Luftbilder des Krieges: "Das riesige Interesse hat uns schockiert"

Britische Forscher haben damit begonnen, 5,5 Millionen Luftbilder aus dem Zweiten Weltkrieg ins Internet zu stellen - die Reaktionen waren überwältigend. SPIEGEL ONLINE sprach mit Allan Williams, dem Leiter des Online-Archivs, über den historischen Wert und die politische Brisanz der beklemmenden Fotos.

Tod aus der Luft: Das Bild zeigt das zerbombte Köln am 18. Juni 1945, der Dom ist in der oberen Bildhälfte zu erkennen
REUTERS/ TARA

Tod aus der Luft: Das Bild zeigt das zerbombte Köln am 18. Juni 1945, der Dom ist in der oberen Bildhälfte zu erkennen

SPIEGEL ONLINE:

Herr Williams, das Internet-Archiv war in den ersten Tagen nach dem Start am 19. Januar hoffnungslos überlastet. Bis jetzt zeigt die Seite nur Beispiele für die künftigen Funktionen. Haben Sie die Reaktion der Öffentlichkeit unterschätzt?

Williams: Das riesige Interesse hat uns schockiert. So etwas hätten wir in der Tat nie erwartet. Besonders in Großbritannien scheint es ein großes und immer noch wachsendes Interesse am Zweiten Weltkrieg zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Ein großer Teil der Bilder zeigt von britischen Bomben zerstörte Städte. Erwarten Sie in Großbritannien eine Debatte über den Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung, wie es sie derzeit in Deutschland gibt?

Williams: Ich hoffe, dass die Bilder den Menschen die Realität des Krieges klarmachen. Sollte unser Projekt eine solche Diskussion entfachen, wäre das etwas sehr Positives. In Großbritannien ist die Zerstörung der deutschen Städte noch nicht bekannt genug. Diese Fotos sind eine wichtige Möglichkeit, den Menschen das Ausmaß der Zerstörung zu verdeutlichen. Sie zeigen die totale Verwüstung auf eine Art, die auf Bildern vom Boden nicht immer sichtbar wird. Es gibt zwar einige berühmte Fotos von deutschen Städten, aber erst auf Luftbildern wird sichtbar, wie vollständig die Zerstörung war.

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12  Bilder
Internet-Archiv: Der Zweite Weltkrieg aus der Luft (1)

SPIEGEL ONLINE: Befürchten Sie nicht, dass solche Bilddokumente zu politischen Zwecken missbraucht werden könnten?

Williams: Wir haben E-Mails aus aller Welt bekommen. Uns haben etwa Holocaust-Überlebende, aber auch Holocaust-Leugner geschrieben. Die Bilder scheinen auf jeden Fall eine Debatte auszulösen, was an sich wünschenswert ist. Über einen möglichen Missbrauch der Bilder für politische oder gar terroristische Zwecke haben wir unter anderem mit dem Verteidigungsministerium gesprochen. Man sagte uns, dass wir uns darüber keine Gedanken machen müssten.

Allan Williams, Chef der Digitalisierung bei den Aerial Reconnaissance Archives: "Gewaltige Quelle von Informationen"
TARA

Allan Williams, Chef der Digitalisierung bei den Aerial Reconnaissance Archives: "Gewaltige Quelle von Informationen"

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland haben falsch beschriftete Fotos in der Wehrmachts-Ausstellung gezeigt, dass Dokumente über militärische Aktionen gegen die Zivilbevölkerung noch heute hitzige Debatten auslösen können. Wie schwierig war es für Sie, die Luftbilder mit historisch korrekten Informationen zu versehen?

Williams: Im Krieg wurde für jeden einzelnen Aufklärungsflug ein unglaublich detaillierter Geheimdienstbericht angefertigt. Das ist eine gewaltige Quelle an Informationen. Das Problem ist, dass die Berichte noch in den Londoner Nationalarchiven liegen. Wir hoffen aber auf genügend Aufmerksamkeit, um öffentliche Mittel für die Aufarbeitung dieser Informationen zu erhalten. Bisher finanzieren wir uns hauptsächlich über den Verkauf von Luftaufnahmen an Kampfmittelräumdienste aus Deutschland und Österreich, die auf den Bildern nach Blindgängern suchen. Historiker aber haben die Fotos und die dazugehörigen Berichte bisher kaum erschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wertvoll kann das Luftbild-Archiv für die Geschichtsforschung sein?

Williams: Den Stellenwert des Archivs zeigt das bisher vielleicht wichtigste Bild, das wir in den vergangenen zweieinhalb Jahren gefunden haben: Ein Foto des Konzentrationslagers Auschwitz aus dem Jahr 1944, als dort ungarische Juden massakriert wurden. Ein solcher Bildbeweis aus dieser Zeit existiert sonst nirgendwo. Er zeigt einen Moment in der Geschichte, der einen frösteln lässt.

