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Lebensmittelzutaten: Warum niemand weiß, was wir wirklich essen

Von Heike Sonnberger

Tütensuppen, Fertigpizzen, Mikrowellengerichte: Täglich kommen in Deutschland Mahlzeiten auf den Tisch, von denen nicht einmal der Hersteller weiß, was genau in ihnen steckt. Verbraucher haben erst recht keine Chance, sich präzise zu informieren.

Hefeextrakt, Trockenmilcherzeugnis, Mononatriumglutamat, E 621 - hinter allem verbirgt sich im Prinzip das Gleiche: ein Geschmacksverstärker. Das Wundermittel moderner Food-Designer, das auch dünnen Brühen Würze verleiht, ist seit langem umstritten. Für eine Überdosis Glutamat gibt es sogar ein eigenes Wort: das China-Restaurant-Syndrom. Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und Übelkeit gehören zu den Symptomen.

Fruchtgummis: Zusammenhang zwischen Farbstoffen und Konzentrationsmangel
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Fruchtgummis: Zusammenhang zwischen Farbstoffen und Konzentrationsmangel

Für Schlagzeilen sorgten jüngst auch die sogenannten Azofarbstoffe, mit denen vor allem Süßigkeiten, Eis und Getränke gefärbt werden. Eine Studie der britischen University of Southampton hat im November 2007 im Fachblatt "The Lancet" einen Zusammenhang zwischen den von der EU geprüften Lebensmittelfarben E 102, E 104, E 110, E 122, E 124 und E 129 und Hyperaktivität bei Kindern nahegelegt.

Den meisten Menschen machen solche Substanzen im Essen nichts aus – dafür ist die Dosis viel zu gering. Doch diejenigen, die auf die kleinen Mengen in Supermarktprodukten empfindlich reagieren, haben kaum eine Chance, sie zu vermeiden. Im Fall der Azofarbstoffe verabschiedete das Europaparlament zwar Anfang Juli ein Gesetz, wonach Produkte mit den künstlichen Farben nun mit einem Warnhinweis ausgezeichnet werden müssen. Doch vielfach sind die Zutatenlisten auf den Verpackungen deutscher Lebensmittel weiterhin unvollständig und verwirrend.

So müssen in einem Himbeer- oder Pfirsichjoghurt mit - laut Verpackung - "natürlichem Aroma" noch längst keine Himbeeren oder Pfirsiche stecken. Die wären für einen 39-Cent-Becher auch viel zu teuer. Die Industrie behilft sich deshalb mit Zedernholz und Pilzkulturen. Bäcker nehmen den Stoff E 262, um Brot haltbar zu machen. Dabei handelt es sich um Natriumdiacetat, ein Salz der Essigsäure. "Da der Deutsche aber ein Brot ohne Konservierungsmittel will, hat der Gesetzgeber gesagt: 'Kein Problem, wir ernennen das Natriumdiacetat zum Säurungsmittel'", sagt der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer, Mitbegründer des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften.

"Ganz bewusst so trickreich gemacht"

Will man die Zutatenlisten auf abgepackten Lebensmitteln durchschauen, wird es schnell kompliziert. Denn viele zugesetzte Stoffe gelten rein rechtlich als Nichtzutaten. Dieses merkwürdige Wort aus dem juristischen Sprachschatz erlaubt es dem Hersteller, einen Teil der Inhaltsstoffe zu verschweigen."Das ist ganz bewusst so trickreich gemacht", sagt Pollmer. "In einer Tütensuppe steckt so viel Know-how wie im Motor von einem Sportwagen."

Per Gesetz gilt: Deklariert muss nur werden, was in der Nahrung eine Aufgabe erfüllt. So muss der Emulgator Carrageen, dank dem sich Fett und Wasser in einem Becher Sahne mischen lassen, auf der Verpackung angegeben werden. Wird die Sahne aber zu Rahmspinat verarbeitet, hat das Carrageen seine Funktion verloren und taucht auf keiner Zutatenliste mehr auf.

Beispiele für Nichtzutaten gibt es zuhauf: So bleiben etwa die Rieselhilfsstoffe im Salz auf Chips-Tüten unerwähnt, und auf der Kuchenschachtel ist keine Rede von den Konservierungsmitteln in der Fruchtmischung. "Das würde den Verbraucher verwirren", lautet der lapidare Kommentar von Brigitte Grothe vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL). Ausgenommen sind 14 Allergene, die in jedem Fall gekennzeichnet werden müssen.

Auch die sogenannten technischen Hilfsstoffe tauchen nicht in der Zutatenliste auf. Ein Beispiel dafür sind Schaumverhüter, die etwa beim Blanchieren von Tiefkühlerbsen eingesetzt werden. Solche Stoffe müssen laut Gesetz bis auf "technisch unvermeidbare Rückstände" aus dem Endprodukt entfernt werden. "Was nicht vermeidbar ist, kann aber ganz unterschiedlich interpretiert werden", warnt Lebensmittelchemiker Pollmer.

Der Verbraucher kann natürlich beim Produzenten genaue Angaben zu den Inhaltsstoffen einfordern. "Hoffen wir mal, dass er eine ehrliche Antwort erhält", sagt Grothe. Per Gesetz brauche man dies aber nicht zu regeln. Passe dem Kunden die Antwort des Herstellers nicht, könne er schließlich immer noch entscheiden, sein Produkt nicht zu kaufen.

Nachfragen ist allerdings nicht so einfach: Christine Brombach hat als ehemalige Projektleiterin der Nationalen Verzehrsstudie versucht, die genaue Zusammensetzung von verpackten Lebensmitteln herauszufinden - und stieß dabei auf Schwierigkeiten. Ihr Fazit: "Die Hersteller wissen oft selbst nicht, was die Ausgangsstoffe ihrer Produkte sind." Wenn eine Firma Weizen mahlt, die nächste das Mehl zu Pizzaböden verarbeitet und ein drittes Unternehmen daraus Tiefkühlpizzen macht, gehen viele Informationen auf dem Weg zum Endprodukt verloren. "Es ist extrem teuer und langwierig, das hinterher analytisch festzustellen", sagt Brombach.

"Gesundheitsrisiken schwer abzuschätzen"

Die zugelassenen Grenzwerte der Zusatzstoffe sind zwar sehr niedrig angesetzt. "Die Gesundheitsrisiken sind aber schwer abzuschätzen, denn viele Tests basieren ausschließlich auf Tierversuchen, deren Ergebnisse nicht notwendigerweise auf den Menschen übertragbar sind", sagt Thilo Bode von der Organisation Foodwatch. "Wir wissen nicht, was wir uns einhandeln."

Es sei zudem nicht hinnehmbar, dass der Verbraucher die Schädlichkeit von Substanzen im EU-Zulassungsverfahren nachweisen müsse - und nicht die Industrie deren Unschädlichkeit. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen stuft lediglich 151 von 316 E-Nummern als unbedenklich ein. Die restlichen Substanzen sind demnach mit Vorsicht oder besser gar nicht zu genießen.

Um die langfristige Verträglichkeit umstrittener Stoffe zu belegen, bräuchte man zwei große Bevölkerungsgruppen, von denen eine über lange Zeit hinweg zum Beispiel einen bestimmten Joghurt mit Geschmacksverstärker verzehrt, die andere den gleichen Joghurt ohne. "Das ist nicht machbar", sagt Irene Lukassowitz vom Bundesinstitut für Risikobewertung.

Schädlich oder nicht – manche Debatte könnte abgekürzt werden, wenn Konsumenten Produkte mit besonders vielen Beigaben boykottieren und die Industrie so dazu zwingen würden, sich auf ein Minimum an Feinchemikalien in der Nahrung zu beschränken. Viele Substanzen werden heute eingesetzt, um den Preis zu drücken oder das Produkt optisch attraktiver zu machen. Lukassowitz: "Es gibt nirgendwo ein Kriterium der Sinnhaftigkeit."

Korrektur: Brigitte Grothe ist vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) und nicht vom Bundesamt für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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Forum - Lebensmittel - totales Zutaten-Chaos?
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1. Zutatenchaos
mexi42 15.08.2008
Da heutzutage alles auf Lug und Trug hinausläuft, wäre eine praktikable Möglichkeit, häufige unangemeldete Kontrollen, die durch Speziallabors durchgeführt werden. Dazu ein Strafgesetzrahmen, aus dem man sich nicht durch lächerliche Bußgelder herauswinden kann: also Haftstrafen. Das ist Utopie in diesem Land, dennoch die einzige effektive Methode.
2.
descartes101, 15.08.2008
Zitat von sysopTütensuppen, Fertigpizzen, Mikrowellengerichte: Täglich kommen in Deutschland Mahlzeiten auf den Tisch, von denen nicht einmal der Hersteller weiß, was genau in ihnen steckt. Verbraucher haben erst recht keine Chance, sich präzise zu informieren. Wie kann dem Chaos bei den Zutaten begegnet werden?
Da sieht man mal wieder in was für einer verlogenen, industriehörigen und bürgerfeindlichen, scheindemokratischen EU-Normbananenrepublik wir leben. 'Herrschaft des Volkes'? Man könnte lachen, wenn's nicht so bitter wäre. Wer hätte gedacht, dass alle sog. 'düsteren Utopien' der Literatur wie 1984 und Brave New World so schnell hinter der Wirklichkeit zurückbleiben würden.
3. Zutaten-Chaos
trangre, 15.08.2008
Am besten fährt man wohl immer noch, indem man Fertigprodukte so weit als möglich meidet. Mal ehrlich: wer braucht schon Tütensuppen, wenn man selber ohne grossen Aufwand eine Suppe mit frischen Zutaten vom Markt kochen kann, die noch dazu besser schmeckt? Bei vielen Fertigprodukten ist die Zeitersparnis auch gar nicht so gross, dass es sich lohnt, dafür all die Zusatzstoffe in Kauf zu nehmen. Der Verbraucher hat es in der Hand.
4. "Summer's almost gone"...
chrome_koran 15.08.2008
...demnächst werden wir wieder ernsthafte Themen zum Lesen serviert bekommen. Bis dahin gilt es, zwischen halbvollem und halbleerem Glas zu unterscheiden, was bekanntlich reine Ansichtssache ist. So lese ich die Feststellung "151 von 316 E-Nummern als unbedenklich" so: "Fast die Hälfte aller E-Nummern ist harmlos". Natürlich wird es Panikmacher geben, die schreien "Wir werden vergiftet! mahr als die Hälfte der E-Nummern sind hochgiftig!". :) Mal ehrlich. CO2, Ozon, PVC, Feinstaub, Klima, Golfstrom, Atom, Nano, E, Gene... mich wundert manchmal, dass wir dennoch immer noch am Leben sind und sogar immer älter werden, nicht wahr... P.S. Meine Kindheit habe ich in einer, mit Verlaub, umwelttechnisch ziemlich versifften Umgebung verbracht. Bin trotzdem ziemlich gesund. Was wollen wir denn, Antibiotika-Frühstück und Sagrotan-Dusche in hermetisch unter Glaskuppeln abgekapselten Städten?
5. Lehrjahre
Mustermann 15.08.2008
Ich habe mit Anfang 20, 3 Jahre im Prüflabor einer der damals größten Supermarktketten gearbeitet und zwar als Bibliothekar, musste die ganzen Fachzeitschriften lesen und exzerpieren. Seit dem meide ich industriell hergestellte Lebensmittel. Damit bin ich gut gefahren, finanziell, kulinarisch und auch gesundheitlich.
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