Halluzinationen: LSD-Trip mit der Flackerlampe

Von

Ralph Buchner

Gibt es den Drogenrausch ohne Drogen? Eine Flackerlampe soll Zustände wie bei einem LSD-Trip oder einer Nahtoderfahrung auslösen. Ein Münchner Design-Professor will seine Studenten mit der Maschine zu kreativen Höchstleistungen treiben.

Zuerst geschieht gar nichts. Da ist nur ein grelles Flackern. Dann entstehen Farben. Eine kobaltblaue Fläche erstrahlt, sie wird grau. Rote Sterne schießen aus ihr hervor, dann schlägt die Fläche Wellen, verwandelt sich in einen Teich. Wie aus dem Nichts greift ein Gefühl klaustrophobischer Enge zu und löst einen starken Fluchtreflex aus, der urplötzlich wieder verschwindet, vertrieben vom Empfinden unendlicher Weite und Einsamkeit.

Es folgen peitschende Farbwirbel, Fraktale wie aus dem Computer, bunte Strudel, untermalt von benebelnder Elektro-Entspannungsmusik. Ein schwarzes Nichts öffnet seinen Rachen, es folgt ein Sturz mit irrwitziger Geschwindigkeit und eine Landung in einem Ozean aus goldenem Wasser.

Nein, der Autor dieser Zeilen hat sich keine Portion LSD genehmigt, sondern ist auf eine Lichtreise gegangen. So jedenfalls nennt Ralph Buchner den Trip in bunte Welten, der nicht von Drogen ausgelöst wird, sondern von Licht. Nichts als weißem Flackerlicht, das durch geschlossene Augenlieder auf die Netzhaut prallt.

"I'm high on light, baby!"

Buchner, Professor an der Münchner Hochschule für angewandte Wissenschaften, verspricht sich Beeindruckendes von der Maschine namens Lucia No. 03. "Phantastische visuelle Erlebnisse wie bei einem LSD-Trip" sollen die Kreativität seiner Design-Studenten in neue Sphären katapultieren. Die Ergebnisse sind an einer Wand des Lichtreise-Zimmers zu bestaunen, die fast komplett zugehängt ist mit den Werken von Buchners Studenten. Bizarre Traumwelten, furchterregende Wesen, düstere Landschaften, knallbunte Farbwirbel - Lucia No. 03 scheint einiges anzustellen mit dem Denkorgan.

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Licht-Trip: Drogenrausch ohne Drogen
Esoterik-Fans und Freunde psychoaktiver Substanzen sind begeistert von der Maschine. "I don't need drugs, I'm high on light, baby!", titelte etwa das internationale Lifestyle-Magazin "Vice". Im Forum Lunatic Outpost ist schon von einer "Revolution für den menschlichen Geist" und "legalem DMT" die Rede - einem Halluzinogen, das von Pflanzen, Kröten und der menschlichen Zirbeldrüse produziert wird. Auch Buchner vergleicht die Lichtreise mit einem Drogentrip ohne Drogen: "Der Vorteil gegenüber chemischen Substanzen ist, dass man die Lampe ausschalten kann, wenn einem unwohl wird - und sofort ist alles vorbei."

Wie bei einem Drogentrip oder in Todesnähe

Glaubt man den Entwicklern der von Lucia No. 03, ist ihr Einsatz in der Kunst eigentlich eine Zweckentfremdung. Die Darstellung als "Drogenlampe" sei zwar "nicht ohne Wirkung auf den Verkaufserfolg", sagt Psychotherapeut Engelbert Winkler. Doch die Maschine sei keineswegs nur ein Wellness-Gerät und ihre Benutzung nicht frei von Risiken. "Je unrealistischer die Selbsteinschätzung, desto größer die Überraschung", so Winkler. "Man wird mit sich selbst konfrontiert. Das muss nicht angenehm sein."

Auf der Website "Gesund im Licht", wo die Maschine beworben wird, klingt das allerdings ganz anders: Lucia No. 03 ermögliche eine "Transzendenzerfahrung", die sonst nur im Hochleistungssport, durch den Konsum von Drogen oder in Todesnähe möglich sei. Sie löse "dieselbe positive Nachwirkung" aus, die schon "nach der erstmaligen Anwendung intensiv spürbar" sei.

Ebenso intensiv spürbar dürfte ein positiver Effekt auf die Konten der Erfinder sein, sollte Lucia No. 03 Käufer in nennenswerter Zahl finden. 18.000 bis 25.000 Euro soll das Gerät kosten, das im Grunde nur aus einer Lampe mit einem Halogenstrahler und acht LEDs sowie einem Computer mit Steuersoftware besteht. Den weltweiten Vertrieb übernimmt die "Light Attendance GmbH" in Innsbruck, es gibt Vertriebspartner in Australien und den USA.

