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Liebe im 21. Jahrhundert: "Viele haben ein überhöhtes Beziehungsideal"

Gescheiterte Beziehungen, Angst vor Nähe, überzogene Ansprüche: Die Hamburger Psychotherapeutin Claudia Clasen-Holzberg kritisiert im SPIEGEL-WISSEN-Interview den Zwang zur Intimität und erklärt, warum die Wirtschaftskrise positiv auf unser Verhalten wirken könnte.

SPIEGEL: Frau Clasen-Holzberg, seit Jahren steigt die Zahl der Menschen, die allein leben. 1961 gab es vier Millionen Singlehaushalte, heute sind es 16 Millionen. Haben wir keine Lust mehr auf Nähe und Beziehungen?

Clasen-Holzberg: Doch, das Problem ist nur, dass wir uns dabei ständig überfordern. Der Anspruch an sich selbst und an den Partner, Nähe und Intimität herzustellen, ist so gestiegen, dass daraus fast schon so etwas wie eine Ersatzreligion geworden ist.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Clasen-Holzberg: Viele haben ein überhöhtes romantisches Beziehungsideal. Alles Glück der Welt soll vom Partner kommen, was einen enormen Druck erzeugt. Eingefordert wird ein geradezu symbiotisches Miteinander. Oder es gibt die Vorstellung, wenn wir schon nicht eins sind, so sollen wir uns doch wenigstens wunderbar in unseren Unterschieden ergänzen.

SPIEGEL: Und mit den Erwartungen wächst die Angst zu versagen?

Clasen-Holzberg: Die Menschen kapitulieren vor ihren eigenen Erwartungen und wagen es gar nicht erst, eine Beziehung einzugehen. Diese ganze Vorstellung, sich ständig selbst verwirklichen zu müssen, wozu immer auch Harmonie und Nähe mit dem Partner gehören und vielleicht sogar mit der ganzen Familie, hat im eigenen Selbstbild eine derartige Überhöhung angenommen ...

SPIEGEL: ... dass reale Beziehungen dem nicht standhalten?

Clasen-Holzberg: Viele Menschen können es nicht aushalten, wenn sie feststellen, ihr Partner erfüllt ihnen nicht jeden Wunsch. Oder wenn es Konflikte gibt, die nicht sofort harmonisch lösbar sind. Oder wenn sie von ihrem Partner an einem Punkt in Frage gestellt werden, an dem das Kritisierte mit ihrer Eigenwahrnehmung überhaupt nicht übereinstimmt. Dadurch wird ihr komplettes Selbstbild beschädigt, was zu massiver Abwehr führt.

SPIEGEL: In früheren Jahren gab es zwar mehr Ehen, aber nicht unbedingt Nähe zwischen den Partnern. Wie sind die Menschen damals damit umgegangen?

Clasen-Holzberg: Wenn es vor fünfzig, sechzig Jahren Zärtlichkeit und emotionale Nähe in einer Ehe gab, dann waren das große Glücksfälle. Aber das Gefühlvolle hatte nicht so einen hohen Stellenwert wie heute. Deshalb ist den Menschen der Verzicht auf Nähe und Intimität nicht so schwer gefallen, er war ihnen wahrscheinlich nicht einmal besonders bewusst. Wichtig war ihnen zu wissen, dass die Ehe stabil ist und dass die Kinder ökonomisch abgesichert aufwachsen. Heute ist die Sicherheit, die wir in der Partnerschaft suchen, nicht mehr wirtschaftlich begründet, sondern emotional, und das ist eben eine verdammt wackelige Angelegenheit.

SPIEGEL: Berührungen holen sich viele Menschen heutzutage woanders. Im Wellnessbad, bei der Kosmetikerin oder auch im Fußballstadion, wo sich regelmäßig wildfremde Männer inniglich in den Armen wiegen.

Clasen-Holzberg: Es scheint mittlerweile ein großes Bedürfnis nach einer öffentlichen Nähe zu geben. Das konnte man auch während der Fussballweltmeisterschaft 2006 beobachten. Da war Deutschland plötzlich das Land des Gruppenerlebens und der Offenheit.

SPIEGEL: Noch ein Phänomen ist relativ neu: In größeren Städten gibt es mittlerweile sogenannte Kuschelparties. Zwanzig, dreißig einander fremde Menschen kommen einmal, manchmal auch zweimal im Monat zusammen, um unter Anleitung einer Trainerin miteinander zu schmusen. Sex ist verboten und sich zu entkleiden auch. Ein Mittel, um Angst vor Nähe zu überwinden?

Clasen-Holzberg: Solche Zusammenkünfte befriedigen sicher das Bedürfnis, Nähe zu erleben, ohne dass dies gleich diesen Beziehungseffekt hat. Das kann für viele Leute auch die positive Konsequenz haben, dass sie ihre Ängste abbauen.

SPIEGEL: Die Hamburger Psychologin Petra Dörre, die solche Kuschelkurse leitet, sagt sogar, Berührungen seien für Menschen wichtig und gesund, deshalb sollte die Teilnahme an Kuschelparties so selbstverständlich werden wie ein Restaurantbesuch.

Clasen-Holzberg: Durch den Restaurantsbesuch wird man aber noch nicht unbedingt zum guten Koch.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Clasen-Holzberg: Es kann passieren, dass sich daraus etwas Positives entwickelt, was die Teilnehmer dann auch im Alltag umsetzen können. So muss es aber nicht sein. Diese Treffen haben einen bestimmten Rahmen, es gibt Trainer und damit wird dem Besucher vieles abgenommen. Im Alltag muss er selbst sehen, wie er mit anderen in Kontakt kommt, wie er eine Beziehung aufbaut. Wenn er das nicht hinbekommt, kann es sein, dass er die Kuschelparty immer wieder braucht, weil er in sein normales Leben Nähe nicht integrieren kann.

SPIEGEL: Ist es einfacher, sich vor fremden Menschen zu offenbaren und welche Rolle spielt es, dass dafür Geld bezahlt wird?

Clasen-Holzberg: Als Kunde habe ich die Kontrolle über die Beziehung, ich kann Ansprüche stellen, ohne etwas geben zu müssen. Und wenn ich mich dann zeige mit meinen Schwächen und Gefühlen, kann ich immer damit rechnen, dass beispielsweise der Coach versuchen wird, mit mir gemeinsam Lösungen zu suchen. In einer Beziehung besteht die Möglichkeit, dass ich irgendeine Schwäche offenbare und der andere haut da noch rein. Oder er tischt mir das bei nächster Gelegenheit wieder auf. Für eine stabile Beziehung ist es deshalb sehr wichtig, dass man lernt, bestimmte Dinge auch alleine zu verarbeiten.

SPIEGEL: Wir haben momentan eine ökonomische Krise, wie es sie nach dem Zweiten Weltkrieg noch nicht gegeben hat. Wie wird sich dadurch das Verhalten verändern?

Clasen-Holzberg: Im Neoliberalismus ist in Wirtschaft und Gesellschaft der Grundtenor vorherrschend: jeder für sich. Dieses Denken könnte jetzt an Wirksamkeit verlieren und Werte wie Solidarität, Loyalität und Gemeinschaft könnten mehr Bedeutung gewinnen. Wenn es wieder wichtig würde, sich aufeinander zu verlassen und für einander einzustehen, selbst wenn man dafür etwas aufgeben muss, dann hätte diese Krise auch einen positiven Effekt. Dem menschlichen Grundbedürfnis nach Nähe und Bindung käme so eine Wandlung sehr entgegen.

SPIEGEL: Frau Clasen-Holzberg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Karen Andresen.

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