Lebensmittelverschwendung: Her mit den krummen Gurken!
Lebensmittel gibt es in Deutschland im Überfluss: Millionen Tonnen Brot, Obst, Fleisch und Milchprodukte landen jedes Jahr im Müll. Immer mehr Menschen halten das für untragbar - und einige tun etwas dagegen.
"Milch? Milch kommt aus der Fabrik." Solche Antworten bekommt Wam Kat nicht selten zu hören, wenn er mit "seinen" Hauptschülern in den sozialen Brennpunkten deutscher Großstädte zusammen kocht. Fragt er dann nach, woher wohl die Fabrik das weiße Zeug beziehe, heißt es: "Die machen die halt."
Eigentlich kann Wam Kat nichts so schnell vom Hocker hauen. Seit 30 Jahren holpert der Koch mit seiner mobilen Küche, der "Fläming Kitchen" durch Europa, hat Castor-Gegner und Politiker, Obdachlose und Kriegsflüchtlinge auf dem Balkan bekocht. Mit seinem ergrauten Pferdeschwanz, der tief in der Stirn gezogenen Seemannsmütze und den stets knallbunten Strickpullovern wirkt der gebürtige Niederländer, als hätte er die 70er Jahre nie wirklich verlassen. Die Lachfalten im Gesicht erzählen, dass er schon viel erlebt hat. Aber wenn er Kindern begegnet, die nicht mehr wissen, wie eine Tomate aussieht, schüttelt er den Kopf und findet das "einfach nur skurril".
In den letzten Monaten ist in Deutschland viel darüber geredet worden, warum so viel Essen im Müll landet. Bis zu 20 Millionen Tonnen seien das auf dem Weg vom Feld bis zum Teller, schätzt Filmemacher Valentin Thurn in seinem Kinofilm "Taste the Waste". Zigtausende Zuschauer haben die Dokumentation bereits gesehen. Aufgeschreckt von der gigantischen Verschwendung gab Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner Studien in Auftrag und Günther Jauch diskutierte mit Mülltauchern und dem Handel, warum jeder europäische Verbraucher im Schnitt 100 Kilo Lebensmittel pro Jahr wegwirft.
Wertschätzung für Lebensmittel ist gering
Wie bei anderen Missständen auch, wird der Schwarze Peter gerne weitergereicht, von Verbrauchern an den Handel, vom Handel an die Politik und zurück. Wam Kat kennt das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Essen wie nur wenige, und eines beobachtet er immer wieder als Ursache für die Verschwendung: Die Kinder und ihre Eltern wüssten einfach nicht mehr, wo ihr Essen herkommt, deshalb lande eben auch viel in der Tonne. "Die Wertschätzung für Lebensmittel ist so gering", sagt Wam Kat, "dass man sich fragen muss: Wie sieht das erst eine Generation später aus?"
Während Politiker viel über die Verschwendung geredet haben, hat Wam Kat gehandelt. Mit seinem Küchen-Mobil fuhr er im September erst nach Berlin, dann nach Stuttgart. Grundschüler hatten jeweils am Vortag auf Feldern in der Umgebung Kartoffeln und Kürbisse eingesammelt, die sonst liegen geblieben wären - schätzungsweise 40 bis 50 Prozent der gesamten Ernte. Eine Tonne Lebensmittel kam so an den zwei Tagen zusammen.
"Teller statt Tonne"
"Das sind ganz normale Kartoffeln", sagt Wam Kat, "nur etwas zu klein, zu groß oder zu unförmig, deshalb will der Handel sie nicht." In Berlin konnten davon 800 Leute satt werden, in Stuttgart waren es über 2000. Kaum etwas blieb auf den Tellern liegen, viele Leute holten mehrmals Nachschlag, kostenlos. "Teller statt Tonne" nannten sie die Aktion, die das Kochen zum Politikum erhob.
"Das Aussehen der Lebensmittel bestimmt heute alles: ob sie auf dem Teller landen oder gar nicht erst geerntet werden", sagt Anke Klitzing von der Organisation Slow Food Deutschland. "Dabei gibt es kaum noch offizielle Handelsnormen, die solche optischen Kriterien festlegen."
Tatsächlich hat die ehemalige EU-Kommissarin Mariann Fischer Boel schon 2009 auf einen Schlag 26 Handelsnormen für Obst und Gemüse abgeschafft, darunter auch die Vorschrift, wie krumm eine Salatgurke sein durfte (höchstens 10 Millimeter auf 10 Zentimeter Gurkenlänge). Die berühmte genormte Gurke, Symbol europäischer Regulierungswut und Bürgerferne, war damit rechtlich gesehen tot. Praktisch ist sie heute lebendiger als zuvor. Denn seither hat jedes große Handelsunternehmen eigene Normen für Form, Farbe und Größe erlassen. Geschmack oder Nährwert interessieren dabei nicht.
Für die Bauern ist die Situation damit eher schwieriger geworden, weil sie für ihr Gemüse nicht mehr nur eine europäische, sondern eine Vielzahl an Normen kennen und respektieren müssen. "Es bleibt ihnen gar nichts übrig, als schon bei der Ernte auszusortieren", so Klitzing. "Wir müssen aber auch Alternativen für die Leute anbieten, die sich der krummen Gurken annehmen." Sie denkt dabei an alternative Vertriebskanäle wie regionale Bauernmärkte, oder spezielle Angebote für unförmiges Gemüse im Supermarkt.
- 1. Teil: Her mit den krummen Gurken!
- 2. Teil: Lebensmittel einsparen als erfolgreiches Geschäftsmodell
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