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Leistungsverbesserung: Gehirn-Jogging ist nutzlos

Es ist ein Geschäft mit der Angst: Mit Pillen, Nahrungsergänzungsmitteln und Hirnjogging-Programmen versprechen Hersteller geistige Leistungssteigerung und Schutz vor Demenz. Nun sagen Forscher in einer gemeinsamen Erklärung: Die meisten dieser Produkte sind nutzlos.

Hirnjogging, Hirnpillen, Hirn-Food: Von Produkten, die unsere grauen Zellen auf Trab bringen sollen, profitieren nur die Hersteller, nicht aber unsere Gehirne. Das schreiben zumindest 30 führende Neurowissenschaftler, Psychologen und Altersforscher in einer gemeinsamen Erklärung.

Gehirntraining: Bewegung verbessert Aufmerksamkeit, Denkprozesse und das Gedächtnis
Corbis

Gehirntraining: Bewegung verbessert Aufmerksamkeit, Denkprozesse und das Gedächtnis

Das Geschäft mit Produkten, die eine Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit versprechen, floriert. Wissenschaftliche Studien, die die Wirkung der Pillen, Nahrungsergänzungsmittel und Computerspiele belegen, sind allerdings Mangelware. "Manche der Behauptungen [der Hersteller] klingen vernünftig, sind aber nicht belegt", schreiben die Wissenschaftler. "Andere sind weit hergeholt und manche sind bemerkenswert falsch."

"Die Erklärung bezieht sich vor allem auf kommerzielle Anbieter, die das Blaue vom Himmel versprechen", sagt Ulman Lindenberger, Direktor der Entwicklungspsychologie am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Manche Hersteller versprechen Leistungssteigerung, manche gleich den Totalschutz vor Alzheimer. "Es ist die Furcht vor Gedächtnisverlust, Demenz und Alzheimer, die viele Konsumenten verleitet, diese Produkte zu kaufen", sagt Laura Carstensen, Psychologin an der Stanford University.

Dabei ist die wissenschaftliche Datenlage dünn. Beispiel Ginkgo biloba: Bis heute gebe es keinerlei Belege, dass Ginkgo-Produkte die geistige Leistung verbessern oder ihren Abbau aufhalten, schreiben die Forscher. Nur bei einigen wenigen Nahrungsergänzungsmitteln konnte in großen wissenschaftlichen Studien eine Wirkung belegt werden.

Wenig nützlich sind nach Meinung der Wissenschaftler auch die meisten Hirn-Trainings-Programme. Zwar würde Software durchaus einen Effekt zeigen - jedoch nur bei bestimmten Aufgaben. Und im Alltag nützt das nichts.

Hirnjogging trainiert Fähigkeiten, die im Alltag nutzlos sind

"Ein Programm trainiert möglicherweise Ihre Fähigkeit dafür, sich Wörter zu merken", schreiben die Forscher. "Aber diese bestimmte Fähigkeit wird Ihnen sehr wahrscheinlich nicht dabei helfen sich daran zu erinnern, wo Sie Ihre Autoschlüssel gelassen haben."

Die Empfehlung der Wissenschaftler: Nur Produkte kaufen, die sich auf wissenschaftliche Belege stützen können. Und vor allen Dingen Misstrauen gegenüber Heilsversprechen in Sachen Alzheimer und Demenz.

So nutzlos also Gehirn-Jogging ist, so sinnvoll ist aber echtes Joggen, meinen die Forscher: "Wissenschaftler haben herausgefunden, dass regelmäßiges moderates Bewegungstraining die Durchblutung des Gehirns stärkt und die Bildung neuer Blutgefäße und Nervenzell-Verbindungen fördert", schreiben sie. Bewegung verbessere Aufmerksamkeit, Denkprozesse und das Gedächtnis.

Das Fazit der Forscher: "Wir sehen Bewegung als einen vielversprechenden Ansatz zur Verbesserung kognitiver Leistung."

Dennoch wollen die Verfasser nicht als technikfeindlich verstanden werden. "Die Erklärung soll die großen Potentiale moderner Technik für die soziale und geistige Anregung im Alter nicht generell in Frage stellen", betont Carstensen.

