Anschlag von London Was Terror befeuert - und wie man ihn stoppen kann

Einheimischer Täter, Alltagsgegenstände als Waffen - Anschläge wie der von London sind ebenso erschreckend wie schwer vorherzusagen. Dieser Art von Terror kann man nur auf eine Art begegnen.

Eine Frau legt in London Blumen für die Opfer des Terroranschlags nieder.
DPA

Eine Frau legt in London Blumen für die Opfer des Terroranschlags nieder.

Eine Kolumne von


Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan ist ein besonnener Mann. Einer, der die Welt nüchtern und sachlich betrachtet. Er werde alles daran setzen, dass die Londoner in Sicherheit leben können, sagte er vor seinem Amtsantritt im Mai 2016. Später, im September, fiel dann der Halbsatz, mit dem Donald Trump Junior Khan diese Woche per Twitter attackierte, ganz im geschmacklosen Stil seines Vaters.

Terrorgefahr sei "ein fester Bestandteil des Lebens in Großstädten", hatte Khan laut dem "Independent" damals gesagt. Trump Jr. erweckte jetzt den Eindruck, als sei das ein Kommentar zum aktuellen Anschlag.

Londoner wissen, wovon sie reden, wenn es um Terror geht. Sie haben nicht nur die Anschläge von 2005, sondern auch viele IRA-Gewalttaten hinter sich. Sie wissen, dass immer das Risiko eines Anschlags besteht, lassen sich davon aber nicht beirren. Übrigens sehr ähnlich wie die Bewohner anderer Großstädte wie Berlin, Brüssel oder Paris, die mittlerweile allesamt tragische Terrorerfahrungen hinter sich haben.

Khan hat, so bitter das ist, recht: Insbesondere die Art von Anschlag, die in London jetzt vier Unschuldige das Leben kostete, die in Berlin und Nizza so viele Menschenleben forderte, lässt sich nicht vollends ausschließen, und seien Sicherheitsbehörden auch noch so wachsam und mächtig.

Manchmal hätten Repression und Restriktion geholfen

Und auch wenn sich das nach einem Anschlag immer kaltherzig anhört: Die Wahrscheinlichkeit, in Europa Opfer eines Terroranschlags zu werden, ist weiterhin nahe null, im Gegensatz zu anderen gewaltsamen Todesarten. Das gilt auch für London.

Der bei dem Anschlag getötete Täter kam in Großbritannien zur Welt. Kein Einwanderer, kein Flüchtling, sondern ein weiterer in einem freiheitlichen Land aufgewachsener Mann, der sich irgendwann offenbar so radikalisierte, dass er sich entschied, Menschen zu töten. Mit Waffen, die sich jeder jederzeit verschaffen kann: einem Auto und einem Messer. Vielleicht war er auch psychisch krank.

Es gibt Anschlagsszenarien, in denen Repression und Restriktionen möglicherweise hätten helfen können. Zum Beispiel hätte der vielfach straffällige und als gefährlich eingestufte Täter von Berlin längst abgeschoben sein müssen. Der Mann, der in Orlando in den USA in einem Schwulenklub Menschen mit einem Sturmgewehr erschoss, hätte niemals an eine solche Waffe kommen dürfen.

Die Vorgeschichten der Täter sind vielfältig

Täter wie den von London aber könnte man vermutlich selbst dann nicht von ihren Morden abhalten, wenn man mit drakonischen Maßnahmen gegen jeden vorginge, der auch nur entfernt den Anschein erweckt, als könne er eines Tages gewalttätig werden. Die Vorgeschichten der Männer - es sind fast immer Männer -, die zu terroristischen Einzeltätern werden, sind vielfältig, wie Studien zeigen. Es gibt kein klares Muster, also müsste man das Netz sehr weit spannen.

Selbstverständlich könnte man trotzdem alle Einwohner eines Landes flächendeckend dauerüberwachen, die in ein bestimmtes Raster passen. Man könnte Algorithmen einsetzen, um aus all den Daten Gefährdungsprognosen zu erstellen und einfach mal alle, die der Rechner als Risiko einstuft, auf unbestimmte Zeit einsperren, prophylaktisch.

Wer zu oft mit Leuten telefoniert oder E-Mails austauscht, die in bestimmte Moscheen gehen, wer bestimmte Bücher liest oder bestimmte Websites besucht, wer sich in den sozialen Medien auf verdächtige Weise äußert, der landet eben in Haft. Dann kann er keinen Schaden mehr anrichten.

