Klingenfunde: Archäologen entdecken Steinzeitwerkstatt mitten in London

Von Angelika Franz

Fund an der Liverpool Street: Klinge, Schädel, Münzen Fotos
DPA

Überraschung beim Bau einer Bahnlinie in London: Archäologen entdeckten im Untergrund Dutzende Klingen - Spuren einer 9000 Jahre alten Werkstatt aus der Steinzeit.

Das Mesolithikum war in Großbritannien eine gute Zeit. Die Gletscher der Eiszeit hatten sich zurückgezogen und Platz gemacht für dichte Wälder mit Elchen, Rot- und Schwarzwild. Zwischen England und dem Kontinent lag noch keine Wasserstraße, sondern ein fruchtbares Gebiet namens Doggerland. Weit verzweigte Flussläufe voller Fische zogen sich durch blühende Wiesen und Schilfgürtel, in denen Unmengen von Wasservögeln brüteten. Herden von Auerochsen kamen an die Ufer, um ihren Durst zu stillen.

Inmitten dieser Idylle schlug vor 9000 Jahren eine Gruppe Menschen ihr Lager am Ufer eines Flusslaufs auf, dessen Nachfolger viele Jahrtausende später "Themse" genannt werden sollte. Sie wählten im flachen Wasser die besten Steine aus, und machten sich an die Arbeit: Werkzeuge und Waffen daraus herzustellen. Laut hallte ihr Hämmern von Stein auf Stein über den Fluss und ließ die Wildtiere aufhorchen.

Heute wäre an genau dieser Stelle der prähistorische Lärm kaum zu hören gewesen zwischen dem Hupen der Autos und dem Röhren der Baumaschinen. Denn dort, wo die Gruppe aus dem Mesolithikum lagerte, verläuft heute die Liverpool Street im Londoner Stadtteil Newham.

Rund 150 Stück Flint - darunter auch ganze Klingen - entdeckte ein Archäologenteam unter der Leitung von Jay Carver. "Dies ist ein einzigartiger und aufregender Fund, der zeigt, dass nach der langen Besiedlungspause während der Eiszeit die Menschen wieder nach England, und insbesondere ins Tal der Themse, zurückkehrten", sagt der Grabungsleiter in einer Presseerklärung. "Es ist eine von nur einer Handvoll Stätten, die belegen, dass in dieser Zeit Menschen hier lebten."

Offenbar hatte der Fluss an dieser Stelle besonders viele gut geeignete Steine abgelagert. "Die Konzentration der Flintstücke zeigt, dass dies ein besonders wichtiger Ort war, um passendes Material für die Werkzeugherstellung auszusuchen", erklärt Carver.

Er glaubt, dass die frühen Londoner hier in einer Art Werkstatt die Steine testeten, aufspalteten und verarbeiteten - eine mittelsteinzeitliche Werkzeug- und Waffenschmiede. Im Mesolithikum erfanden die Menschen neue Formen für ihre Jagdwerkzeuge: Sie versahen die Waffen mit Haken, so dass sie im Fleisch der Beutetiere stecken blieben. An Harpunen und Speeren befestigten sie winzige Klingen, sogenannte Mikrolithen.

Nicht die erste Sensation

Bald wird es dort, wo die mittelsteinzeitlichen Handwerker experimentierten, noch lauter werden. Ab 2018 rauschen dann dicht getaktet die Waggons der neuen Crossrail-Linie vorbei. Die 118 Kilometer lange Verbindung soll Maidenhead im Westen Londons mit Shenfield im Osten und Abbey Road im Südosten verbinden.

Ein gigantisches Vorhaben: Knapp 27 Milliarden Euro kostet das größte Bau- und gleichzeitig ambitionierteste Archäologieprojekt Londons seit Jahrzehnten. Mehr als 20 Kilometer der Strecke verlaufen unterirdisch - mitten durch die ältesten, am dichtesten besiedelten Areale der Stadt. Seit vier Jahren arbeitet ein Heer von mehr als hundert Archäologen auf mehr als 40 Grabungen im Auftrag von Crossrail daran, die historischen und prähistorischen Funde zu bergen, bevor die Bagger kommen.

Bevor sie auf die mittelsteinzeitliche Werkstatt stießen, entdeckten Carver und sein Team bereits eine römische Straße, in deren Fundament ein menschlicher Knochen steckte. Doch die Römer hatten das Stück nicht etwa dort eingearbeitet. Schuld war der Walbrook, ein unterirdischer Flusslauf, der den Knochen aus einem nahen römischen Friedhof ausgespült und unter der Straße wieder abgelegt hatte.

Auch ein Hufeisen entdeckten sie auf der Straße - oder vielmehr eine Hufsandale. Denn das Eisen wurde in römischer Zeit nicht an den Huf genagelt, sondern mit Lederriemen umgebunden. Zu den wertvollsten Funden des Teams gehört eine goldene Münze aus dem 16. Jahrhundert. Sie ist durchbohrt und wurde wahrscheinlich von einem Aristokraten als Schmuck oder Amulett getragen.

Und die Arbeit unter der Liverpool Street ist noch lange nicht zu Ende. Als nächstes steht der Friedhof des Bethlem Royal Hospital zur Ausgrabung an. In der auch als Bedlam bekannten Klinik waren vom 14. bis zum 17. Jahrhundert psychisch Kranke unter grauenerregenden Bedingungen untergebracht. "Wir werden mit der Ausgrabung des Friedhofes im nächsten Jahr beginnen und bis zu 3000 Skelette sorgfältig bergen", plant Carver.

