Kindergarten-Studie So weit sind Mädchen Jungen voraus

Essen, Anziehen, aufs Töpfchen gehen: Zweijährige Mädchen erledigen solche Aufgaben deutlich selbstständiger als Jungen, berichten norwegische Forscherinnen. Vor allem in einem Bereich sind die Unterschiede eklatant.

Kinder in einer Tagesstätte: Gute Sprachkenntnisse fördern die soziale Kompetenz
DPA

Kinder in einer Tagesstätte: Gute Sprachkenntnisse fördern die soziale Kompetenz


"Wir haben Unterschiede erwartet, waren aber überrascht, dass sie so groß sind", sagt Aud Toril Meland von der Universität Stavanger. Zusammen mit zwei Kolleginnen hat sie 535 Jungen und 509 Mädchen im Alter von 30 bis 33 Monaten drei Monate lang begleitet. Die Forscherinnen wollten herausfinden, ob Jungen und Mädchen unterschiedlich schnell selbstständig werden.

Kindergartenpersonal dokumentierte, wie die Zweijährigen sich im Alltag verhielten - mit eindeutigem Ergebnis: Als Kleinkinder zwischen 30 und 33 Monaten können demnach nicht nur mehr Mädchen alleine essen und sich anziehen. Sie sind auch sozialer als Jungen in dem Alter, berichten die Wissenschaftlerinnen im Fachmagazin "Early Childhood Educational Journal".

Die größten Unterschiede zwischen den Geschlechtern fanden sie beim Toilettengang. Während mehr als jedes fünfte Mädchen (21 Prozent) keine Windeln mehr trug und Bescheid sagen konnte, wenn es zur Toilette musste, waren es bei den Jungen nur 8 Prozent.

Mehr als zwei Drittel der Mädchen (68 Prozent) zeigten zudem Interesse daran, ein Klo zu benutzen, während das nicht einmal jeder zweite Junge tat (42 Prozent).

Ausgeprägtes Sozialverhalten bei Mädchen

Fast zwei Drittel der Mädchen konnten schon alleine essen und trinken, wohingegen das nur bei knapp der Hälfte der Jungen der Fall war.

Auch beim Sozialverhalten hatten die Mädchen die Nase vorn: Sie machten häufiger bei Spielen im Kindergarten mit und interagierten mehr mit Gleichaltrigen.

"Soziale Fähigkeiten und Alltagsaktivitäten hängen zu einem großen Teil mit dem Sprachverständnis, motorischen Fähigkeiten und Selbstregulierung von Kindern zusammen", sagt Meland. "Gut ausgeprägte Sprachkenntnisse könnten dazu beitragen, dass Mädchen ihre Bedürfnisse besser zum Ausdruck bringen können."

Wer hat es finanziert?
Die Untersuchung ist Teil einer großen Longitudinalstudie der Universität Stavanger: "The Stavanger Project - The Learning Child". Das Projekt findet in Kooperation mit dem Nationalen Zentrum für Lesen, Bildung und Forschung, dem Lesezentrum der Universität Stavanger und der Kommune Stavanger statt. Außerdem wird das Projekt von der Europäischen Kommission unterstützt.
Allerdings gaben die Forscherinnen zu bedenken, dass die Kindergarten-Betreuung in Norwegen größtenteils in Frauenhand ist, diese stellen rund 93 Prozent des Personals. Das könne die Beobachtungen, auf die sich die Studie unter anderem stützt, beeinflusst haben.

So lief die Studie ab
So wurde untersucht
In einer großen interdisziplinären Studie der norwegischen Universität Stavanger ("The Stavanger Project - The Learning Child") wird die Entwicklung von Kindern von ihrem 30. Lebensmonat an verfolgt, bis sie zehn Jahre alt sind. Beteiligt sind alle staatlichen Kindergärten und der Großteil privater Betreuungsangebote in Stavanger sowie alle Schulen des Ortes. Es nehmen nur Kinder teil, deren Eltern zugestimmt haben. Diese können ihr Einverständnis jederzeit zurückziehen.

Die Anpassungsfähigkeit der Kinder wird zu vier unterschiedlichen Zeitpunkten erfasst. Bei den zwei Untersuchungen im Kindergartenalter liegt der Fokus auf den sprachlichen, mathematischen und motorischen Fähigkeiten sowie der sozialen Entwicklung, wobei die Kinder in ihrem alltäglichen Umfeld beobachtet werden. Gezielte Tests gibt es nicht.

