Litwinenko-Mord Wurde die Polonium-Spur absichtlich gelegt?

Die Hände waschen, Kleider säubern: Schon sind eigentlich alle Polonium-Spuren weg, sagen Experten. Wieso gibt es im Fall Litwinenko dann so viele radioaktive Funde in London, Moskau, Hamburg? Entweder war es reiner Dilettantismus - oder jemand wollte absichtlich eine Fährte legen.

Von Stefan Schmitt


Polonium-Spuren in London, Moskau, Hamburg - das Gift für den Mord am Ex-Spion Litwinenko hätten auch Amateure schmuggeln können, ohne dabei Spuren zu hinterlassen. Experten rätseln: Warum nur die Schlamperei - war es Unwissen oder gar Absicht? "Das muss schon ein hohes Ausmaß an Dilettantismus gewesen sein", sagt Manfred Urban vom Strahlenschutzzentrum des Forschungszentrums Karlsruhe (FZK).

In Hotelbars und Flugzeugen, auf Sofas und Stühlen, in einem Badezimmer und sogar auf einer Behördenakte sind mittlerweile Spuren des radioaktiven Polonium-210 gefunden worden. Bei vier Hamburgern besteht Verdacht auf Kontamination. Mittlerweile haben die Ermittler eine strahlende Spur radioaktiver Verschmutzung von Moskau nach Hamburg und London rekonstruiert. Dabei ist "Polonium eine Substanz, die sich mit einfachsten Mitteln sicher verpacken lässt", sagt Experte Manfred Urban. Es genüge, das Pulver in einen Gefrierbeutel zu füllen und fest zuzuknoten, um keine Spuren zu hinterlassen. "Wenn man da sorgfältig vorgeht, ist das sicher."

Verdächtig viele Spuren: Untersuchung eines Autos am Haus von Kowtuns Ex-Schwiegermutter in Haselau bei Hamburg
REUTERS

Verdächtig viele Spuren: Untersuchung eines Autos am Haus von Kowtuns Ex-Schwiegermutter in Haselau bei Hamburg

Polonium gibt zwar tausendmal mehr Alphastrahlung ab als das gefürchtete Plutonium. Doch können diese Alphateilchen schon durch ein Blatt Papier hinreichend abgeschirmt werden.

Wie konnte im Fall Litwinenko trotzdem eine solche radioaktive Spur entstehen? Welche Schlüsse lassen die jüngst entdeckten Verschmutzungen in Hamburg-Altona und im Landkreis Pinneberg zu? Und hilft das alles dabei, den mysteriösen Mord zu klären?

Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Dmitrij Kowtun, vorerst wegen unerlaubten Umgangs und Missbrauchs von radioaktiven Stoffen. In der Hamburger Wohnung von Kowtuns Exfrau habe man "definitiv Spuren des Polonium-210" gefunden, sagte Thomas Menzel, Einsatzleiter der Sonderkommission. Spuren wurden auch in einem Auto festgestellt, im Haus von Kowtuns Ex-Schwiegermutter und an einer Akte der Ausländerbehörde - Kowtun hatte das Amt Ende November besucht.

Kowtun muss Polonium am Körper getragen haben

Eine Kontaminierung, die so stark sei, dass man sie auch viele Tage später noch nachweisen könne, komme nicht aus dem Körper, sagt Strahlenschutzexperte Urban. "Das hat sicher außen am Körper gehaftet wie Staub." Dementsprechend vermutet auch die Staatsanwaltschaft, dass Kowtun das Polonium außerhalb seines Körpers nach Hamburg gebracht habe. Mittlerweile liegt er selbst in einem Moskauer Krankenhaus - angeblich mit Strahlenschäden.

Dem SPIEGEL hatte Kowtun zuvor noch gesagt, er habe bei dem Treffen mit Litwinenko in der Bar des Londoner Pine-Hotels zu nahe neben dem Ex-Agenten gestanden, "viel zu nah, fast Gesicht an Gesicht". Dass das jedoch für eine Kontaminierung reicht, bezweifeln Experten. Ein mit Polonium-210 Vergifteter zieht nicht automatisch eine radioaktive Spur hinter sich her. Nur über Körperausscheidungen gelangt das Isotop und damit die Strahlung langsam wieder aus einem kontaminierten Körper in die Umwelt. Rund neun Zehntel davon stecken in den Fäkalien, etwa ein Zehntel im Urin, nur sehr wenig wird über den Schweiß ausgeschieden.

