Wohnen auf der Autobahnbrücke Limburg droht neuer Luxusbau

In Limburg möchte ein Investor die marode Autobahnbrücke der A3 bebauen - viele Bürger sind entsetzt, Verkehrsminister Dobrindt ist dafür. Wie beim Fall Tebartz-van Elst hat sich ein Schweigekartell gebildet, diesmal in der Politik.

Egenolf

Limburg - Das Debakel um den Bau des Bischofssitzes, den sich Franz-Peter Tebartz-van Elst stolze 31 Millionen kosten ließ, brachte dem extravaganten Katholiken letztlich den Verlust seines Amts. Der Stadt Limburg verschaffte es ungewollte Aufmerksamkeit. Ein neuerliches Bauprojekt kommt nun kaum weniger pompös daher: Die marode Lahntalbrücke der A3 bei Limburg soll nicht wie geplant gesprengt, sondern zu einer futuristischen Luxusimmobilie umgewandelt werden. Ein Bauinvestor plant, große Wohnblöcke an vier Brückenpfeiler zu kleben. Scheinbar freischwebend sollen in schwindelerregender Höhe Apartments, Hotels, Restaurants und Büros entstehen.

Parallelen zum Fall Tebartz-van Elst sind nicht von der Hand zu weisen: Auch gegen diesen Bau protestieren immer mehr Menschen in Limburg, und auch hier hat sich längst eine Art Schweigekartell gebildet. Diesmal sind es nicht Generalvikare und Honoratioren, die hinter den Kulissen Pläne schmieden, es sind Politiker auf Landes- und Bundesebene, auch der Limburger Bürgermeister Martin Richard (CDU) agiert in fragwürdiger Manier.

"Brücke der Zukunft" hat Investor Albrecht Egenolf seine Idee getauft, die vier Türme der Brücke auf jeweils 7000 Quadratmetern Fläche zu umbauen. Seit den Sechzigerjahren führt die Brücke nun schon die A3 über das Lahntal. Weil sie marode wurde, sollte der 57 Meter hohe Bau eigentlich abgerissen werden. Der Neubau entsteht bereits in direkter Nähe, 2016 soll dieser fertig sein.

Per Fahrstuhl ins Lahntal

Für seine Wohnbrücke hat Egenolf viel vor. Oben sollen exklusive Wohnungen genauso wie Büros, Hotels und Restaurants entstehen. Fahrstühle sollen an den Pfeilern bis zum Talboden führen, Hotelgäste könnten nach einem Essen mit Blick direkt auf den Dom einen Spaziergang am Lahnufer anschließen.

Offiziell geben sich alle Behörden und Ämter abwartend. Das Verkehrsministerium unter Alexander Dobrindt (CSU) erklärt auf Anfrage, man stehe den Plänen "wohlwollend gegenüber", wenn denn der Investor ein entsprechendes "naturschutzfachliches Konzept" vorlege, alle weiteren Kosten übernehme und für die Bauverkehrssicherheit sorge. Auch das Verkehrsministerium in Hessen (HMWEVL) verweist auf Konzepte und Auflagen, die noch erbracht werden müssten. Bund und Land hätten dem Investor eine Frist bis September 2014 gesetzt - um die Realisierbarkeit zu prüfen.

Doch tatsächlich scheinen alle das Projekt unbedingt realisieren zu wollen. SPIEGEL ONLINE liegen interne Dokumente vor - Protokolle, Sprechzettel, Briefe - die belegen, dass die Entscheider zielgerichtet zusammenarbeiten.

Gemeinsamer Plan für die "Brücke der Zukunft"

In großer Harmonie versicherten sich alle Beteiligten etwa bei einem Treffen am 6. Mai 2014 in Wiesbaden der gegenseitigen Zusammenarbeit. An der Besprechung zum Brückenbau, Projektnummer 412-023-03, nahmen neben einigen Ingenieuren, dem Investor Egenolf, dessen Neffe sowie die beauftragte Architektin teil. Ebenfalls anwesend: Gerhard Rühmkorf, Baudirektor aus dem Bundesverkehrsministerium (BMVI), zwei Mitarbeiter des hessischen Verkehrsministeriums - und der Limburger Bürgermeister Richard.

Die Gruppe plante praktisch das Gelingen des Projekts: Baudirektor Rühmkorf etwa soll recherchieren, ob sich Ausnahmen für das eigentlich in der Projektzone vorliegende Anbauverbot finden lassen. Das hessische Verkehrsministerium hilft dem Investor bei der Formulierung der nötigen Begründung für das Bauen innerhalb der Bauverbotszone.

