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Legendäres Segelschiff: Wrack der "Moonlight" im Lake Superior entdeckt

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Taucher haben in den USA das Wrack der legendären "Moonlight" gefunden. Im kalten und sauerstoffarmen Wasser des Lake Superior hat der Rekordsegler fast unbeschadet ein Jahrhundert überdauert. Im Bauch des Schoners finden sich noch Becher und Teller der letzten Mahlzeit.

Normale Museen geben einen Haufen Geld für teure Technik aus. Die Temperatur um die Ausstellungsstücke muss konstant gehalten werden, ebenso die Luftfeuchtigkeit. Und auch gute Sicherheitstechnik ist nicht billig. Das alles bekommt das wohl größte Museum der Welt gratis. Die Temperatur liegt stets knapp über dem Gefrierpunkt, konstant feucht ist es auch. Statt Panzerglas schützen bis zu 100 Meter Wasser die Ausstellungsstücke. Und von denen hat das Museum reichlich: Die Rede ist von den Großen Seen im Grenzgebiet zwischen den USA und Kanada. "Rund 3000 Wracks großer Schiffe liegen auf ihrem Grund", sagt Ken Merryman von der Great Lakes Shipwreck Preservation Society. "Wenn man alle kleinen Boote mitzählt, sind es sogar an die 10.000."

Seit 1988 stehen die Wracks unter dem Schutz des "Abandoned Shipwreck Act". Sie gehören dem jeweiligen Staat, in dessen Gewässern sie liegen. Nach und nach kommen nun die gesunkenen Schiffe auf die Liste des National Register of Historic Places. Sie werden so zu offiziellen Ausflugszielen - wie auf dem Festland das Schlachtfeld von Little Big Horn oder die Freiheitsstatue in New York.

Der US-Staat Wisconsin zum Beispiel, im Osten begrenzt durch den Lake Michigan und im Norden vom Lake Superior, nennt 32 Wracks sein eigen. Und es sollen noch mehr werden, denn der nächste Anwärter steht schon fest. Es ist es ein ganz besonderes Schiff: der berühmte Schoner "Moonlight", gesunken in einem Sturm am 13. September 1903 vor Michigan Island im Lake Superior.

Als sie 1874 gebaut wurde, galt die "Moonlight" als elegantester und schnellster Schoner der Großen Seen. Ihr erster Kapitän war der erst 25 Jahre alte Ire Denis Sullivan. Bald schon hatte Sullivan seinen Ruf auf den Großen Seen. Er zeige gern viel Segel, hieß es. Damit verlieh er der "Moonlight" Flügel. 1876 stellte sie einen Rekord auf, der bis heute ungebrochen ist: 21-mal schaffte das Schiff in jenem Jahr die knapp 1300 Kilometer lange Rundreise zwischen Milwaukee am Lake Michigan und Buffalo am Eriesee kurz vor den Niagarafällen. Nach ihr hat das nie wieder ein Segelschiff geschafft.

Das berühmte Rennen mit der "Porter"

Natürlich gab es noch andere schnelle Schiffe auf den Großen Seen. Eines davon war die "Porter". Im Sommer 1880 forderte Sullivan deren Kapitän Orville Green für die Rückfahrt von Buffalo nach Milwaukee zu einem Rennen heraus. Die ersten Tage lagen beide Schoner Bug an Bug. Durch Lake Huron hindurch ließ kein Schiff dem anderen den Vortritt. Als sie die Enge von Mackinac passierten, kam ein Sommersturm auf. Er nahm an Stärke zu, je weiter die Schiffe an der Westküste des Lake Michigan hinuntersegelten.

Am Ufer hatten sich trotz des Unwetters die Schaulustigen versammelt. Viele hatten ihren Lohn auf die "Moonlight" oder die "Porter" gesetzt und wollten ihr Schiff siegen sehen. Sie kamen auf ihre Kosten: Beide Schoner hatten jeden Fetzen Segel gesetzt. Kurz vor Milwaukee wurde es Sullivan unheimlich. Er gab den Befehl, die Segel zu streichen. Hinter den Klippen von Port Washington suchte die "Moonlight" Schutz vor dem Sturm. Kapitän Green aber jagte die "Porter" weiter. Wenige Meilen vor der Hafeneinfahrt von Milwaukee krängte das Schiff zu weit, drei Masten brachen, es verlor alle Segel und war hilflos den Wellen ausgeliefert. In den Hafen schaffte es die "Porter" nicht mehr aus eigener Kraft, die Schlepper mussten sie holen.

