Lichtverschmutzung Die Welt strahlt. Leider.

Eigentlich sollten LED-Leuchten beim Energiesparen helfen. Doch Spareffekte verpuffen, weil auch noch der letzte Fleck ausgeleuchtet wird. Neue Satellitendaten zeigen, wie die Nacht verschwindet.

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Schon in der Bibel oder im Koran ist Sache vollkommen klar: Licht ist gut, Dunkelheit schlecht. So einfach ist das. "Ich bin das Licht", sagt zum Beispiel Jesus laut Johannes-Evangelium, "damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt." In der 2. Sure des Koran heißt es wiederum über Allah, er bringe Gläubige "aus den Finsternissen heraus ins Licht."

Klingt doch gut. Es gehört schließlich zu den Urinstinkten des Menschen, die Dunkelheit zu fürchten. Doch wenn man mit Christopher Kyba spricht, lernt man: Licht liefert eben manchmal auch nur trügerische Sicherheit. Der Forscher vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam befasst sich seit Jahren mit der Frage, wie Menschen die Nacht erhellen - und wie die Dunkelheit nach und nach verloren geht. Gerade hat er dazu mit Kollegen einen Artikel im Fachmagazin "Science Advances" veröffentlicht.

Kyba erzählt nun folgende Anekdote: Auf einer Wanderung mit anderen Forschern sei er vor einiger Zeit in Spanien unterwegs gewesen. Auf dem Hinweg sei man bei Vollmond durch den Wald gelaufen, alles kein Problem. Doch auf dem Weg zurück zum Hotel sei er in ein Erdloch gestürzt - obwohl ganz in der Nähe eine Laterne gestanden hatte. Doch der Schatten ihres Mastes habe genau die 50 Zentimeter tiefe Grube verdeckt. "Hier war die Beleuchtung schlecht, sie hat nicht gezeigt, wo das Hindernis ist", so Kybas Fazit.

Die Menschheit macht die Nacht heller

Außer ein paar Schrammen ist nichts passiert. Aber für den aus Kanada stammenden Forscher macht sein Sturz klar: Mehr Licht bedeutet eben nicht mehr Sicherheit. Doch die Menschheit liebt das Licht: Jedes Jahr seit 2012 haben sowohl die Intensität der künstlichen Beleuchtung als auch die bestrahlte Fläche weltweit um zwei Prozent zugenommen. Das zeigen die Forschungsergebnisse, die Kyba und seine Kollegen nun präsentieren.

Die stützen sich bei ihrer Auswertung auf Messungen mit dem US-Satelliten "Suomi NPP". Auf ihm fliegt in gut 820 Kilometern Höhe auch ein sogenanntes Radiometer um die Erde, das sichtbares Licht ebenso erfasst wie für Menschen unsichtbare Emissionen im nahen Infrarotbereich. Die Auflösung der Daten liegt bei 750 Metern. Das heißt, dass die Forscher hochpräzise Karten der weltweiten Lichtverschmutzung erstellen konnten.

Und von wenigen, kriegszerrütteten Staaten wie Jemen oder Syrien einmal abgesehen, geht der Trend rund um die Welt nach oben: Die Menschheit macht die Nacht immer heller. In Entwicklungs- und Schwellenländern passiert der Zuwachs etwas schneller, in Industrieländern etwas langsamer. Aber nach oben geht die Lichtmenge überall. Ungefähr in dem Maß, in dem auch das Bruttosozialprodukt eines Landes wächst.

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Lichtverschmutzung: Strahlende Schönheit

Der beobachtete Effekt hat mit dem Siegeszug der LEDs zu tun. Rund um den Globus setzen Städte auf die Dioden, um den öffentlichen Raum zu bestrahlen. Sie sparen Energie und sind deutlich langlebiger als klassische Natriumdampflampen. Doch in vielen Fällen werden Einsparungen durch den Einsatz von LEDs überkompensiert - weil nun Orte und Dinge beleuchtet werden, die früher in aller Ruhe im Dusteren bleiben konnten. LEDs leuchten also erstens heller als die bisherigen Lampen - und zweitens werden sie oft zusätzlich verbaut. "Obwohl einzelne Projekte Energie einsparen, wird der Einspareffekt durch neue Projekte aufgezehrt", sagt Forscher Kyba.

"Rebound-Effekt" nennen Wissenschaftler so etwas. Man kennt das auch bei Autos. Wer sich da ein spritsparendes Modell kauft, könnte genau deswegen versucht sein, längere Strecken auf der Straße zurückzulegen - so der Umwelt unterm Strich sogar schaden. Denn es kostet ja auf den ersten Blick nicht mehr so viel.

Im falschen Rhythmus

Was ist nun aber schlimm daran, wenn die Nacht verschwindet? "Beim Menschen kann das Licht die Innere Uhr durcheinander bringen", warnt Franz Hölker, Co-Autor der aktuellen Forschungsarbeit und Projektleiter beim Verbund "Verlust der Nacht". LED-Licht am Abend gaukle dem Körper vor, es sei bereits Tag. So komme der Rhythmus durcheinander. Lichtverschmutzung wirke sich auch auf nachtaktive Tiere aus, die sich nur schwer orientieren könnten.

Beleuchtung der kanadischen Stadt Calgary 2010 (gelb) und 2015 (gelb und blau)
GFZ Helmholtz Center

Beleuchtung der kanadischen Stadt Calgary 2010 (gelb) und 2015 (gelb und blau)

Die Forscher weisen auch darauf hin, dass sie mit ihrer Methode das Problem der Lichtverschmutzung aktuell eher unter- als überschätzen. Das liegt an den Eigenschaften des Messgerätes auf "Suomi NPP", das sie verwenden. Das Radiometer misst nämlich nur Licht mit Wellenlängen oberhalb von 500 Nanometern. Und neu installierte LED-Lampen haben häufig einen höheren Anteil an blauem Licht mit Wellenlängen unterhalb dieser Grenze.

So erschienen einige Orte in den Satellitenauswertungen über die Zeit immer dunkler - obwohl man mit Fotos von Astronauten der Internationalen Raumstation zeigen könne: Die betreffenden Städte strahlen noch immer mindestens genau so hell wie zuvor. Oder sogar noch heller.

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Neuer Atlas: So hell strahlt die Welt

Kommunen hätten derzeit vor allem Einsparungen an Kosten, Energie und CO2 im Blick, wenn sie sich für LED entscheiden, so Friedrich Henckel, emeritierter Inhaber des Lehrstuhls Stadt- und Regionalökonomie an der Berliner Technischen Universität. "Es fehlt oftmals die Kompetenz und das Know-how, um auch die Qualität des Lichtes zu bewerten", sagt er. Es müsse Lichtplanungsprojekte geben, in denen Sozialwissenschaftler, Planer und auch Naturschützer zusammenarbeiten.

Im kommenden Jahr wollen die Forscher eine Detailauswertung für Deutschland vorlegen. Bis dahin hat Christopher Kyba einen Tipp: "Für die meisten von uns ist Licht etwas, das da ist. Und über das man sich keine Gedanken macht. Aber wenn es da eine Lampe in Ihrer Stadt gibt, die Sie stört - zum Beispiel, weil sie zu hell ist - rufen Sie Ihre Stadtwerke an." Die Versorgungsbetriebe hörten überraschend oft auf die Sorgen ihrer Kunden - und würden dann versuchen, eine Lösung zu finden.

Vielleicht nicht für weniger Licht - aber für besseres.

Mit Material von dpa



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