Nachgeforscht

Nachgeforscht Macht enge Sportunterwäsche schneller?

Adidas-Sportunterhose: Kompressionseffekt und TPU-Streifen
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Adidas-Sportunterhose: Kompressionseffekt und TPU-Streifen

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Sekundenbruchteile schneller rennen, einige Zentimeter höher springen - das wollen Sportprofis und Amateure gleichermaßen. Aber kann die spezielle Sportunterwäsche von Adidas die Leistung steigern?

Bei manchen Athleten scheint es, als hätten sie Superkräfte. Cristiano Ronaldo zerlegt gegnerische Fußballmannschaften im Alleingang. Serena Williams spielt Tennis, als müsse der Ball gleich zerbersten. Und Usain Bolt wird wohl auch dieses Jahr wieder der schnellste Mann der Welt sein.

Doch die Werbung spielt mit der Illusion, dass jeder ein bisschen Top-Athlet sein kann. Zumindest wenn er die richtigen Schuhe trägt, den richtigen Schläger schwingt oder das richtige Getränk den Rachen herunterspült. "Be like Mike (Jordan)" heißt es dann. Oder "Impossible is nothing".

Längst geht es aber nicht nur um carbonverstärkte Schläger oder Helium in Sportschuhen. Inzwischen soll selbst die Unterwäsche aus Profis und Breitensportlern mehr herausholen als bisher. Adidas bewirbt seine Techfit Powerweb-Reihe als Trainingtights, die "aktive Muskelunterstützung, mehr Leistungsfähigkeit und Energieeffizienz" bieten. Die enge Unterwäsche und die darin eingearbeiteten Streifen aus Thermoplastischem Polyurethan (TPU) sollen die Performance verbessern.

Vier Prozent höher springen

Den Mechanismus dahinter erklärt die Pressestelle von Adidas folgendermaßen:

"Untersuchungen haben belegt, dass adidas TechFit-Bekleidung den Blutfluss eines Athleten verbessern kann. Der Kompressionseffekt durch TechFit-Bekleidung reduziert zudem Muskelvibrationen und erhöht die Effizienz der Muskelarbeit. Die TPU-Bänder in adidas TechFit Powerweb-Bekleidung sind strategisch so platziert, dass sie die Bewegungen des Sportlers unterstützen."

Belegt sei all das durch unabhängige wissenschaftliche Studien der University of Calgary. In einer großen Werbekampagne im Jahr 2009 lieferte der Konzern aus Herzogenaurach sogar genaue Zahlen. Dank enger Unterbuchs könne man bis zu 1,1 Prozent schneller laufen, die Ausdauer um 0,8 Prozent steigern und sogar vier Prozent höher springen. Nur: Im Netz lässt sich die entsprechende Studie nirgendwo finden. Auf Anfrage erklärt Adidas den Grund dafür. Die Studie ist "noch unveröffentlicht" - fast fünf Jahre nachdem Adidas mit den Ergebnissen an die Öffentlichkeit ging.

Kompressionsstrümpfe nutzen ähnliches Prinzip

Kurios ist aber nicht nur, dass bis heute kein anderer Wissenschaftler die Chance hatte, die Aussagen von Adidas und der University of Calgary zu prüfen. Ein Forscher eben jener University of Calgary kommt in einer Analyse aus 2012 jedenfalls zu einem anderen Urteil. Der Kinesiologe Reed Ferber schreibt in einem Blogpost auf der Seite der Universität, dass "die wenigen Studien, die den Effekt von Kompressionskleidung auf das Sprinten und auf die Ausdauer untersuchten, einen geringen bis gar keinen Effekt aufzeigen."

Auf Nachfrage erklärt Ferber, dass er bis heute keinen Beweis dafür kennt, dass Kompressionskleidung oder Kompressionssocken die Leistung steigern könnten. Viele der Studien hätten nur kleine Teilnehmerzahlen und entsprechend sei ihre Aussagekraft gering. "Wenn Leute dran glauben, sollen sie es ruhig tragen, aber die Studien zeigen meiner Meinung nach keinen Effekt", sagt er.

