Live Earth Klima-Konzerte verursachen bis zu 110.000 Tonnen CO2

Die "Live Earth"-Konzerte für den Kampf gegen den Klimawandel haben auch eine Kehrseite: Sie werden etwa 60.000 bis 110.000 Tonnen zusätzliche CO2-Emissionen verursachen. Den Löwenanteil machen die Besucher selbst aus - Licht und Sound hingegen stören das Klima kaum.


Die "Live Earth"-Konzerte dürften das größte Echtzeit-Spektakel in der Geschichte des Internets sein. Nur: Hunderttausende Zuschauer sehen sich die Auftritte der internationalen Top-Stars nicht am heimischen PC, sondern wirklich live an - und dafür setzen sie sich in Autos, Flugzeuge und Züge. Auf knapp 60.000 bis über 110.000 Tonnen schätzen Experten die Menge des klimaschädigenden Kohlendioxids, die durch die "Live Earth"-Konzerte in die Atmosphäre gepustet wird.

Soundcheck (in Tokio): Licht und Beschallung sind noch die kleinsten Klima-Brocken des Konzerts
AP

Soundcheck (in Tokio): Licht und Beschallung sind noch die kleinsten Klima-Brocken des Konzerts

"Die Höhe der Zahl hat mich schon überrascht", sagte Moritz Lehmkuhl von der Beratungsfirma ClimatePartner aus München. Für SPIEGEL ONLINE hat er die Größe der CO2-Bilanz von "Live Earth" überschlagen. Es ist eine grobe Schätzung, betont er - aber die Größenordnung komme hin.

Die Emissionen für den Transport von Künstlern, Publikum und Ausrüstung sowie durch das Personal vor Ort - etwa Sicherheitskräfte, Feuerwehr, Catering oder Reinigungskräfte - floss in diese Berechnungen ein. Anreise und Übernachtungen haben die Experten anhand von Standardwerten nach Tagen und Köpfen multipliziert - bis unter dem Strich eine beeindruckende Zahl stand. "Mir war gar nicht bewusst, wie viele Leute da hinkommen", sagte Lehmkuhl.

Auch regionale Besonderheiten wurden berücksichtigt: Geht man in Hamburg - optimistisch - von 45.000 erwarteten Besuchern aus, so verursachen Anreise, Übernachtung und Verpflegung allein dieser Gäste rund 3600 Tonnen CO2. Künstler, Equipment und Personal zählen extra. Für Besucher des New Yorker Konzerts ist die durchschnittliche Klimabilanz laut Lehmkuhl etwas schlechter, weil man mit mehr Anreisen per Flugzeug rechnen müsse.

Unsicherheitsfaktor Rio, Antarktis vernachlässigbar

Der große Unsicherheitsfaktor in der Gesamtbilanz ist das Riesenkonzert in Rio de Janeiro. Erst am gestrigen Freitag wurde das besucherzahlenmäßig wohl größte "Live-Earth"-Konzert von den Behörden vor Ort doch noch genehmigt. Nun bleibt abzuwarten: Kommen wirklich 700.000 Menschen? Und reisen sie möglicherweise klimaschonender an als Musikfans in den reichen Ländern des Nordens? Ohne Rio beläuft sich die CO2-Rechnung auf eine Größenordnung von 60.000 Tonnen - mit Rio dürfte noch einiges dazukommen.

Geschätzte CO2-Emissionen von "Live Earth"

Beitrag CO2-Ausstoß
Emissionen durch Künstler (insgesamt)
Anreise (inklusive Band und Crew) 4463 t
Übernachtung (inklusive Band und Crew) 27 t
Emissionen durch Besucher
Hamburg (geschätzt 45.000) 3600 t
New York (geschätzt 80.000) 2500 t
London (geschätzt 90.000) 6600 t
Rio de Janeiro (geschätzt 700.000) 50.000 t
Schanghai (geschätzt 80.000) 6400 t
Sydney (geschätzt 45.000) 7200 t
Johannesburg (geschätzt 260.000) 18.400 t
Tokio (geschätzt 50.000) 2400 t
Emissionen durch Transport des Equipments 154 t
Emissionen durch Personal vor Ort 126 t
15% Sicherheitsaufschlag für andere Emissionsquellen 7800 t
Gesamt 110.000 t

(Die Zahlen geben grob die geschätzten CO2-Emissionen durch verschiedene Teilaspekte der "Live-Earth"-Konzerte an. Künstler, Equipment und Personal vor Ort wurden für alle Orte zusammengezählt. Quelle: ClimatePartner, München)

In Rio würden mindestens 50.000 weitere Tonnen Kohlendioxid verursacht, hat Lehmkuhl berechnet. Was Laien überraschen dürfte: Elektrisches Licht und die Beschallung sind bei "Live Earth" noch die kleinsten klimabelastenden Faktoren.

Als "relativ gering" veranschlagt Lehmkuhl ihren Stromverbrauch. Er kennt die grobe Bilanz einer Rockshow, weil er unter anderem Peter Maffay für seine diesjährige Tournee beraten hat. Der Musiker wollte wissen, wie viel zusätzlichen CO2-Ausstoß die Tour verursacht, um ihn auszugleichen - genauso, wie es auch die "Live-Earth"-Organisatoren in Aussicht gestellt haben.

Wenn diese nach Ende des weltumspannenden Konzert-Zyklus die genauen Zahlen ihrer CO2-Emissionen veröffentlichen, könnte sich auch der ein- oder andere klimabewegte Besucher motiviert fühlen, seinen eigenen Ausstoß auszugleichen - etwa durch ein Ablasszertifikat für die Anreise. Lehmkuhl sagte, allein bei "Live Earth" in New York würden wahrscheinlich 10 bis 15 Prozent aller Besucher per Flugzeug anreisen.

stx



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