Aktuell werteten die Forscherinnen Informationen über das Verhalten von 535 Jungen und 509 Mädchen im Alter zwischen 30 und 33 Monaten aus. Kindergartenpersonal hatte das Verhalten und die Fähigkeiten der Kinder auf vorgefertigten Beobachtungsbögen dokumentiert.
Schwächen der Studie
Die Autorinnen weisen selbst auf ein paar Schwächen ihrer Untersuchung hin: So seien die Dokumentationsbögen konzipiert worden, um die Kinder im Alltag zu beobachten, und nicht, um quantitative Aussagen zu treffen. Es werden nicht gezielt Aufgaben gestellt und dann kontrolliert. Allerdings passe die Methode zu dem in norwegischen Kindergärten üblichen pädagogischen Ansatz, die Entwicklung der Kinder über Spiele und das Erledigen alltäglicher Dinge zu fördern.

Durch unterschiedliche Erwartungen der Beobachter an Jungen und Mädchen könnte das Ergebnis durch die Beobachtungsmethodik verzerrt worden sein. 93 Prozent des Personals in norwegischen Kindergärten ist zudem weiblich; und veröffentlicht wurde die Studie von drei Autorinnen. Das könne Einfluss auf das Studienkonzept und die Interpretation der Daten gehabt haben, schreiben die Wissenschaftlerinnen.

jme/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 259 Beiträge
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Seite 1
pandur1234567@yahoo.com 17.08.2015
1.
Das bedeutet das Jungen benachteiligt sind. Es sollten unbedingt Förderprogramme für Jungen eingerichtet werden, ähnlich den Mädchenförderprogrammen. Schließlich sollen ja die benachteiligten geförder werden. Oder?
jdm11000 17.08.2015
2. Am Besten...
es wird noch ne Studie im Mutterleib gemacht, wie sich das Ungeboren dort verhält. Was soll so eine Untersuchung denn bringen? Das Mädchen sich schneller entwickeln? Und dann? Sind sie damit die "besseren" Menschen? Es wird für jeden Quatsch Geld ausgegeben - ein Glück hat das keiner in D finanziert.
acyonyx 17.08.2015
3. Elitenförderung
Die Studie ist interessant. Aber was beschreibt sie denn eigentlich? Darf es denn so ein Ergebnis überhaupt geben? Lesen wir nicht seit Jahren, daß es dank gender Studies gar keine Unterschiede gibt? Draf man Mädchen vor dem Hintergrund noch mehr fördern als Jungen? Oder gibt es doch einen Unterschied, der auf dem Y-Chromosom codiert ist? Das ganze Tierreich ist spätestens mit 4-7 Jahren fertig mit der Jugend. blitzt da etwa der Hauptunterschied zwischen Männlein und Weiblein durch? Männer sind ja mit über 20 noch Spielkinder und manche ein Leben lang......
affenstrasse44 17.08.2015
4. Mehrwert?
Also ich finde es löblich, dass dieses Mal in SPON auch ausdrücklich auf die Schwächen der Studie hingewiesen werden. Ok die Ergebnisse dieser Studie sind da... aber mir erschließt sich der konkrete Mehrwert nicht wirklich? Sollen Kinder jetzt dahingegend optimiert werden, dass Sie spätestens mit 5 Jahren schon in das Berufsleben einsteigen sollen? Oder ist das wieder einmal der dezente Hinweis das eben nicht alle Geschlechter gleich sind? Oder ist das eine Kritik an dem Betreuungssystem in Norwegen? Oder ist das eine Kritik an dem Forschungssystem in Norwegen (nur weibliche Wissenschaftlerinnen)? Oder soll man jetzt mehr Männer in das Betreuungssystem für Kinder zwingen? Mir leuchtet es jedenfalls irgendwie nicht ein, daher bin ich offen für plausible Erklärungen.
koem 17.08.2015
5. DAS soll die Untersuchung bringen!
Zitat von jdm11000es wird noch ne Studie im Mutterleib gemacht, wie sich das Ungeboren dort verhält. Was soll so eine Untersuchung denn bringen? Das Mädchen sich schneller entwickeln? Und dann? Sind sie damit die "besseren" Menschen? Es wird für jeden Quatsch Geld ausgegeben - ein Glück hat das keiner in D finanziert.
Im Gegenteil, zeigt es auf, dass Jungs im Verhältnis weniger schnell gewisse Fähigkeiten erlangen. Das zieht sich bis in den Schuleintritt, wo Jungs gerne vorschnell mit ADHS betitelt oder als rückständig bezeichnet werden, vor allem von Lehrerinnen. Das gesamte System Schule und Kindergarten ist sehr auf das weibliche Geschlecht ausgerichtet. Erste Ergebnisse solcher Studien könnten sich explizit an die Förderung von Jungs machen. Das ist doch auch in Ihrem Interesse, oder?
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