Techfit Powerweb als Unterwäsche: Forscher fürchten negative Effekte
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Techfit Powerweb als Unterwäsche: Forscher fürchten negative Effekte

Schneller laufen, mehr Ausdauer haben? Eher fraglich. Lediglich eine Studie aus 2013 legt nahe, dass die Erholung nach körperlicher Anstrengung mit Kompressionsshorts leicht besser war. Auch hier war jedoch die Zahl der Studienteilnehmer mit sechs Männern denkbar klein.

Was die Verstärkung der Sprungkraft angeht, sieht die Studienlage auf den ersten Blick besser aus. Hier gibt es eine Untersuchung der University of Chichester, die eine leichte Verbesserung der Sprungkraft nachweist. Mit den Tights sprangen die sechs Testpersonen im Schnitt 30,36 Zentimeter hoch, ohne nur 29,67 Zentimeter. Ein Unterschied von rund zwei Prozent.

Auch an dieser Studie gibt es jedoch einen Haken, wie der Biomechaniker Jan-Peter Goldmann von der Deutschen Sporthochschule Köln erklärt:

"Jeder Mensch springt mal zwei Zentimeter höher, mal zwei Zentimeter niedriger. Das ist die übliche physiologische Varianz."

Dass also ein Unterschied von 0,7 Zentimeter festgestellt wurde, könne reiner Zufall gewesen sein. Ähnliches legen auch die anderen Daten der Chichester-Studie nahe. In ihnen zeigt sich, dass die Schwankungen und Unsicherheiten bei der Messung deutlich größer sind als der beobachtete Unterschied. Selbst wenn man aber davon ausgeht, dass die Tights die Sprungkraft erhöhen könnten, bleibt eine Frage offen: Ist das alles auch gesund?

Risiko Überbelastung

Hat die Kleidung tatsächlich einen verstärkenden Effekt, könnte sie falsch angezogen sogar schaden. Dann nämlich, wenn durch die stützenden Elemente in der Kleidung zu viel Kraft auf einzelne Gelenke und Muskeln umgeleitet würde. Adidas erklärt auf Anfrage, dass eine solche Gefahr nicht bestehe, denn:

Die TPU-Bänder sind sorgfältig so platziert und angeordnet, dass sie der natürlichen Bewegung des Muskels folgen und keinesfalls falsche Mechanismen in der Muskulatur auslösen.

Selbst, dass der Durchschnittssportler ein Produkt von der Stange und damit nichts Maßgeschneidertes kaufe, sei kein Problem, erklärt das Unternehmen.

Die Forscher aus Chichester sehen das in ihrer Studie anders. In ihrem Abschlussfazit weisen sie darauf hin, dass sie durchaus negative Effekte befürchten, weil die Fähigkeit des Körpers, Energiebelastungen abzufedern durch die Tights eingeschränkt werden könnte.

Fazit: Mit normalen Sportklamotten ist man kaum langsamer, aber auf jeden Fall auf der sicheren Seite.

  • REUTERS
    Und jetzt Sie: Haben Sie ein Produkt, dessen wissenschaftliche Bewerbung Sie staunen lässt? Wollten Sie schon immer wissen, ob die Zahnpasta besser ist, wenn Forscher ihre Wirkung garantieren? Oder was sind eigentlich Nanomicroperls? Schreiben Sie uns eine Mail - wir gehen Ihrer Frage auf den Grund! nachgeforscht@spiegel.de

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24 Leserkommentare
harmlos01 11.02.2015
joe87 11.02.2015
fs01 11.02.2015
les2005 11.02.2015
denkschnecke 11.02.2015
D.Fronath 11.02.2015
Wunderläufer 11.02.2015
BeeBee 11.02.2015
deranaluest 11.02.2015
uwe4321 11.02.2015
jujo 11.02.2015
dequincey 11.02.2015
maxihaxi 11.02.2015
fs01 11.02.2015
hwy2001 11.02.2015
hwy2001 11.02.2015
Veterano48 11.02.2015
Susi64 11.02.2015
ratxi 11.02.2015
dequincey 11.02.2015
blauervogel 11.02.2015
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dr.u. 03.03.2015
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