Besuch bei einem Verschwörungstheoretiker "Mad Mike" und seine Rakete

Mike Hughes glaubt, dass die Erde eine Scheibe ist. Sagt er zumindest. Und gerade baut er eine Rakete, um das beweisen zu können. Klingt verrückt? Besuch bei einem Verschwörungstheoretiker.

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Aus der Mojave-Wüste berichtet


Bereits ohne Mike und seine Höllenmaschine ist Amboy ein ziemlich bizarrer Ort. Nur vier Einwohner, so heißt es, leben hier dauerhaft. Und wenn nicht der eine oder andere Tourist die Tankstelle ansteuern würde, wären wohl auch die nicht mehr da. Was soll man auch machen in der Einöde der kalifornischen Mojave-Wüste?

Amboy liegt an der alten Route 66. Das heißt: Seit mehr als 40 Jahren rauscht der allergrößte Teil des Autoverkehrs auf der ein paar Kilometer nördlich gelegenen Interstate 40 vorbei. Auch die ellenlangen Frachtzüge der nahen Santa Fe Railroad fahren ohne Stopp durch, tuten höchstens mal.

Also stehen die meisten der Gebäude leer. In "Roy's Motel" wohnt niemand mehr, die frühere Schule ist verbarrikadiert. Alles hier gehört Albert Okura, Chef der Hühnchen-Restaurantkette "Juan Pollo". Er hat den kompletten Ort für 425.000 Dollar gekauft, nachdem die vorherigen Besitzer pleite gegangen waren.

Beinahe-Geisterstadt Amboy
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Beinahe-Geisterstadt Amboy

Wegen Okura ist auch Mike hier. Der Hühnchen-Baron hat ihn eingeladen, Mike Hughes, der sich selbst aber nur "Mad Mike" nennt. Denn wo Mike ist, sind Schlagzeilen. Und die kann Okura für seine Quasi-Geisterstadt gut brauchen.

Mike war früher mal Chauffeur in Las Vegas und macht gern verrückte Dinge. Im Guinnessbuch steht er, weil er mal mit einer drei Tonnen schweren Stretchlimousine über eine Rampe gesprungen und 31 Meter weit geflogen ist. Aber das ist nichts gegen das, was er in Amboy vorhat.

In der Wüste, vier Meilen außerhalb des Ortes, hat er ein blau-weißes Wohnmobil geparkt, hinten dran ist an einem Gestell eine selbstgebaute Rakete befestigt. Ja, eine Rakete. Die funktioniert mit ungefähr derselben Technik wie eine Espressomaschine, nur in groß. Sie soll Mike mit Dampfantrieb ein paar Hundert Meter hoch in die Luft befördern.

Und das wiederum soll ihm helfen, Geld zu sammeln für ein größeres Vorhaben: Er möchte, in einem Raumanzug und befestigt an einer Kombination aus Ballon und Rakete, an den unteren Rand des Weltalls fliegen. Und dort wiederum will er beweisen, dass die Erde eine Scheibe ist.

Ja, eine Scheibe.

Und das sollte eigentlich die Stelle sein, an der man als Wissenschaftsjournalist besser aufhört, sich mit Mike zu befassen. Denn dass die Erde keine Scheibe ist, das ist solch eine Selbstverständlichkeit, dass es allein komisch ist, das noch einmal zu betonen. Satellitenbilder, Fotos und Berichte von Astronauten, selbst ein simpler Heliumballon mit einer Digitalkamera daran können das belegen.

Andererseits: Glaubt der Mann das ganz im Ernst, mit der flachen Erde? Und warum will er seine Gesundheit, ja vielleicht sogar sein Leben für diesen Unsinn riskieren? Oder will er in Wahrheit für seinen Stunt nur Geld von noch durchgeknallteren Typen einsammeln?

Darüber sollte man vielleicht doch mal sprechen.

Also ab in die Wüste. Von der Asphaltstraße geht eine leidlich planierte Piste zur kleinen Raketenbasis ab. Am Wohnmobil ist an diesem späten Nachmittag dann allerdings nicht Mike zu finden, sondern Jeff, ein sonnengegerbter "Wüsteneremit", wie er sich selbst nennt, mit Irokesen-Haarschnitt. Nach einigem Hin und Her rückt er Mikes Telefonnummer raus.

Hughes Rakete in der Wüste
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Hughes Rakete in der Wüste

Der ist gerade nach einem missglückten Startversuch vor ein paar Tagen wieder zu Hause, im etwa zwei Stunden entfernten Apple Valley. Auf seiner "Raketen-Ranch", wie Jeff sagt. Am Telefon klingt Mike dann sehr nett, auch überraschend zurechnungsfähig. Man vereinbart einen Besuch für den frühen Abend.

Die Sonne ist untergegangen, als Mike das Tor zur Ranch aufschiebt. Das Licht reicht aber noch aus, um zu erkennen, dass er ziemlich genau so aussieht wie Angus MacGyver aus der Fernsehserie aus den Achtziger- und Neunzigerjahren. Allerdings kann man im Halbdunkel nicht alles in Augenschein nehmen, von dem er schon beim Hereinlaufen so berichtet. Das verbeulte Raketen-Auto dort drüben unter der Plane zum Beispiel. Und auch die schrottreifen Reste eines früheren Flugtests, die vor dem Haus abgestellt sind.