In der Öffentlichkeit erklärt Bürgermeister Richard stets, er schätze die Chancen, dass das Projekt realisiert wird, auf zehn bis 20 Prozent ein. Gleichzeitig betonte er aber, dass es bei "visionären Ideen keine Denkverbote" geben dürfe.

Frei nach diesem Motto fuhr er denn auch gleich im Juli mit Investor Egenolf nach Berlin, wo dieser sogar dem Minister persönlich in einem eigens anberaumten Termin seine Pläne präsentieren durfte.

Bund spart 10 Millionen Euro

Für den Bund ist das Projekt natürlich zu begrüßen, spart er sich die Abrisskosten der maroden Brücke in Höhe von rund zehn Millionen Euro.

Sollte sich der Bauinvestor Egenolf nicht ganz dumm anstellen, verfügt das beschauliche Limburg wohl bald um eine mit Luxusbauten ummantelte Brücke über der Autobahn A3, nahe dem ICE-Halt und nahe der neuen Brücke über das Lahntal.

Die Menschen in Limburg wissen nicht mehr recht, wem oder was sie glauben sollen. Innovatives Bauprojekt hin oder her: In Leserbriefen in den Lokalzeitungen fordern sie ihren Bürgermeister auf, klar Stellung zu beziehen. Auch der Limburger Stadtrat hatte im Februar die Brückenpläne zwar zur Kenntnis genommen, aber ebenfalls einige Forderungen aufgestellt. So soll Investor Egenolf nachweisen, dass das Projekt wirtschaftlich ist und in einem Zuge realisiert werden kann. Alles nur auf dem Papier?

Protest regt sich auch bei Vertretern der Grünen. Sie vermissen Verkehrskonzepte, fürchten eine Verschlechterung der Frischluftzufuhr für die im Kessel liegende Stadt, sorgen sich um den Denkmalschutz. Andere fürchten Bau - und Verkehrslärm, denn auch wenn auf der "Brücke der Zukunft" nur Elektroautos fahren sollen, müsse eine neue Zufahrtsstraße gebaut werden. "Was ist, wenn der Plan des Investors nicht aufgeht?", fragt Martina Hartmann-Menz von den Grünen in Limburg. "Dann steht später eine Ruine oberhalb unserer Stadt."

Schöner Blick verbaut?

Ende August haben einige Limburger nun eine Unterschriftenaktion gestartet, Verkehrsminister Dobrindt solle die Brücke doch - wie geplant - abreißen. "Die Lahn bei Limburg ist ein besonders schöner Ort. Der Domfelsen und der Limburger Dom stellen eine unvergleichlich schöne, einmalige Verbindung von Natur- und Kulturdenkmal dar", schreiben sie. Dies sei eine Perspektive, die es mit der "Egenolf-Brücke" nicht mehr geben würde.

Und jetzt? Egenolfs Pressesprecher reagiert auf Anfrage genervt. Von den Protestlern habe sich bisher keiner persönlich an den Investor gerichtet. Man werde selbstverständlich alle offenen Fragen beantworten. Derzeit beraten Juristen die letzten Fragen des Konzepts - auf der Münchner Immobilienmesse Expo Real im Oktober will man es dann vorstellen. Drei große Hotelketten hätten bereits Interesses signalisiert.



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insgesamt 258 Beiträge
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Seite 1
StörMeinung 03.09.2014
1.
Schön ist der Gesamtanblick vielleicht nicht, auf der anderen Seite ist es doch gar nicht so schlecht, wenn auch mal aus Deutschland eine neue Wohnidee lanciert wird. Aber die Wutbürger werden es schon zu verhindern wissen.
Fritz.A.Brause 03.09.2014
2. Sanierungsbedarf
Muss denn die Brücke nicht auch saniert werden, bevor das Bauvorhaben umgesetzt werden kann? Wenn die Brücke für den Verkehr zu marode ist, warum sollte sie dann eine geeignete Basis für die Umbaupläne sein?
Windlerche 03.09.2014
3. Wohnen direkt an der Autobahn
....sehr reizvoll!
derigel3000 03.09.2014
4.
Schrecklich, wie hier Politiker und ein größenwahnsinniger Architekt versuchen, eine der schönste Städte im Lahntal mit Gewalt hässlich zu machen. Hoffentlich begehren genug Bürger dagegen auf!
eristtotjim 03.09.2014
5. 1. April ?
Ich kann das nicht ernst nehmen und zwar aus folgenden Gründen (sofern Sie wahrheitsgemäß im Artikel wiedergegeben werden): 1. die Autobahnbrücke ist (zumal ohnehin in die Jahre gekommen) für derartige Lasten nicht ausgelegt 2. wer will direkt neben oder auf der Autobahn wohnen ? Von daher ist das für mich eine klassische Presse-Ente - sorry SPON !
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