Noch heute wird an den großen Seen ein Shanty gesungen, der an das Rennen der beiden Schoner erinnert. "Hooray for a race down the Lakes", heißt es im Refrain von "The Crack Schooner 'Moonlight'".

Das Ende der Großsegler

Doch die Tage der Großsegler auf den Großen Seen waren gezählt. Der Getreidehandel verlief immer schleppender. Stattdessen galt es nun, immer größere Mengen Eisenerz über das Wasser zu schaffen. Plumpe Dampfschiffe verdrängten die eleganten Segler, und die "Moonlight" war alt geworden. 1885 verließ Kapitän Sullivan das Schiff, das ihn berühmt gemacht hatte, und kommandierte fortan den Dampfer "Veronica". Vier Jahre später ereilte die "Moonlight" das Schicksal der meisten Segler auf den Großen Seen: Ihr Toppmast wurde gekappt, und fortan musste sie im Schlepptau der Dampfer Eisenerz transportieren.

1903 war das Schiff kaum wiederzuerkennen. Aus dem stolzen Schoner war ein alter Lastkahn geworden. Was ihren letzten Besitzer, Joseph C. Gilchrist, allerdings nicht davon abhielt, sie hoch zu versichern. Böse Zungen behaupten, es sei kein Zufall gewesen, dass im Sommer 1903 sieben seiner Schiffe sanken – sieben der gut versicherten, wohlgemerkt.

Am 13. September geriet die "Moonlight" mit ihrem Zugboot, dem Dampfer "Volunteer", vor Michigan Island in einen schweren Sturm und schlug Leck. Die Pumpen arbeiteten nicht schnell genug, sie wurden des eindringenden Wassers nicht Herr. Die "Volunteer" drehte bei, und die Mannschaft der "Moonlight" konnte sich auf den Dampfer retten. Die letzten sprangen hinüber, als die Wellen schon über das Deck schlugen.

105 Jahre aufrecht auf dem Seegrund

Seit fast 105 Jahren liegt sie nun dort unten, immer noch aufrecht, auf einem Bett aus Eisenerz, ihrer letzten Ladung. "Ihr Bauch ist aufgesprungen wie bei einem ausgenommenen Fisch", sagt Tamara Thompson von der Wisconsin Historical Society im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Aber sonst ist sie intakt." Das Steuerrad mit seinen hölzernen Handgriffen, die Backbord- und Steuerbordlampen sowie der Anker sind noch an Ort und Stelle. Thompson ist selber die 73 Meter zur "Moonlight" hinuntergetaucht: "Da liegt alles unberührt, Becher, Teller und Löffel."

Die Taucher in den Großen Seen, sagt Thompson, hätten großen Respekt vor den Wracks und würden nur selten etwas mitnehmen. Das bestätigt Ken Merryman, der 2004 als einer der ersten zur "Moonlight" tauchte. "Mir war gar nicht klar, dass wir hier in den Großen Seen so gut erhaltene Wracks haben, bis ich mal in anderen Gewässern getaucht bin und gesehen habe, was die Plünderer übrig lassen." Kein Wunder, denn das Tauchen in den Großen Seen verlangt Leidensfähigkeit. Das Wasser ist eisig kalt, und die Wracks liegen meist sehr tief. Hobbytaucher verirren sich kaum hierher.

Merryman hat sein ganzes Leben auf und in den Großen Seen verbracht. Er betreibt eine Chartergesellschaft für Taucher, die Wracks sind seine Lebensgrundlage. Bei Merryman kann man denn auch ganz besondere Touren buchen. Gegen eine Spende an die Great Lakes Shipwreck Preservation Society nimmt er Taucher sogar zu gerade erst entdeckten Wracks mit. Welcher Taucher möchte nicht einmal als erster an einem Schiff sein, das seit hundert Jahren ungestört auf dem Seegrund liegt?

Statt Andenken zu sammeln, helfen die Taucher Merryman bei der Arbeit: vermessen, kartieren, beschreiben. So bereiten sie – wie auch im Fall der "Moonlight" – das Schiff für die Aufnahme in das National Register of Historic Places vor. Das ist besser als Plündern. "Die wissenschaftliche Arbeit", sagt Merryman, "ist für die meisten das größte Abenteuer."

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