Leserbriefe zur Kreationismus-Debatte "Gott ist ein Witzbold"

Kaum ein Thema hat die Leser von SPIEGEL ONLINE in jüngerer Zeit so erhitzt wie die Debatte um Evolutionstheorie, Kreationismus und "Intelligent Design" in den USA. Viele äußerten sich im Forum oder in Leserbriefen zu der Diskussion.


Eine ganze Reihe von SPIEGEL-ONLINE-Lesern bezog nach der jüngsten Berichterstattung in E-Mails Stellung für die Anhänger der Idee, dass die Entwicklung der Arten nicht allein auf Mutation und Selektion basieren kann. Die Verfechter der These vom "intelligenten Design" sind überzeugt, dass ein göttlicher Wille sich in der heutigen Gestalt der Welt ausdrückt - und dass die biologischen Organismen von heute viel zu kompliziert sind, um durch den "zufälligen" Prozess der Evolution entstanden zu sein.

Entstehung des Lebens in der Vorstellung eines Künstlers: Debatte um die Rolle Gottes
NASA

Entstehung des Lebens in der Vorstellung eines Künstlers: Debatte um die Rolle Gottes

Die Verfechter von Darwins Evolutionstheorie, darunter die überwältigende Mehrheit der seriösen Wissenschaftler, betonen dagegen, dass die Evolution keinesfalls zufällig verläuft, sondern eine zielgerichtete Anpassung der Arten an ihre Umwelt stattfindet. Ihr Argument: Die Wissenschaft will keine Fragen nach Gott beantworten. Dies könne nur die Religion, und beides solle voneinander getrennt stattfinden.

Viele Leser stellen in ihren Briefen jedoch eine direkte Verbindung zwischen ihrem persönlichen Glauben und der in den USA geführten Debatte her.

T. Greven beispielsweise schrieb:

"Letztlich geht es Ihnen um die Unterdrückung einer Frage des Glaubens: Was sollen die Menschen über den Ursprung unserer Welt glauben? Und wieso sollten sie da nicht die Wahl zwischen allen weltanschaulichen Auffassungen haben, die sich auf dem "Markt der Meinungen" anbieten? Bei aller Verneigung vor dem wissenschaftlichen Fortschritt: Tatsächlich vermag die Evolutionslehre ebenso wenig wie die Urknalltheorie alle existentiellen Fragen der Entstehung von Leben und Universum zufriedenstellend zu beantworten."

Noch persönlicher argumentiert Stefan Ilisevic aus Riederich:

"Es sind übrigens nicht nur 'Spinner' in den USA die an die Schöpfung glauben. Ich glaube, dass Gott die Welt vor ca. 6000 Jahren erschaffen hat. Ich glaube an die Schöpfung in 6 Tagen. Ich glaube an Himmel und Hölle, und ich glaube, dass Jesus Christus Gott ist und für alle Menschen am Kreuz gestorben ist, auf das jeder Mensch durch den Glauben an ihn in den Himmel kommen kann. Die Evolutionstheorie ist meines Wissens wirklich nur ein dürftiges Gerüst, welches viele Thesen aufstellt und viele Fragen offen lässt."

D. Förderer schloss sich an, mit der Ansicht:

"Hier geht es offensichtlich um Weltanschauung. Aber nicht nur von Seiten der Anhänger des Intelligent Design. Auch ihre Ansicht, dass die Natur nicht von einem intelligenten Wesen gesteuert wird, ist eine weltanschauliche Position und hat nichts mit Wissenschaft zu tun. Dass Gott nicht direkt in die Welt eingreift, ist ein Glaube. Dass Gott direkt in die Welt eingreift, ist ein anderer Glaube."

Ein Problem an der These vom "Intelligent Design" - und das ist es, was ihre Kritiker ihr vorwerfen - ist aber, dass es eben doch einen Unterschied zwischen Glaubenssatz und Theorie gibt: Eine wissenschaftliche Theorie hat keinen Wahrheitsanspruch, ein Glaubenssatz dagegen schon. Sie ist explizit nur dann brauchbar, wenn sie durch entsprechende Daten falsifiziert werden kann. Der Eingriff eines Schöpfers, an den man glauben muss, ist aber eine Vorbedingung, die Falsifikation logisch unmöglich macht. Diesen Unterschied haben einige der Briefschreiber betont - und versuchen nun, ihn zu relativieren. Matthias Euhus aus Hamburg etwa erklärt die Evolutionsforschung zu einer Geisteswissenschaft:

"Ursprungsforschung (Forschung nach den Ursprüngen der Welt und der Menschheit) ist primär Geschichtsfoschung. Da geht es darum, dass man Dokumente über die zu untersuchende Epoche sammelt, sichtet, übersetzt, bewertet und interpretiert. Bei der Interpretation handelt es sich um einen Prozess, bei dem auch das subjektive Weltbild des Forschers mit ins Ergebnis einfließt - von daher kann die Korrektheit keiner Ursprungstheorie naturwissenschaftlich eindeutig bewiesen werden (seit wann kann man Geschichtstheorien naturwissenschaftlich beweisen?"

