Erkenntnisse aus der Toilette Wie Archäologen einen Mittelalter-Reisenden aufspürten

Bei Ausgrabungen in Lübeck sind Forscher auf die DNA-Reste eines Menschen gestoßen - in einer gut 700 Jahre alten Latrine. Das Überraschende: Dieselbe Person verrichtete offenbar auch in Bristol ihr Geschäft.

Bereich Archäologie und Denkmalpflege, Abt. Archäologie der Hansestadt Lübeck

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Faszinierend, was Archäologen auch nach Jahrhunderten alles herausfinden: Über Ötzi weiß man beispielsweise, dass er keine Milch vertrug, ein Faible für Tattoos hatte und kurz vor seinem Tod einen giftigen Farn verspeiste. Dabei starb der Mann aus dem Eis vor mehr als 5000 Jahren. Nun sind Archäologen einem Reisenden aus dem Mittelalter auf die Spur gekommen, nur anhand seiner Exkremente - und die enthielten ein überraschendes Detail über den Mann.

Entdeckt wurden seine Hinterlassenschaften in einer gut 700 Jahre alten Latrine in Lübeck. Archäologen hatten das sogenannte Gründungsviertel zwischen 2009 und 2016 aufwendig untersucht und mehr als 200 Gebäude und etwa hundert Latrinen ausgegraben. Die Auswertungen laufen bis heute.

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Ausgrabungen in Lübeck: Griff ins Klo

"Die Latrinen liefern uns intime Details über das Leben im mittelalterlichen Lübeck", sagt Archäologe Dirk Rieger, der die Ausgrabungen geleitet hat. Die untersuchten Kloaken gehören etwa in die Zeit um 1200 bis 1350 und kompromittieren vor allem die wohlhabenden Kaufleute, die sie benutzten: In ihren Toiletten wimmelte es von Parasiten, wie mikroskopische Aufnahmen zeigen.

Der Zufallstreffer

"Wir haben Millionen Eier von Faden- und Bandwürmern gefunden", sagt Rieger. Und genau die führten die Archäologen auf die Spur des Reisenden. Weil die Zellwände der Wurmeier so robust sind, bleiben DNA-Moleküle in ihnen häufig erhalten. Und das analysierte Erbgut stammte nicht nur von den Parasiten, sondern auch von ihrem Wirt. In diesem Fall also von den Menschen, die die Latrinen benutzten.

In Kooperation mit Patrik Flammer und Adrian Smith von der University of Oxford verglichen die Lübecker Forscher die DNA-Proben mit denen von anderen Fundplätzen in Großbritannien, Tschechien und der Schweiz. "Und da gelang uns der Zufallstreffer", sagt Rieger. Die DNA-Reste aus Lübeck passten perfekt zu einer Probe aus dem englischen Bristol.

Für die Archäologen war klar: Dieselbe Person muss um das Jahr 1300 sowohl in Lübeck als auch in Bristol auf die Toilette gegangen sein. Zwar ist es theoretisch möglich, dass eine menschliche DNA-Spur zu verschiedenen Individuen passt, aber da die Archäologen zusätzlich das Erbgut des Parasiten in Bristol wiederfanden, halten sie einen Zufall für ausgeschlossen.

Kaufmann auf Reisen

Der Reisende aus dem Mittelalter ahnte wohl nicht, dass sich ein Fischbandwurm in seinem Darm eingenistet hatte. Denn obwohl die Parasiten Jahrzehnte in einem Menschen überleben und bis zu zwanzig Meter lang werden können, merken die Betroffenen oft nichts von dem unerwünschten Mitbewohner.

Die Forscher vermuten, dass der Mann als Kaufmann unterwegs war. Lübeck galt damals als einflussreichste Handelsmacht in der Ostsee und war Teil des mächtigen Hanse-Bunds. "Leider können wir nicht sagen, ob es sich um einen Lübecker handelt, der nach Bristol gereist ist oder umgekehrt oder ob er aus einer anderen Stadt kommt", sagt Rieger.

Auf jeden Fall bewiesen die Funde aus der Latrine, dass Lübeck und Bristol Kontakte zueinander pflegten. "Und das konnten wir allein mit den Proben aus den Latrinen nachweisen, ganz ohne Schriftquellen", betont Rieger.

Die Parasiten in den Kloaken verraten auch, was die Lübecker gern aßen. "Wir wissen nun beispielsweise, dass die Lübecker Kaufleute zwischen 1300 und 1325 ihre Ernährung umstellten", sagt Rieger. Statt Fisch hätten die Menschen zunehmend Rindfleisch gegessen, wie die Analyse der vorherrschenden Parasiten zeige. In der Zeit vor 1300 dominierten demnach Fischbandwürmer, in der Zeit danach Rinderbandwürmer, schreiben die Forscher in einer Studie, die vor Kurzem im Fachblatt "Proceedings B" der britischen Royal Society veröffentlicht wurde.

"Die Lübecker müssen den Fisch und das Rindfleisch roh gegessen haben", sagt Rieger. Denn Menschen können sich meist nur mit den Bandwürmern infizieren, wenn sie Fleisch essen, das weniger als 70 Grad erhitzt wurde. Warum die Lübecker zunächst Fisch und später Rindfleisch bevorzugten, ist unklar. In jedem Fall handele es sich eher um Speisen der reicheren Bevölkerung. "Im Gründungsviertel, wo die Ausgrabungen stattfanden, lebten vor allem wohlhabende Kaufleute", sagt Rieger.

Im Video: Essen wie im Mittelalter - Wie die Ritter tafelten

Vergleiche mit Pest-Massengrab

Die Forscher erhoffen sich nun weitere Erkenntnisse über das Leben im mittelalterlichen Lübeck. "Die DNA-Proben könnten beispielsweise die Frage beantworten, wie viele Menschen sich eine Latrine teilen mussten, welche Krankheiten grassierten und wie sich die Viren und Bakterien durch Mutationen veränderten", sagt Rieger.

Außerdem wollen die Forscher die DNA-Proben aus den Latrinen mit denen aus einem Massengrab-Komplex vergleichen, das etwa in dieselbe Zeit gehört. "Vielleicht können wir sogar verwandtschaftliche Beziehungen rekonstruieren", sagt Rieger. Da die Massenbestattungen mit rund tausend Toten im Lübecker Heiligen-Geist-Hospital gefunden wurden, vermuten die Forscher, dass dort Pest-Tote bestattet wurden.

Die Ausgrabungen in den mittelalterlichen Kloaken waren für die Archäologen übrigens nicht gerade appetitlich. "Das waren schon echte Stinkbomben", sagt Rieger. Er habe sich jedoch schnell an den Geruch gewöhnt. Die Konsistenz des Bodens erinnere an bräunliches Watt. Ansteckungsgefahr bestand bei den Arbeiten nicht, die vielen Krankheitserreger in den Kloaken waren längst abgestorben.

Im Video: Archäologie mit Drohne und Laser

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