Auch bei anderen Crossrail-Grabungen an weiteren Standorten in London wurde man fündig. Die Bandbreite der Funde reicht von 68.000 Jahre alten Rentier-, Bison- und Mammutknochen über die Fundamente eines Hauses der Tudor-Zeit mit eigenem Burggraben und mittelalterlichen Schlittschuhen bis hin zu einer Schiffswerft aus dem 18. Jahrhundert. Erst vor wenigen Monaten fand ein Team Skelette von Opfern des Schwarzen Todes - jener Pestepidemie, die im Jahr 1348 die Hälfte der Londoner Bevölkerung ausgelöschte.

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insgesamt 30 Beiträge
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1. optional
man_vs_ape 10.08.2013
"Schwarzwild sowie Wildschweinen" Wildschweine sind Schwarzwild! Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. K. Bonte/Redaktion
2. London
Layer_8 10.08.2013
Zitat von sysopDPAÜberraschung beim Bau einer Bahnlinie in London: Archäologen entdeckten im Untergrund Dutzende Klingen - Spuren einer 9000 Jahre alten Werkstatt aus der Steinzeit. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/london-archaeologische-funde-aus-steinzeit-an-liverpool-street-a-915683.html
"...weit verzweigte Flußläufe voller Fische zogen sich durch blühende Wiesen und Schilfgürtel, in denen Unmengen von Wasservögeln brüteten. Herden von Aurochsen kamen an die Ufer, um ihren Durst zu stillen." OT, mit Verlaub, aber das erinnert mich ein bisschen an die Geschichte von Douglas Adams, als dann dort plötzlich aus dem Subraum ein Chesterfield Sofa auftauchte, welches die Protagonisten wiederum tausende Jahre später, am selben Ort, auf dem Lord's Cricket Ground, St. Johns Wood, wieder absetzte, als England gegen Australien nur noch 28 Runs bis zum Sieg fehlten, und dann... Aber jetzt im Ernst, London, wäre dort nicht die schnöde moderne Bebauung, könnte ja wirklich ein "Paradies" für Archäologen sein. Steinzeit, alte Römer, alles da :-)
3. !!!!
schlimmefisch 10.08.2013
Zitat von sysopDPAÜberraschung beim Bau einer Bahnlinie in London: Archäologen entdeckten im Untergrund Dutzende Klingen - Spuren einer 9000 Jahre alten Werkstatt aus der Steinzeit. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/london-archaeologische-funde-aus-steinzeit-an-liverpool-street-a-915683.html
Da hat sicher einer der Cityboys sein Essbesteck liegen gelassen! kaum zu glauben, dass die so hoch entwickelt sind sowas nachen zu können, aber warscheinlich habe sie den Kram auch wieder nur geklaut, wie auch alles andere! Die bringen ja nichts Vernünftiges zu Wege!
4. Echt jetzt?
tuttofatto 10.08.2013
Zitat von schlimmefischDa hat sicher einer der Cityboys sein Essbesteck liegen gelassen! kaum zu glauben, dass die so hoch entwickelt sind sowas nachen zu können, aber warscheinlich habe sie den Kram auch wieder nur geklaut, wie auch alles andere! Die bringen ja nichts Vernünftiges zu Wege!
Sie glauben tatsächlich, dass die Menschen damals keine Ahnung hatten von ihrem Handwerk und mit einem Hirn, gross wie ein Zuckerwürfel durch die Gegend torkelten? Hmmm. Wahrscheinlich wird es in ein paar tausend Jahren Menschen geben, die genau dasselbe von uns sagen. Dabei sind wir doch so kultiviert und wissen alles besser, nicht? Abgesehen davon; Sie würden heute nicht in die Tasten hauen und ihre 2Cents geben, wenn die damals so blöd gewesen wären, wie Sie ihnen unterstellen. Nur mal so, am Rande erwähnt. Toll, findet man heute Zeitzeichen und Utensilien von unseren Vorfahren. Evolution at its best.
5. Sehr schön
spon-facebook-10000116459 10.08.2013
Ihre Berichte aus der Archäologie finde ich immer sehr spannend. Aber hier entsteht mal wieder der Eindruck, als würde sich eine Ausgrabung darin erschöpfen, dass man eben was findet - einen Menschenknochen im Pflaster, ein Hufeisen, ein paar Gräber und eine Steinzeitwerkstatt. Na und? Leider wird selten deutlich, dass es der Archäologie um mehr geht als Funde: Um ein Verständnis, wie unsere heutige Welt geworden ist, wo die kritischen Entscheidungssituationen lagen - und mit welchen zeitlichen Dimensionen wir es zu tun haben. Ein Verständnis, das der heutigen Gesellschaft völlig abgeht - keiner denkt an langfristige Folgen. Gerade das lernen wir aus der Archäologie. Tolle Funde? Völlig unwichtig! Faszinierende Aha-Effekte! Wenn die Archäologen und die Journalisten kapieren, worum es eigentlich geht. Und wenn uns die überhand nehmenden Schatzjäger noch Erkenntnisquellen übrig lassen.
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.