Nahtoderfahrung per Stroboskop

Winkler und der Neurologe Dirk Proeckl, die im österreichischen Wörgl Praxen für "Hypnagoge Lichterfahrung" betreiben, stellen sich auf der Website als Entwickler und wissenschaftliche Leiter vor. Was genau Lucia No. 03 aber bewirken soll, verschweigen sie. "Die Hypnagoge Lichterfahrung wirkt umso stärker, je weniger konkrete Erwartungshaltungen mit ihr verbunden werden", lautet die Erklärung. "Aus diesem Grund verzichten wir bewusst auf Einschränkungen ihres Wirkspektrums durch Benennung einzelner Einsatzbereiche."

Der Hintergrund der Entwicklung ist dagegen kein Geheimnis: Es war eine Nahtoderfahrung, die Winkler nach eigenen Angaben selbst hatte. Als Siebenjähriger sei er an der Hongkong-Grippe erkrankt, die zwischen 1968 und 1970 weltweit rund 800.000 Menschen tötete. "Unter dem Waschbecken an der Wand öffnete sich ein Tunnel. Ich wurde in ein strahlendes Licht hineingezogen", sagt er. "In ihm waren andere, die mich abholen wollten. Es war eine extrem positive Erfahrung."

Nahtoderfahrungen, auch "Near Death Experiences" (NDE) genannt, sind in der Fachliteratur vielfach beschrieben. Menschen, die wiederbelebt wurden oder dem Tod auf andere Weise nahe kamen, berichten anschließend oft, ihren Körper verlassen zu haben, durch einen Tunnel auf ein strahlendes Licht zugeschwebt zu sein oder ihr Leben wie einen Film gesehen zu haben. Esoteriker sehen in NDEs Beweise für ein Leben nach dem Tod, die meisten Wissenschaftler dagegen bloß biochemische Prozesse im Gehirn.

Eines aber, meint Winkler, stehe fest: "Nahtoderlebnisse haben in vielen Fällen starke, oft positive Veränderungen der Persönlichkeit zur Folge." Die Idee hinter Lucia sei, derartige Erlebnisse zu simulieren. "Das Gehirn macht im Wesentlichen keinen Unterschied zwischen realen und imaginierten Erfahrungen."

"Das ist ein alter Hut"

Niko Busch, Professor für medizinische Psychologie an der Berliner Charité, steht derartigen Behauptungen skeptisch gegenüber. "Dass man bei Flackerlicht illusorische Farb- und Formmuster sieht, ist ein alter Hut", so Busch, ein Spezialist für die Erforschung visueller Kognition. Der Physiologe Johann Evangelist Purkinje habe die bunten Bilder bereits im 19. Jahrhundert wissenschaftlich beschrieben. "Seitdem wurden Untersuchungen zuhauf veröffentlicht."

Tatsächlich ist die Geschichte der Experimente mit Flacker-Halluzinationen lang. In den 1960er Jahren etwa haben sie die Beatniks für sich entdeckt. Waren LSD, Psilocybin oder Peyote-Kakteen gerade nicht zur Hand, bastelten sie Stroboskope, um in bunte Welten aufzubrechen. Ein Ergebnis war ein Pappzylinder mit Löchern, die sogenannte Dreamachine. Schaltete man eine Glühbirne im Inneren an, stellte die Röhre auf einen Plattenteller und ließ das Ensemble mit 78 Umdrehungen pro Minute rotieren, flackerte es mit 8 bis 12 Hertz aus ihm heraus.

"Ich habe hineingeschaut", soll der Poet Allen Ginsberg in einem Brief an den LSD-Guru Timothy Leary geschrieben haben. Von "optischen Feldern, so religiös und mandalisch wie bei halluzinogenen Drogen", schwärmte er. Man bekomme "juwelenhafte, biblische Formen und Welten, ohne Chemikalien zu nehmen". Wer Zeit und einen Plattenspieler hat, kann das selber ausprobieren: die Dreamachine-Bastelanleitung gibt es im Netz. Eine sehr grobe Vorstellung der Farbmuster kann man auch schon bekommen, indem man seinen Computermonitor zum Stroboskop macht.

Lucia No. 03 soll noch mehr können. Winkler und Proeckl bringen die Wirkung des ständig variierenden Flackerlichts mit sogenannten Theta- und Alphawellen in Verbindung. Diese Signale im Frequenzbereich von 5 bis 13 Hertz tauchen etwa auf, wenn man die Hirnströme von schlafenden oder entspannten Menschen misst.

Dass solche Wellenmuster im visuellen System des Gehirns auftreten, wenn man jemanden in der gleichen Frequenz anblitzt, findet Busch allerdings "trivial". Eine Wirkung auf andere Hirnareale - und damit ein zutiefst entspannender Effekt - sei dadurch aber kaum zu erwarten. "Im Schlaf werden solche langsamen Wellenmuster vom Thalamus generiert, einer Region im Zwischenhirn", sagt Busch. "Das ist ein ganz anderer physiologischer Prozess."

Computer sehen die gleichen Muster wie Menschen

Was genau aber geschieht zwischen Netzhaut und Oberstübchen, wenn das Blitzgewitter losgeht? Warum verwandelt das Gehirn weißes Licht in einen Farbrausch aus geometrischen Mustern?

Der niederländische Neurologe Bastiaan ter Meulen hat 2009 gemeinsam mit zwei Kollegen im Fachblatt "European Neurology" die Geschichte der Flicker-Forschung zusammengefasst. Eine frühe Theorie lautete demnach, dass die bunten Illusionen von Mustern in der Netzhaut herrühren, die von Blutgefäßen oder Pigmentzellen gebildet werden. Eine andere besagte, dass die Bilder durch die Anregung spezieller Schaltkreise zwischen den Nervenzellen der Netzhaut und der Hirnrinde ausgelöst werden. 2011 kam ein weiterer Erklärungsansatz hinzu: Ein Team um den US-Hirnforscher Michael Rule schrieb im Fachblatt "PLoS Computational Biology", dass die bunten Illusionen durch eine Wechselwirkung zwischen der Dämpfung und der Reizung von Nervenzellen entstehen.

Möglicherweise enträtselt ausgerechnet ein Computer eines Tages das Mysterium der bunten Trugbilder. Manche Modelle stellen die Netzwerkarchitektur des menschlichen Sehsystems nach, inklusive der Nervenzellen, die für die Wahrnehmung komplexer Muster zuständig sind. Werde ein so programmierter Computer Flackerlicht ausgesetzt, so Busch, "sehe" er die gleichen bunten Muster wie ein Mensch.


Lesen Sie dazu im aktuellen SPIEGEL: Notfallmediziner Sam Parnia über Ärztepfusch bei der Wiederbelebung und die seltsamen Nahtoderlebnisse seiner Patienten

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insgesamt 18 Beiträge
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1. optional
yournamehere 26.07.2013
So ein Selbstversuch sollte - wenn überhaupt - nur unter Aufsicht durchgeführt werden. Es ist bekannt, dass solche Lichtblitze epileptische Anfälle auslösen können. Also Vorsicht...
2. Abgesehen...
invictus 26.07.2013
...davon, was #yournamehere schon schrieb (Gefahr v. epilept. Anfall) ist bisher lediglich bekannt, dass man mit Flacker-Frequenzen indirekt das Hirn darauf einstimmen kann. Technik: Linkes Auge 100 Hertz-Flackern, Rechtes Auge 104 Hertz. Nach einer kurzen Zeit pendelt sich das Gehirn (die Hirnwellenmuster) per EEG messbar auf die Differenz, also 4 Hertz, ein, dass dem so gen. Delta-Hirnwellenmuster entspricht. Einem Zustand des Tiefschlafs. Die anderen Phasen (Theta = Traum, Alpha = Tagtraum und Beta = Wachzustand) lassen sich mit entsprechenden Differenzen ebenfalls induzieren. Die Wissenschaft streitet sich darüber, ob dies nun empirisch sicher nachgewiesen sei oder nicht, aber in den 90er Jahren in Esoterik-Kreisen wurde dies als Hemisphären-Synchronisation bei so gen. "BrainMachines" benutzt, um ohne jahrelanges Studium der Meditation, quasi ohne Vorerfahrung, dennoch gezielt andere Bewusstseinszustand für diverse Zwecke einleiten zu können. Da hier aber kein Differenzial-Verfahren eingesetzt wird, sondern eine enstprechend hohe Frequenz dem ganzen Hirn vermittelt wird, kann es sich nicht um denselben Effekt handeln. Inwieweit das Hirn auf einen solchen Reiz reagiert, muss erst noch untersucht werden.
3. S-Bahn
brehn 26.07.2013
Wer öfter Zug/S-Bahn fährt sollte diesen Effekt kennen. Sonnenlicht in Verbindung mit Bäumen oder ähnlichem und einer gewissen Fahrtgeschwindigkeit erzeugt auch einen Stroboskopeffekt. Schliesst man dann die Augen kann man interessante Muster beobachten. Sonderlich kreativ fühl ich mich nach der Fahrt meistens trotzdem nicht...
4. Ähhh
susuki 26.07.2013
Der angedachte Preis für die Lampen und die Steuerung ist über 10000 Euro bei einem Materialpreis (Lampen, Steuerung, Gehäuse) von vielleicht 15 Euro. Jede wissenschaftliche Betrachtung ist hinfällig, wenn ein paar dumme ausgenommen werden sollen. Sollte es funktioniern weden in einigen Wochen Nachbauten für 100 Euro bei dx.com auftauchen, was kaum der Fall sein wird.
5. Korrektur
invictus 26.07.2013
Korrektur meines Vor-Posts: Die von mir genannten Hertz-Zahlen bezogen sich auf die akkustischen Part (per Kopfhörer), da es ansonsten zu für den Menschen unhörbaren Tönen käme. Die Lichtfrequenzen sind entsprechend niedriger (4 Hertz = 4 Schwingungen pro Sekunde). Entscheidend ist aber die Differenz zwischen links und rechts, also linker und rechter Hirn-Hemisphäre - was wie gesagt vom hier berichteten Verfahren abweicht.
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