, die Länder mit Problemen hoffen, dass es einmal so wird wie bei uns, also ändern sie nichts und uns ist es im Augenblick egal.
4. Solange
amidelis 16.02.2015
Die Interessen jeder Geldmachenden Gruppe und der Wirtschaft höher angesiedelt ist als das überleben der Menschen auf dem Planeten sehe ich schwarz. Eine entfesselte Ökonomie die nur an geld interessiert ist wird uns nicht weiterhelfen. Und Forschung die von eben diesen Leuten bezahlt wird noch weniger.
5. Wie wars mit
outwiper 16.02.2015
Ursachen- anstatt mit Syptombekämpfung? Zu wenig Essen ist nicht das Problem dieses Planeten, sondern zu viele Menschen. Was wird denn gefordert wenn auch 2050 die x-Milliarden satt werden und es dann noch mehr werden? Wie sieht dann die nächste Revolution aus? Man muss sich das wie mit einer verschimmelten Tomate vorstellen. Erst schimmelt eine kleine Ecke. Wenn die Tomate voll bedeckt ist, fängt der Pilz an das Innere zu verzehren, bis er eingeht. Unser Planet hat aber nur eine Hülle und kein Inneres, von daher wird ab 2050 gestorben. Ob wir wollen oder nicht. Hört sich hart an, ist aber so. Sucht schon mal ne 2. Erde für den Schwarzschimmel. Viel Spass.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Bevölkerungsentwicklung: Geschätzt mehr als zehn Milliarden Menschen bis 2050 Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Bevölkerungsentwicklung: Geschätzt mehr als zehn Milliarden Menschen bis 2050


Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung 1950 bis 2100 Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung 1950 bis 2100

Fotostrecke
Weltbevölkerung: Wie sieben Milliarden Menschen satt werden

Fotostrecke
Hunger und Umwelt: Nahrung für Milliarden

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: