Legehennen Von der Batterie zur Hühner-WG

Die Bundesregierung hat die Legehennenhaltung neu geregelt. In größeren Käfigen werden künftig mehr Tiere gehalten - in "Kleinvolieren". Immerhin gehen sie über die Minimalforderung der EU hinaus. Doch Tierschützer protestieren - nicht nur weil 2002 schon ein Käfigverbot erreicht schien.

Von Stefan Schmitt


Viel kleiner hätte der Kompromiss kaum sein können: 15 Zentimeter in der Höhe und 250 Quadratzentimeter in der Fläche. Wenigstens, wenn man nach den entsetzten Reaktionen des Deutschen Tierschutzbundes und der Grünen geht: Die Käfighaltung von Hennen wird in Deutschland weitergehen.

Kleingruppenhaltung: Der Käfig wird größer, die Menge der Tiere auch
obs / Deutscher Tierschutzbund e.V.

Kleingruppenhaltung: Der Käfig wird größer, die Menge der Tiere auch

Zwar ersetzen künftig zahlenmäßig größere Hühner-WGs die bisherigen Kleinkäfige. Kleingruppenhaltung heißt das. Jetzt hat das Bundeskabinett dem zugestimmt - dabei besteht bei den Kleinvolieren noch Forschungsbedarf. Ebenso wie bei alternativen Haltungsformen.

Für Tierschützer und Ökolandwirte ist es ein herber Rückschlag. Doch dieser Entschluss kommt alles andere als überraschend: Als die ehemalige Landwirtschaftministerin Künast 2002 den Ausstieg Deutschlands aus der Käfighaltung beschloss, präsentierte die Lobby der Geflügelhalter bereits niedrige Käfige für bis zu 60 Hennen als Gegenposition. Um das Streitwort zu vermeiden, wurden diese Entwürfe mit dem Fantasiewort Kleinvoliere propagiert. So ist es bis heute.

Was in Deutschland - zwei Jahre Übergangsfrist eingerechnet - ab 2009 die alten Legebatterien ersetzt, entspricht weitgehend den Vorschlägen von damals: Mathematisch erhält jede Henne etwas mehr Grundfläche, statt zehn werden bis zu 60 Tiere in einem (größeren) Käfig gehalten. Das soll den individuellen Bewegungsraum erhöhen. Die Minimalforderung aus der EU-Richtlinie wird um rund zehn Prozent überschritten. In der Vertikalen ging der Gesetzgeber um wenige Zentimeter übers Brüsseler Minimum hinaus.

Mehr als die EU fordert, aber immer noch Käfig

Waren die bisherigen Käfige völlig kahl, sollen in der Kleinvoliere Sitzstangen, abgedunkelte Legenester und ein Bereich mit Sand zum Reinigen des Gefieders zur Verfügung stehen. Die Tiere bewegen sich auf Drahtgittern, so dass ihr Kot durch die Maschen fällt.

Der Deutsche Tierschutzbund kritisierte Seehofers Entscheidung: "Die Kleingruppenhaltung für Legehennen ist nichts anderes als die Fortsetzung der tierquälerischen Käfighaltung", erklärte Tierschutzbund-Präsident Wolfgang Apel in Bonn. Nur einen schwachen Trost sieht der Verband darin, das die Einführung durch Wissenschaftler begleiten zu lassen.

Denn tatsächlich stammen die Zukunftspläne für Deutschlands Legehenne nicht aus der Feder des Bundesministers, sondern entstammen dem Bundesrat. Wenigstens die SPD war innerhalb der Großen Koalition skeptisch, was die Fortsetzung der Käfighaltung angeht.

"Wir werden in einem Verbundprojekt unter FAL-Leitung an noch offenen Fragen zur Tiergerechtheit der Kleingruppenhaltung arbeiten ", sagt Lars Schrader vom Institut für Tierschutz und Tierhaltung der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) in Celle.

Sein Dienstherr, Bundesverbraucherschutzminister Seehofer, hatte das Forschungsprojekt angekündigt. In knapp drei Jahren soll Klarheit bestehen. Doch Schrader gibt auch zu bedenken: "Betriebe, die jetzt auf Kleingruppenhaltung umstellen, werden nicht unbedingt in ein paar Jahren wieder nachbessern können."

Auch Alternativhaltung problematisch

Ein - bereits zum Greifen nah geglaubtes - Verbot der Käfighaltung ist jedenfalls in weite Ferne gerückt. Viele konventionelle Landwirte hatten es als Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz gesehen.

Die neue Regelung könnte aber auch dazu führen, dass die sogenannten alternativen Haltungsformen nun weniger intensiv verbessert werden, als es bei einem Käfigausstieg geschehen wäre. Denn auch in vielen Boden- und Freilandhaltung haben Biologen Probleme ausgemacht:

  • Besonders dem gegenseitigen Schnabelpicken muss dort oft noch mit Schnabel-Kupieren begegnet werden. Dabei ist es eigentlich längst verboten, Hühnern den Schnabel zu kürzen.
  • Untersuchungen zeigen regelmäßig ein schlechteres hygienisches Niveau der Eier, da die - anders als im Käfig - nicht immer vom Kot der Tiere getrennt liegen.
  • Arznei und Impfungen kommen in den offenen Alternativsystemen weit häufiger zum Einsatz

Durch die Vogelgrippe in Deutschland ist seit Mitte Februar noch eine ganz neue Sachlage in die Haltungsdebatte gekommen, die Stallpflicht für alle Geflügel. Erst kürzlich wurde sie auf unbestimmte Zeit verlängert.

Ironischerweise trifft sie Halter besonders hart, die - freiwillig - auf Käfighaltung verzichtet hatten. Wer sein Geflügel hingegen ohnehin einsperrte, hatte mit der Maßnahme zur Tierseuchen-Verhütung wenig Scherereien.

Auch Forscher, die der Agrarlobby gegenüber skeptisch eingestellt sind, gestehen zu, dass für die alternativen Haltungsformen "Entwicklungsbedarf" besteht: Am besten gehe es den Tieren in kleinen, familiären Betrieben mit überdurchschnittlicher Betreuung durch die Halter. Doch es gibt fast 40 Millionen Legehennen in Deutschland. Sie werden nicht alle auf fröhlichen Ökohöfen leben können.

Tierhaltungs-Forscher Lars Schrader sagt: "Das ist nicht das Ende, das Thema wird uns noch ein paar Jahre erhalten bleiben."

mit AFP/dpa



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