Libido-Medikamente: Pharma-Firmen setzen Frauen unter Lust-Druck

Von

Ist den Frauen die Lust abhanden gekommen? Angeblich leidet jede Zweite an einem Mangel an Libido. "Maßlos übertrieben", urteilen Kritiker und werfen der Pharmaindustrie vor, eine Krankheit zu erfinden. Jetzt gerät sogar die einzige, in Deutschland zugelassene Arznei in die Kritik.

Ist es krankhaft, wenn eine Frau nicht ständig Lust auf Sex hat? Gilt sie als normal, wenn der Akt wöchentlich vollzogen wird? Oder täglich? Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD), zu deutsch verminderter sexueller Antrieb, heißt eines der Syndrome, das unter Experten höchst umstritten ist. Befürworter freuen sich, dass ein angebliches Massenphänomen endlich einen Namen hat. Kritiker werfen der Pharmaindustrie vor, für einen neuen Absatzmarkt eigens ein Krankheitsbild erfunden zu haben.

In der Tat forschen Unternehmen weltweit auf Hochtouren. Cremes, Pillen, Pflaster - sie alle sollen die weibliche Lust wieder in Schwung bringen. Während sich der Weg zur Zulassung für die meisten Produkte als zu steinig erweist, ist in Deutschland seit 2006 ein Mittel zugelassen, das die Libido der Frau anregen soll: Intrinsa.

Das Hormonpflaster des Pharmariesen Procter & Gamble enthält das Geschlechtshormon Testosteron, das normalerweise in den Eierstöcken hergestellt wird. Frauen, denen die Gebärmutter und die Eierstöcke entfernt wurden und die eine ausgleichende Östrogentherapie erhalten, soll der Hormonschub für rund 30 Euro im Monat helfen. Doch nach Durchsicht der aktuellen Studienlage kommt eine jetzt im "Drug and Therapeutics Bulletin" (dtb) publizierte Übersichtsarbeit zu der Einschätzung: "Wir können Intrinsa nicht für Frauen empfehlen, die unter sexueller Dysfunktion leiden."

Zwar hätten Untersuchungen gezeigt, dass der natürliche Testosteronspiegel auf die Hälfte abfällt, wenn die Frauen durch einen chirurgischen Eingriff in die Menopause kommen, schreiben die Autoren im dtb. Doch ob eine Therapie mit dem Androgen diesen Frauen helfe, sei nicht bewiesen. Ihre Kritikpunkte: Die Frauen, die die Wissenschaftler für ihre Studien ausgewählt hatten, seien keinesfalls repräsentativ, weil sie beispielsweise keine anderen gesundheitlichen Probleme zusätzlich haben durften.

"Eine von Pharma-Firmen gesponserte Krankheit"

Zudem stört die Autoren der starke Placeboeffekt: Während das Testosteronpflaster die Sex-Frequenz von drei auf fünf pro Monat erhöhte, nahm sie von drei auf vier zu, wenn die Frauen ein wirkstofffreies Präparat bekamen, aber glaubten, es handele sich um das Hormonpflaster. "Die Wirkung von Intrinsa ist gegenüber dem Placebo signifikant besser", entgegnet Stefanie Glathe, Sprecherin von Procter & Gamble. "Das haben wir mit großen Studien nachgewiesen und deshalb auch die europäische Zulassung bekommen."

"Die Unterschiede sind in der Tat nicht gigantisch, für die Frauen aber durchaus relevant", sagt die Gynäkologin Anneliese Schwenkhagen aus der Praxis für Hormonstörungen und Reproduktionsmedizin in Hamburg. Sie teilt das scharfe Urteil der dtb-Autoren nicht. "Wenn eine Frau chirurgisch in die Menopause kommt und sie dadurch die Lust am Sex verliert", sagt Schwenkhagen zu SPIEGEL ONLINE, "gehört sie möglicherweise zu jener kleinen Gruppe von Frauen, die von einer Testosterontherapie profitieren können."

Kleine Gruppe? Möglicherweise? Das sah bislang noch anders aus: Erschreckende 43 Prozent aller Frauen sollen laut einer viel zitierten Studie von Soziologen der Universität Chicago (US-Bundesstaat Illinois) unter einer sexuellen Dysfunktion leiden. "Die Zahlen sind maßlos übertrieben", meint die Sexualtherapeutin Ulrike Brandenburg aus Aachen. "Wenn wir differenziert fragen, welche Frauen tatsächlich unter einem generalisierten Libido-Verlust leiden, bleiben noch etwa zehn Prozent übrig."

Verantwortlich für die Übertreibungen ist die Pharmaindustrie, meint der Journalist Ray Moynihan. Im renommierten "British Medical Journal" schrieb er 2003: "Die von Firmen gesponserte Erfindung von Krankheiten ist nichts Neues, aber die Schöpfung der sexuellen Dysfunktion von Frauen ist das aktuellste, offensichtlichste Beispiel dafür."

Potentieller Profit mit der sexuellen Lustlosigkeit

Allein die Hoffnung der Pharma-Unternehmen auf mehr Profit stecke dahinter. Denn der Markt könnte theoretisch riesig sein, vergleicht man ihn mit dem Absatz, den Pfizer mit Viagra gemacht hat: Die Sexpille für den Mann spült dem Konzern jedes Jahr 1,5 Milliarden Dollar (knapp 1,2 Milliarden Euro) in die Kassen. Und Pfizer forscht weiter: "Neue Aktivitäten im Bereich weiblicher Sexualstörungen befinden sich im frühen Forschungsstadium", sagt Martin Fensch, Pressesprecher von Pfizer Deutschland.

Auch das Unternehmen BioSante Pharmaceuticals preist auf seiner Seite unverhohlen den potentiellen Profit an. Allein mit der sexuellen Dysfunktion der Frau ließen sich zwischen "zwei und vier Milliarden" Dollar verdienen.

Der Libidobooster des Unternehmens heißt LibiGel. Dabei handelt es sich ebenso wie bei dem jetzt in die Kritik geratenen Intrinsa um ein Testosteronpräparat, das jedoch als Gel auf die Haut aufgetragen wird. 500 Frauen in der Menopause testen derzeit das Präparat, das 2010 - so die zuversichtliche Einschätzung des Herstellers - von der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) anerkannt und 2011 auf den Markt gebracht werden soll. "Über die langfristigen Folgen des Testosteronersatzes wissen wir noch zu wenig", sagt Johannes Bitzer, Chefarzt der Gynäkologischen Sozialmedizin und Psychosomatik am Universitätsspital Basel. "Das Hormon wirkt wahrscheinlich positiv auf die Knochen. Mögliche Wirkungen auf das Herz-Kreislauf-System und die Brustdrüse werden derzeit kontrovers diskutiert."

Warum Sex ohne Lust weiterhelfen kann - und mehr über ein Psycho-Aphrodisiakum mit Angriffspunkt Gehirn im nächsten Abschnitt.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite

Fotostrecke
Übertriebenes Problem: Geschäfte mit der weiblichen Lust
Fotostrecke
Viagra-Forschung: Potenzpille auf Abwegen