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Internet-Archiv: Der Zweite Weltkrieg aus der Luft (2)

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen gilt es als erwiesen, dass die Alliierten seit spätestens Anfang 1943 vom Massenmord an den Juden in den KZ wussten. Die britische Zeitung "The Guardian" behauptete dennoch, dass das von Ihnen entdeckte Auschwitz-Foto Hunderttausende von Leben hätte retten können, wäre es 1944 veröffentlicht worden. Teilen Sie diese Ansicht?

Williams: Das ist eine Frage, über die ich lange nachgedacht habe. Aber ich glaube, dass das etwas zu reißerisch formuliert ist. Dennoch ist es ein sehr beeindruckendes Foto.

SPIEGEL ONLINE: Warum erkannte man das erst Jahrzehnte später?

KZ Auschwitz am 23. August 1944: Das Bild zeigt nach Archiv-Angaben eine weiße Rauchwolke über Gräben, die wegen der Überlastung der Krematorien zur Massenverbrennung genutzt wurden
REUTERS

KZ Auschwitz am 23. August 1944: Das Bild zeigt nach Archiv-Angaben eine weiße Rauchwolke über Gräben, die wegen der Überlastung der Krematorien zur Massenverbrennung genutzt wurden

Williams: Während des Zweiten Weltkriegs schossen die Alliierten rund 50 Millionen Luftbilder. Jedes wurde von einem Team analysiert, dessen Mitglieder unterschiedliche Aufgaben hatten und nach einzelnen militärisch verwertbaren Informationen suchten. Den Luxus, sich in aller Ruhe Fragen zu stellen, gab es nicht. Rückblickend ist es für uns viel leichter, die Bedeutung eines Bildes wie die des Auschwitz-Fotos zu erkennen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele der 5,5 Millionen Bilder Ihres Archivs werden im Internet zu sehen sein?

Williams: Es gibt offenbar einige Missverständnisse über die Arbeitsweise des Archivs. Wir werden zunächst keine Bilder im Internet zeigen, sondern Landkarten, auf denen detailliert zu sehen ist, für welche Gebiete es welche Art von Bildern gibt. Man kann geographische Koordinaten eingeben und per E-Mail die entsprechenden Fotos anfordern. Für die Zukunft planen wir aber, alle Bilder online zu haben, um sie noch schneller verfügbar zu machen. Früher musste man nach England kommen und tagelang in den Archiven suchen, um ein bestimmtes Bild zu finden. Das dauert jetzt nur noch Minuten.

SPIEGEL ONLINE: Die Bilder wurden bereits 1962 von den Londoner Nationalarchiven an die Keele University weitergereicht, sind seitdem im dortigen Luftbild-Archiv öffentlich verfügbar und werden nun digitalisiert. Gab es noch andere Fotos, die weiterhin geheim gehalten wurden?

Williams: Ja, insbesondere die Fotos der deutschen Luftwaffe von Ostdeutschland und Osteuropa. Die meisten von ihnen wurden von den Alliierten bei Kriegsende erbeutet und waren extrem wertvoll für die westlichen Geheimdienste, da sie in hoher Qualität die Standorte von Militärstützpunkten und Werften zeigen. Satellitenbilder gab es noch nicht in den fünfziger und sechziger Jahren. Wir werden auch riesige Mengen an Bildern bekommen, die die Royal Air Force in den späten vierziger Jahren für die Kartierung Deutschlands aufgenommen hat. Nach dem Krieg gab es so viele Militärflugzeuge, dass praktisch überall in Europa welche herumflogen und Fotos schossen, sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt das Luftbild-Archiv der Keele University an Fotos der deutschen Luftwaffe?

Williams: Gegen Ende des Kriegs standen Briten und Amerikaner mit den Russen in einem Wettlauf um die deutschen Luftaufnahmen. Die Russen wollten verhindern, dass den Alliierten die Bilder in die Hände fallen. Allerdings gelang es den Westmächten, den größten Teil zu erobern. Die deutsche Zentraldatei war zuvor geteilt und in verschiedene Teile des Landes gebracht worden. Die größte Einzelsammlung fanden die Alliierten in Berchtesgaden und gaben ihr den Codenamen "Dick Tracy". Die deutschen Bewacher hatten den Befehl, die Bilder zu verbrennen, wenn die Alliierten sich nähern sollten. An vielen Fotos kann man deshalb heute noch Brandspuren erkennen. Die Bilder, die noch vor etwa zehn Jahren geheim waren, wurden nach Großbritannien gebracht und von einer riesigen Zahl von Leuten katalogisiert. Diese Arbeit hätte einen einzelnen Menschen 500 Jahre gekostet.

Das Gespräch führte Markus Becker

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