Felix B., Physikstudent aus Garching, betont die scheinbare Unvereinbarkeit von Evolution und Entropie. Er hält die Evolutionstheorie gar für eine Art Ersatzreligion:

"Diese beispiellose Hartnäckigkeit der Evolutionstheorie lässt sich nur mit dem innigen menschlichen Wunsch nach einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens erklären, die ganz ohne Gott auskommt. Im Grunde handelt es sich bei der evolutionistischen Annahme nach einem "Gott-freien" Ursprungs des Lebens auf unserer Erde auch nur um den Glauben an eine Alternative zur biblischen Schöpfungsgeschichte. Die Vorstellung, aus einer Brühe toter Materie hätten sich spontan Zellen entwickelt, weil den einzelnen Atomen und Molekülen vielleicht gerade langweilig war, widerspricht nicht nur menschlicher Vernunft, sondern auch Naturgesetzen (es wird der Zustand maximaler Unordnung angestrebt!) - und ist damit mindestens so schwer zu glauben wie eine Schöpfung der Erde durch ein höheres Wesen, wie in der Bibel beschrieben."

Das aber will Florian Maderspacher, promovierter Physiker und Mitarbeiter des Fachblatts "Current Biology", so nicht stehen lassen:

Ich weiß nicht, in welchem Semester der zitierte Physikstudent ist, aber er macht einen gehörigen Denkfehler, wenn er behauptet, der zweite Hauptsatz der Thermodynamik (spontaner Übergang physikalischer Systeme zu höherer Unordnung) schließe die Entwicklung komplexer, geordneter Strukturen aus. Wenn sich beispielsweise aus einer Zelle ein komplexer Organismus entwickelt, tut er das unter Einsatz von Energie, die er der dem Abbau komplexer chemischer Substanzen (z. B. Glukose) entnimmt. Damit erniedrigt er zwar seine eigene Entropie, weil er geordnete Strukturen baut. Aber man darf den Organismus natürlich nicht als geschlossenes System betrachten, da er die Energie ja von außen erhält. Unter Einbeziehung der Außenwelt erhöht er die Gesamtunordnung des Systems und bleibt somit in Einklang mit dem Entropiegesetz. Intuition ist, wenn man mit solchen Begriffen operiert, oftmals verleitend und führt zu falschen Schlüssen. Die Evolution ist erklärbar und vollkommen vereinbar mit den Naturgesetzten. Die Schöpfung, wie auch immer man sie sich im Detail ausmalen will, nicht.

Kathrin Fuchs aus Austin im US-Staat Texas plädiert für eine stärkere Trennung zwischen Wissenschaft und Religion:

"Ich erinnere mich an meinen dt. Schulunterricht, wo der Lehrer beim Unterrichten von Darwinismus ganz selbstverständlich erwähnte, dass es da auch einige offene Fragen gibt und dass Darwinismus weder unterstreicht noch widerlegt, dass ein höheres Wesen Einfluss auf die Entwicklung des Menschen hatte. Wenn es so unterrichtet wird, bleibt Raum zum Glauben oder Nichtglauben für jeden, es entstehen keine feindlichen Lager, und es besteht kein Bedarf für irgendwelche fadenscheinige "Anti-Wissenschaftstheorien" wie "Intelligent Design". Wenn dagegen, wie in den USA, die Wissenschaft in strikter Abgrenzung von religiösen Ideen nur Darwinismus erwähnt und von vorneherein als Unfug abtut, dass die Wissenschaft nicht alles erklären kann und daneben immer Raum für persönlichen Glauben jedes einzelnen bleibt, ist es nur verständlich, dass viele Menschen sich fragen, wie denn dann ihr Gott hineinpasst."

Dr. Bernd Fritzsch, selbst Evolutionsbiologe, schreibt:

"Intelligent Design nimmt also an, dass der Mensch zu komplex ist, um auf evolutivem Weg entstanden zu sein. Um dieses einfache Problem zu umgehen, schaffen wir einfach ein höheres Wesen. Wo bitte kommt dieses höhere Wesen denn her? Vielleicht ebenfalls von einem noch höheren Wesen?"

Martin Killmann aus Bonn betrachtet das Thema, leicht sarkastisch, aus philosophischer Distanz:

"Für einen Wissenschaftler, dessen Forschungsgelder in den USA am öffentlichen Topf hängen, ist der Angriff der Kreationisten ziemlich tragisch. Wenn man aber mal den ganz großen Rahmen betrachtet, ist die ganze Diskussion ziemlich zweitrangig: Die Evolution fand schon Millionen Jahre vor ihrer Entdeckung statt, und sie wird auch noch Millionen Jahre weiter stattfinden, auch wenn die Menschheit die Evolutionstheorie aufgibt oder an ihrer eigenen Ignoranz zu Grunde geht. Die Evolution ist nicht mal an die Erde gebunden, irgendwo da draußen kann jederzeit eine neue Evolution starten. Der Kreationismus hat es da schon schwieriger: Erst muss Leben entstehen, dann muss dieses Leben Intelligenz erlangen, und dann muss es auf Basis der Erfahrung von der eigenen Schaffenskraft als Ebenbild einen eigenen Schöpfer erschaffen. Insofern geht der Kreationismus dann auch mit der Menschheit erstmal unter."

Ins gleiche Horn stößt, noch ein bisschen boshafter, Philipp Alexander Vollmer aus Lambsheim:

Da wir nach seinem Muster geschaffen wurden, dürfte Gott der gleiche faule Sack wie die meisten von uns sein und hat deshalb kaum alle Details unseres Universums einzeln erschaffen, sondern nur die Grundprinzipien inklusive der Evolution. Aber Gott ist auf jeden Fall ein Witzbold, birgt die Evolution doch den Mechanismus in sich, auch Kreationisten hervorzubringen."

Versöhnlich betrachtet die Sache Andreas Albicker:

"Religion richtet sich nicht gegen Wissenschaft, Wissenschaft richtet sich nicht gegen Religion. Aber Menschen richten sich gegen alles Mögliche."



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