Im Wohnzimmer ist alles ziemlich schummrig. Nur eine Glühbirne funktioniert. Ach ja, und der Röhrenfernseher läuft. Mike holt auf Bitten des Reporters einen Baustrahler zur Beleuchtung. Schließlich soll auch gefilmt werden.

Ein noch viel größeres Projekt

Die Wände hängen voll mit Erinnerungsstücken. Auch Blechtrümmer sind darunter. Denn Mike ist schon einmal mit einer Dampfrakete geflogen, vor vier Jahren in Arizona. Ein paar Hundert Meter weit ging es damals. Am Ende gab's eine Bruchlandung und Mike war verletzt. Der legendäre Stuntman Evil Knievel hat in den Siebzigern Ähnliches versucht, mit ähnlichem Erfolg. Auch er crashte.

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"Mad Mike": Raumfahrt und die flache Erde

In Arizona flog Mike noch ohne ideologischen Überbau, einfach so als Stuntman. Doch jetzt ist da die Sache mit der flachen Erde. Aber will er mit der Maschine von Amboy im Ernst diese irrwitzige Idee "beweisen"? Überraschenderweise sagt Mike an dieser Stelle tatsächlich Nein: "Ich will die Theorie der flachen Erde nicht mit dieser Rakete beweisen. Das ist verrückt. Das kann man nicht", stellt er klar.

Ist der Mann vielleicht doch ganz normal?

Es gehe darum, Geld zu sammeln, sagt Mike. Für eine noch viel waghalsigere Mission. In der Ecke des Wohnzimmers steht ein selbstgebautes Minimodell von Mikes Traum. Es ist ein sogenannter Rockoon. Das ist eine Kombination aus einem Ballon und einer Rakete - und damit will er so hoch fliegen, dass er die - mögliche - Krümmung der Erde mit eigenen Augen sieht.

"Wir haben einen Plan, mich in 100 Kilometer Höhe zu bekommen", sagt er. "Der Ballon würde mich 32 oder 35 Kilometer hochheben, je nach Wind. Wenn das passiert ist, würde die Rakete zünden. Die schießt mich die anderen 67 Kilometer nach oben. Das ist wie eine riesige Feuerwerksrakete."

Mit der will er dann eben nachsehen. Sagt er.

"Ich kann der Nasa nichts glauben. Ich glaube nicht, dass es die Internationale Raumstation gibt. Ich glaube nicht, dass da Leute oben sind. Ich glaube dieses Zeug nicht." Aha. Und was ist mit all den Astronauten, die dort arbeiten, die Fotos von dort schicken, die twittern und Filme machen? "Wer weiß, was die da machen. Im Ernst, wer weiß."

Zwei gescheiterte Startversuche

Die Rakete von Amboy ist quasi sein erster Schritt zur Wahrheit. Sie soll Wasserdampf aus einem 1,6 Meter hohen und 0,6 Meter weiten Stahlzylinder durch eine kleine Düse nach draußen schießen. Für etwa fünf Sekunden werde der Mechanismus ein paar Tausend PS entfesseln, hofft Mike. "Das ist wie eine heiße Champagnerflasche."

Oder wie das Innere einer Espressomaschine. Nur würde mit der ja niemand durch die Luft fliegen wollen.

Das habe er alles selbst gebaut, sagt Mike. Nur beim Schweißen am Hochdrucktank, da habe er sich helfen lassen.

Zwei Startversuche musste er bisher abblasen. Einmal gab es Streit mit einer Bundesbehörde, die ihm keine Erlaubnis erteilen wollte. Und einmal war ein Dichtungsring defekt. Mike zieht ihn aus der Hosentasche. Beim nächsten Startversuch wolle er den ersetzt haben. Am 24. März will er nun aber wirklich fliegen.

Wieso aber? Nun, er erforsche "eine Menge Zeug", sagt Mike. So sei er eben auch auf die Sache mit der flachen Erde gestoßen. Es gebe einfach so viele Indizien. Die Uno-Fahne zum Beispiel. Die zeige ja wohl auch eine flache Erde. "Weiß ich das mit Sicherheit?", fragt Mike. "Zum Teufel nein, niemand weiß es mit Sicherheit." Aber Millionen Menschen sähen es wie er.

"Alles Betrug und Lüge"

Und was ist etwa mit den Bildern des Satelliten "Dscovr", der dauerhaft die rotierende Erde und den Mond aus dem All im Blick hat? "Die laufen vielleicht ja nur in Dauerschleife." Und was wäre mit einem Ballon mit einer Kamera, den man hoch in die Stratosphäre fliegen lässt? Von dort wäre die Erdkrümmung doch sichtbar. Da muss man doch nicht selbst hinfliegen.

Ja, das wäre naheliegend, sagt Mike. "Aber um etwas Außergewöhnliches zu tun, braucht man auch einen außergewöhnlichen Einsatz." Also will er fliegen, will er all den Milliardären, die auch an Raketen fürs All arbeiten, zeigen, was ein einziger Mann tun kann. Und noch dazu einer, der sich als Kind noch nicht einmal für den Weltraum interessiert hat.

Was Mike hat: Er hat diese Vision, die Vision, es allen zu zeigen. Ihnen zu zeigen, dass da etwas nicht stimmt. Dass wir belogen werden, über die Form der Welt, über das All, über die Mondlandung und so weiter. Was er nicht hat: Geld, zum Beispiel. Noch nicht mal ein Bankkonto, wie er sagt. Oder ein Auto. Die Ranch, sagt er, gehört seinem Freund Waldo. Der fahre ihn auch raus nach Amboy zum Raketenstartplatz. Gerade habe er sich die Dollars für die Miete der Ranch geborgt, um Waldo zu bezahlen.

Für den Rockoon braucht er zwei Millionen Dollar. Und die will er mit dem Start der kleineren Rakete in Amboy einsammeln. Wer im Netz bei seinem Abenteuer zuschauen will, soll Geld zahlen.

"Ich glaube, dass alles Betrug und Lüge ist in dieser Welt", sagt Mike. Und dann rattert er die klassischen Buzzwords der Verschwörungstheoretiker runter: 9/11? Fake! Mondlandung? Auch Fake! Politiker? Alles Marionetten und Clowns! Einstein? Ahnungslose Pflaume! Tesla? Das wahre Genie! Und dann eben immer wieder die Sache mit der flachen Erde, begrenzt von einem Eiswall in der Antarktis, wo es übrigens durchaus bis heute aktive Basen der Nazis geben könne, sagt er.

Was soll man nun schreiben über Mike? Wie wird man diesem an sich ja ganz freundlichen Menschen irgendwie gerecht, ohne ihn noch mehr bloßzustellen? Man könnte anführen, dass er wirklich an seine Mission glaubt, dass er bereit ist, dafür Gesundheit und sogar sein Leben zu riskieren. Mit seinem Flug schadet er - im Idealfall - niemandem. Höchstens sich selbst.

Und vielleicht ist da ja doch noch ein Rest Realitätsbezug in ihm. Ein Privatmann im All, so sagt Mike beim Vortrag in seinem Wohnzimmer, das wäre "die größte Leistung in der Geschichte der Menschheit". Und dann würde man ja sehen, ob die Welt wirklich flach sei - oder doch rund. "Wir alle brauchen diese Antwort", sagt Mike.

Nun, wir alle brauchen die Antwort vielleicht nicht. Wir kennen sie.

Aber vielleicht braucht sie Mike, die Antwort.

insgesamt 108 Beiträge
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Seite 1
lorn order 24.03.2018
1. ein armer Irrer, aber nicht alleine
leider gibt es in den USA nur allzu viele Menschen, die die Erkenntnisse der Wissenschaften ablehnen. z.B. lehnen viele die Evolutionstheorie ab, weil ja im alten Testament etwas anderes über die Entstehung der Welt steht...
nwz86 24.03.2018
2. Irre Genies
Man kann von solchen Typen halten was man will, aber dieser querulatorische Erfindergeist ist es letztendlich, der Amerika zu dem gemacht haben, was es ist: Ein Land voller Ideen und Innovationen. In Deutschland wäre er vermutlich in der Psychiatrie, weil er als irrer Gefährder gilt, der gefährliche Chemikalien (den Raketentreibstoff) hortet.
stochasticdifferentialequ 24.03.2018
3. sehr schöner Artikel
der Mann klingt ein wenig verschroben, um das Mindeste zu sagen. Das Hauptproblem ist, dass derlei Irrationalität bei zu vielen fröhliche Urstände feiert und sb einer kritischen Masse hat das dann auch ernstzunehmendere Konsequenzen als in der Einöde an einer Rakete zu basteln.....
Rumo Wolper 24.03.2018
4. schlecht recherchiert
Wie Sie im letzten Jahr schon geschrieben haben, ist der Mann erst dann zum Anhänger der "Flachen-Erde-Theorie" geworden, nachdem die Finanzierung seines Projektes (Begründung: zum Spaß) nicht geklappt hatte. Somit wären seine Überzeugungen mehr als fraglich. Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/mad-mike-hughes-will-sich-mit-rakete-in-die-luft-schiessen-a-1179872.html
Emderfriese 24.03.2018
5. Mike Trump
"...Am Telefon klingt Mike dann sehr nett, auch überraschend zurechnungsfähig. ..." Der Mann ist mehr als zurechnungsfähig. Er ist schlicht clever. Er hat das US-amerikanische System durchschaut, wo man nichts wirklich sein muss, sondern möglichst so tut, als ob. Je mehr man so tut als ob, um so mehr Aufmerksamkeit und damit Geld und Einfluss erhält man. Das alles gibt es bei uns natürlich auch, in den USA allerdings um Potenzen vergrößert. Irgendwann wird dieser Mike wahrscheinlich Präsident werden, dann, wenn Trump nichts mehr einfällt...
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