Lindenberger ergänzt: "Technik, wie beispielsweise das Internet und soziale Computerspiele, bieten gerade den in ihrer körperlichen Mobilität eingeschränkten Älteren die Möglichkeit, soziale Kontakte zu knüpfen und aufrechtzuerhalten." Daher sollten zukünftige software-basierte kognitive Trainingsprogramme diese soziale Dimension von vornherein berücksichtigen und ihre langfristige Wirksamkeit dann in Verlaufsstudien überprüft werden.

lub

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
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1. 'gefühlte' Schlauheit
Ernst Robert, 05.05.2009
Das Geschäft mit diesen Produkten floriert, weil die Zielgruppe schon nicht mehr im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten ist. Ihre Bewerbung sollte also verboten werden. Wer auf Begriffe wie Gehirn-Jogging herein fällt, ist schon ein Pflegefall. Andererseits kalkuliert fast jede Werbung mit der Doofheit der Konsumenten, das zeigen nicht zuletzt die Verwendung der vielen unsinnigen englischen Begriffe (welche 'gefühlte' Schlauheit verkaufen sollen) und die 'armen' H4ler, denen Werbung das letzte Geld aus der Tasche zieht - für absolut unnötige Sachen.
2. Alte Weisheit ...
Harald Lennartson 05.05.2009
Also stimmt es doch, dieses alte Sprichwort: In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist? Allerdings denke ich, dass Sport nicht nur aufgrund der besseren Durchblutung den Geist fördert. Wäre es möglich, dass sportlich aktive Menschen auch geistig aktiv sind? Wie sonst wäre Steven Hawkins zu seinen außergewöhnlichen geistigen Fähigkeiten in der Lage?
3. GeJo
pu_king81, 05.05.2009
Kennt sich jmd mit der Literatur ueber das sogenannte ECHTE Gehirn-Jogging aus? Damit meine ich die Methoden von Siegfried Lehrl (http://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried_Lehrl) basierend auf der Kurzspeicherkapazitaet (http://de.wikipedia.org/wiki/Kurzspeicherkapazität)? Die KSK wurde von Helmar Frank (http://de.wikipedia.org/wiki/Helmar_Frank) eingefuehrt und soll das absolute Mass der Intelligenz darstellen (der IQ ist immer relativ definiert, die eigene Leistungsfaehigkeit in Bezug zum Mittelwert der Gesamtbevoelkerung). Die KSK ist das Produkt aus Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit (IVG) und Gegenwartsdauer (GWD). Die IVG laesst sich messen in dem der Proband mglst. schnell Buchstaben vorliest (ein Buchstabe enthaelt 5bit an Information), IVG ist dann gleich 5*Anzahl_der_Buchstaben/Vorlesezeit. Die GWD wird gemessen indem dem Probanden zufaellige Buchstabenfolgen vorgelesen werden, jede Sekunde ein neuer Buchstabe. Danach muss der Proband die Folge mglst. fehlerfrei wiederholen. Man beginnt z.B. mit einer Folge der Laenge 4. Der Proband wiederholt die Folge. Man testet nun mit einer Folge der Laenge 5 usw. bis der Proband den ersten Fehler beim wiederholen macht. Die laenge der Buchstabenfolge ist dann die GWD. KSK ist dann IVG*GWD und liegt beim Durchschnittsmenschen bei 80 bits und entspricht IQ 100 (in einer Population aus Genies wuerde 80bits vielleicht schon IQ 50 entsprechen). Laut Lehrl soll man diese Kapazitaet trainieren koennen in dem man die GWD und IVG trainiert und somit auch seinen IQ. Gruss, pu
4. Medien
Helly, 05.05.2009
Herrlich - ein Feldzug gegen Denksportaufgaben. Das hat Deutschland noch gefehlt. Sponsored by whom, RTL vielleicht? Dieser Aufsatz wird vermutlich in allen grossen Medien zu finden sein. Waere doch auch unangenehm, wenn der Poebel sich im Mai noch erinnern wuerde, was die so genannten Eliten im Februar noch ueber die Medien haben verbreiten lassen. Oder noch schlimmer: Wenn nach der Wahl noch jemand wuesste, was genau eigentlich die Worthuelsen waren, wegen der das Wahlvieh brav seine Kreuzchen gemacht hat bei einer der Parteien, die das Land nachweislich tiefer und tiefer in den Dreck reiten.
5. Empfehlenswerte Produkte
pundamaria 05.05.2009
"Die Empfehlung der Wissenschaftler: Nur Produkte kaufen, die sich auf wissenschaftliche Belege stützen können." Mich würden sehr die Namen solcher Produkte interessieren. Weshalb werden sie nicht genannt?
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