Polonium-210 ist nicht leicht zu finden. "Es ist ja standardmäßig gar kein Isotop, um das es in Untersuchungen geht", sagt Volker List aus der medizinischen Abteilung des Strahlenschutzzentrums am FZK zu SPIEGEL ONLINE. Zwei Methoden zur Analyse gebe es: Erstens die Alphaspektrometrie, bei der radiochemisch eine Probe auf kleinste Spuren des Isotops untersucht wird. Das sei "aber nicht in kurzer Zeit zu haben". Zweitens lasse sich als "Grobmethode" auch nach dem äußerst geringen Gammastrahlenanteil von Polonium-210 fahnden.

Spuren nur in Urin, Fäkalien und Schweiß

Für beide Verfahren brauchen die Forscher Urin. Rund drei Tage werden für die Messung und Kontrolle veranschlagt - ab Eingang der Probe im Labor. Bei Litwinenko selbst wurde die Erkrankung mit dem strahlenden Gift erst kurz vor seinem Tod festgestellt.

Zusammen mit Kollegen vom Helmholtz-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg bei München untersuchen die Karlsruher derzeit Proben von Passagieren, die im selben Germanwings-Fluzeug wie Dimitrij Kowtun nach London gereist sind. Die Behörden gaben schon Entwarnung: Im Flugzeug selbst konnten keine Spuren mehr festgestellt worden. Hier war mittlerweile eine Putzkolonne tätig geworden.

Am kommenden Mittwoch werde man gemeinsam die Ergebnisse vorstellen, sagt GSF-Sprecher Heinz-Jörg Haury zu SPIEGEL ONLINE. Mehr wollte er nicht verraten. Dass die Forscher sich Zeit lassen wollen, deutet aber darauf hin, dass die Befunde der Mitreisenden negativ sind. Generell sei die Gefahr für die Bevölkerung sehr gering, sagt Haury. "Wenn jemand Polonium in einem Beutel in seiner Hosentasche trägt, kann ich daneben sitzen, und mir droht keinerlei Gefahr." Auch Experte List sieht keine Gefahr für Unbeteiligte: "Wenn man sich mit einer Restkontamination verschmutzt, etwa durch Spuren an Kleidung oder der Außenhaut eines Dritten, ist das einfach viel zu wenig."

"Eigentlich sollte man keine Spur hinterlassen"

Die Hamburger Polizei gab heute bekannt, dass Kowtuns Ex-Frau, ihre zwei Kinder und ihr neuer Lebensgefährte ins Krankenhaus gebracht wurden - zur Untersuchung auf eine mögliche Verunreinigung. Es gebe Anzeichen für eine Kontamination. Ob diese intern oder extern sei, solle nun untersucht werden. Das klingt dramatischer, als der Befund bisher ist: An einer Jacke haben die Ermittler Spuren gefunden.

Es bleibt das Rätsel: Wieso die strahlende Spur, die Kowtun hinter sich herzuziehen scheint? "Ein Mikrogramm Polonium-210 kann man alleine ja gar nicht transportieren", sagt GSF-Sprecher Haury. Die Substanz werde entweder vermischt mit einem anderen Pulver transportiert oder in einer Flüssigkeit gelöst. Und selbst wenn es einen Unfall gibt: Nach einer gründlichen Handwäsche und einem Kleidungswechsel sollten alle Spuren des radioaktiven Stoffes verschwunden sein.

War Kowtun also mit dem Alphastrahler in Kontakt, ohne davon zu wissen? Dann müssten die Hintermänner der Tat geradezu bewusst schlampig mit dem Stoff umgegangen sein. Die Gründe dafür sind fraglich. "Wenn ich in der Lage bin, mir Polonium zu verschaffen und das zu tun, was hier offenbar getan worden ist, dann sollte ich eigentlich auch soviel über den Umgang damit wissen, dass ich keine Spuren hinterlasse", sagt Urban. "Zumindest wenn ich das nicht will."

mit Material von AFP/ddp/dpa/rtr



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