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31. Januar 2017, 12:20 Uhr

Deutschland

In diesen Städten ist die Luft am schlechtesten

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Kopfschmerz, Schwindel, Atemnot: Stickoxide sind eine Gefahr für die Gesundheit - doch die Politik versagt im Kampf gegen die Luftverschmutzung. Eine interaktive Karte zeigt, ob Ihre Stadt betroffen ist.

Was wurde nach dem Bekanntwerden der VW-Abgasaffäre nicht alles diskutiert: Ein Fahrverbot für bestimmte Dieselfahrzeuge sollte her oder zumindest eine "blaue Plakette" für besonders saubere Wagen. Passiert ist nichts.

So befand CSU-Verkehrsminister Alexander Dobrindt, es sei wirkungsvoller, bei Taxen, Bussen oder Behördenfahrzeugen anzusetzen, die sich ständig im Stadtverkehr befänden.

Praktisch alle Großstädte betroffen

Die Quittung für ihre Untätigkeit bekommt die Politik nun in Form einer schnöden Excel-Tabelle vom Umweltbundesamt (UBA). Demnach haben im vergangenen Jahr rund 57 Prozent der verkehrsnahen Messstationen in Städten den Grenzwert für Stickoxide überschritten - genauer gesagt für Stickstoffdioxid (NO2), das zur Gruppe der Stickoxide gehört.

Am Neckartor in Stuttgart lag die Stickoxid-Belastung bei durchschnittlich 82 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft - und damit mehr als doppelt so hoch wie der Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Auch Stationen in München, Reutlingen, Kiel, Köln und Hamburg überschritten den Grenzwert bei Weitem.

Und die Statistik des Jahres 2016 ist noch nicht einmal vollständig, denn dem Umweltbundesamt lagen Anfang 2017 nur Daten von knapp 400 Messstationen vor. Erfasst werden die Stickoxidwerte jedoch an circa 530 Punkten bundesweit - die Zahlen von rund 130 Messstationen fehlen bislang noch.

Die interaktive Karte zeigt, welche Stationen im Jahr 2016 über dem Limit lagen:

Den Preis für die Untätigkeit der Politik zahlen die Stadtbewohner: Stickoxide sind unsichtbar - und eine Gefahr für die Gesundheit. Sie können Kopfschmerzen, Schwindel und sogar Atemnot auslösen. Für Asthmatiker ist das Abgas besonders problematisch. Bei zu hohen Konzentrationen steigt das Risiko für Schlaganfälle.

Hauptquelle für NO2 ist der Verkehr, insbesondere Dieselfahrzeuge. Diese stoßen zwar weniger CO2 aus als vergleichbare Benziner - dafür produzieren sie jedoch wegen des permanent hohen Luftüberschusses in der Flamme deutlich mehr Stickoxide.

Autohersteller haben getrickst

Die Autohersteller haben deshalb spezielle Katalysatoren entwickelt, die das Nebenprodukt herausfiltern sollen. Doch wie die VW-Abgasaffäre gezeigt hat, funktionieren die oft nur auf dem Prüfstand - und nicht auf der Stadtstraße, wo Fußgänger und Radfahrer die Abgase einatmen.

"Seit Jahrzehnten gefährdet Stickstoffdioxid unsere Gesundheit", sagt UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. Dass die Gemeinden besonders schmutzige Diesel weiter nicht aus den Innenstädten verbannen, könne "nicht akzeptiert werden".

"Blaue Plakette" auf Eis gelegt

Dafür sollte eigentlich die "blaue Plakette" sorgen, die das Bundesumweltministerium geplant hatte. Sie sollten saubere Diesel-Fahrzeuge kennzeichnen. So hätten Kommunen dann Dreckschleudern von ihren Straßen verbannen können.

Passiert ist: nichts. Das Konzept scheiterte am Widerstand der CSU.

Seit Jahren ermahnt auch die EU-Kommission Deutschland, endlich die Luftqualität zu verbessern und droht mit einem Verfahren.

Passiert ist, Sie raten es: nichts.

Gute Nachrichten beim Feinstaub

Doch die Luft ist nicht überall schlecht in den deutschen Innenstädten. Abseits der größeren Straßen ist die Luftqualität besser. Hier lagen die Messstationen im Durchschnitt unterhalb des EU-Grenzwerts. Noch besser hat es, wer gleich aufs Land zieht - dort ist die Belastung mit Stickoxiden am geringsten.

Gute Nachrichten gibt es auch beim Feinstaub: 2016 war das Jahr mit der geringsten Feinstaubbelastung seit 2000. Nur die Station am Stuttgarter Neckartor riss den EU-Grenzwert: An 63 Tagen lag die Feinstaubbelastung oberhalb von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter - erlaubt wären 35 Tage.

Im Jahresmittel lagen sogar alle Stationen im grünen Bereich. Die interaktive Karte (siehe oben) zeigt Ihnen, wo die Belastung am höchsten war.

Wetter beeinflusst Belastung

Bei den Feinstaubzahlen überlagern sich zwei Effekte: Zum einen geht die Feinstaubbelastung seit der Jahrtausendwende kontinuierlich zurück - in der Nähe großer Straßen um rund 30 Prozent in den vergangenen 15 Jahren. Eine Rolle hierbei spielt etwa, dass viele Städte Umweltzonen eingerichtet haben, in denen nur Fahrzeuge mit grüner Feinstaubplakette fahren dürfen.

Zum anderen ist die Feinstaubkonzentration wetterabhängig: Ist es kalt, wird mehr geheizt und mehr Feinstaub gerät in die Luft. Steht dann noch der Wind still, steigt die Belastung. Umgekehrt ist die Konzentration an windigen Tagen geringer.

Wie schon 2015 seien auch 2016 extreme, feinstaubbegünstigende Wetterlagen ausgeblieben, schreibt das UBA. Da kann der Stadtmensch wenigstens einmal kurz durchatmen.

IM VIDEO: Ein Jahr Feinstaub im Zeitraffer

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