Das geht nur in einer Diktatur

Das, Sie haben es längst bemerkt, ginge aber nur in einem totalitären Unrechtsstaat. Einem Staat, in dem die Betroffenen und ihr Umfeld nicht mehr von Terror, sondern von Widerstand sprechen würden. Die Zahl derer, die sich so radikalisieren, dass sie auch zu Gewalt bereit sind, nähme nicht ab, sondern zu.

Das übrigens ist ein zentrales Ziel des IS bei seinen Aktionen in Europa: einen Keil zwischen Muslime und Nichtmuslime zu treiben. Die antimuslimischen Reden europäischer Rechtspopulisten sind für die IS-Strategen ein hochwillkommenes Geschenk.

Das einzig probate Mittel gegen Mordtaten wie der in London liegt vermutlich im privaten Umfeld der Täter: Sehr viele Einzeltäter lassen vor der Tat im Gespräch mit Verwandten, Kollegen oder Freunden erkennen oder wenigstens erahnen, dass sie etwas planen. Wer muslimische Terroristen vor der Tat stoppen will, braucht also die Unterstützung anderer Muslime. Und die bekommt man nicht, indem man Angehörige einer Minderheit pauschal als potenzielle Täter behandelt.

Der Psychologe Tom Tyler von der New York University und zwei seiner Kollegen publizierten 2009 eine erhellende Studie, in der sie der Frage nachgingen, was muslimische US-Bürger dazu motivieren könnte, bei Antiterrormaßnahmen mit den Behörden zusammenzuarbeiten.

Zu klären war, ob da eher Eigennutz eine Rolle spielen könnte, oder aber die Wahrnehmung, dass die Polizei "eine legitime Autorität" sei. Heraus kam Letzteres: Muslime waren dann bereit, mit den Strafverfolgern zu kooperieren, wenn sie auch das Gefühl hatten, dass die Polizei sich ihresgleichen gegenüber fair und gerecht verhielt.

Das ist nicht allzu überraschend. Wer dies aber bei Antiterrormaßnahmen nicht bedenkt, spielt den Strategen des IS ebenso in die Hände, wie Europas Rechtspopulisten das längst tun.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der Rationalist


insgesamt 67 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
andreas.s 26.03.2017
1. Eigentlich
absolut nachvollziehbar. Zumindest wenn man in der Lage ist klar zu denken.
peterregen 26.03.2017
2.
1. Vielleicht war es ja gar kein Terror, sondern "nur" Amok? 2. Die angebotenen "Lösungen" sind wieder nur ein herumdoktern an Symptomen. Vielleicht solte man mal die wahren Gründe angehen?
holyowly 26.03.2017
3. Hatten wir das..
Hatten wir das nicht schon einmal? Die Bespitzelung durch Nachbarn und Freunde. Welches 'Klima' schafft das denn?
Strichnid 26.03.2017
4.
Zitat von peterregen1. Vielleicht war es ja gar kein Terror, sondern "nur" Amok? 2. Die angebotenen "Lösungen" sind wieder nur ein herumdoktern an Symptomen. Vielleicht solte man mal die wahren Gründe angehen?
Zu 1: Das Gefühl hatte ich in diesem Fall, aber auch in anderen Fällen, ebenfalls. Amokläufer, die das eigentlich aus ganz persönlichen Gründen tun wollen, suchen sich oft Themen, die sie als Trittbrettfahrer benutzen können, um so noch mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Zu 2: Ich halte es schon für wichtig, dass muslimischen Mitbürgern derselbe Respekt seitens der Sicherheitsbehörden entgegen kommt, wie allen anderen. Für mich sind die Ausführungen, dass die Zusammenarbeit dann besser klappt, absolut plausibel. Und die wahren Gründe? Die dürften ebenso vielfältig wie schwer bekämpfbar sein.
erdlingleser 26.03.2017
5. Zustimmung
Herr Stöcker, Ihre Schlussfolgerungen sind meiner Meinung zutreffend. Der von Ihnen beschriebene Weg muss so konsequent wie möglich beschritten werden, wenn Terroranschläge nachhaltig auf ein Minimum reduziert werden sollen, ohne dass wir im Gegenzug alle staatlicher Überwachung, Willkür und Repression ausgesetzt werden und unsere Freiheit verlieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.