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13. April 2009, 18:02 Uhr

Männer in der Sinnkrise

Das vergessene Geschlecht

Von Henning Engeln

Jungen unterliegen Mädchen in vielen Schuldisziplinen, erweisen sich als unflexibler, gewalttätiger und anfälliger für Krankheiten. Kurz: Das einst so stolze starke Geschlecht schwächelt. Forscher finden verblüffende Erklärungen für den Niedergang.

Die Wilma-Rudolph-Oberschule im Berliner Stadtteil Zehlendorf gerät im Juni 2008 in die Schlagzeilen. Zwei 14-Jährige drängen einen 13-jährigen Mitschüler in die Jungentoilette, schlagen ihn und filmen die Attacke mit dem Mobiltelefon. Sie wollten den Jungen offenbar mit Gewalt dazu anstiften, anderen Schülern ihre Telefone zu rauben.

Prügelnde Jungen in der Schule (Symbolbild): Aggressionen eines Auslaufmodells der Natur?
DPA

Prügelnde Jungen in der Schule (Symbolbild): Aggressionen eines Auslaufmodells der Natur?

Bereits im Juni des Vorjahres haben Jugendliche in Berlin eine 58-jährige Lehrerin mit einer Stahlrute angegriffen, um ein schlechtes Zeugnis verschwinden zu lassen. Im Jahr davor ist der Leiter einer Grundschule niedergeschlagen worden, und ein Zwölfjähriger hatte einer 62-jährigen Lehrerin so heftig ins Gesicht geschlagen, dass sie mit einer Platzwunde über dem Auge im Krankenhaus behandelt werden musste.

Offenbar hat die Bereitschaft zugenommen, Konflikte körperlich aggressiv und mit Brutalität zu lösen - zumindest innerhalb einer kleineren Gruppe von Jugendlichen, die zudem immer jünger werden. (Ob Kinder und Jugendliche allgemein gewalttätiger geworden sind oder sich vielleicht nur die Wahrnehmung durch Öffentlichkeit und Medien verändert hat, ist umstritten; immerhin wurde laut einer Studie der Universität Bochum von 2005 jeder siebte Achtklässler bei Prügeleien so drangsaliert, dass er ärztlich behandelt werden musste.)

Fest steht zudem: Aggression ist ein Problem, das vor allem die Jungs betrifft - unter den Tatverdächtigen bei Körperverletzungen sind 83 Prozent Jungen. Parallel dazu gibt es weitere beunruhigende Daten und Fakten über das männliche Geschlecht. Sie offenbaren eine besorgniserregende Entwicklung.

So sind Jungs drei- bis neunmal häufiger als Mädchen von der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung betroffen (die Angaben schwanken je nachdem, welche diagnostischen Kriterien angewendet werden). Und Schätzungen zufolge kommen auf ein Mädchen mit Leseschwäche zwei bis drei Jungen.

Noch dramatischer ist die schulische Bilanz der Jungs: Sie sind später schulreif, bringen schlechtere Leistungen, bleiben häufiger sitzen und brauchen mehr Nachhilfeunterricht. An Haupt-, Sonder- und Förderschulen machen Jungen heute rund 70 Prozent der Schüler aus.

Und: Unter den rund 80.000 Jugendlichen, die pro Jahr die Schulen ohne Abschluss verlassen, sind doppelt so viele männliche wie weibliche Schüler. Zudem erreichten 2006 von den 18- bis 21-Jährigen nur 26,1 Prozent der Jungen die Hochschulreife, während es bei den Mädchen 33,8 Prozent waren.

Galt das männliche Geschlecht früher als das durchsetzungsfähigere, manchmal auch "überlegene", zumindest aber dominierende, haben sich die Verhältnisse offenbar grundlegend gewandelt.

Was sind die Ursachen dafür? Werden Jungen benachteiligt, so eine verbreitete These, weil sie heutzutage überwiegend unter weiblicher Regie aufwachsen? In Kindergarten und Grundschule erziehen inzwischen fast ausschließlich Frauen, und zu Hause dominieren die Mütter, während Väter häufig stark von ihren Jobs beansprucht werden - oder gar getrennt von der Familie leben.

Hat sich die Gesellschaft zu sehr auf die Förderung von Mädchen konzentriert und dabei die Jungen vergessen? Oder berührt das Problem viel grundsätzlichere Fragen?

Denn das, was einst als typisch männlich galt, scheint heute nicht mehr zeitgemäß zu sein - weil sich die Gesellschaft gewandelt hat. Vielleicht ist das früher "starke" Geschlecht einfach nicht flexibel genug, um sich an die moderne Welt anzupassen.

Mehr noch: Womöglich sind Männer aufgrund ihrer archaischen biologischen Ausstattung dazu gar nicht in der Lage. Dann wären sie sozusagen ein Auslaufmodell.

Die Verlierer der Evolution

Noch in den sechziger Jahren hatten es Männer einfacher. Es herrschten klare Rollenbilder: Frauen mussten in erster Linie den Haushalt führen und die Kinder versorgen, und sie waren sozial wie finanziell abhängig von den Männern. Doch dann wurden Geschlechterrollen in Frage gestellt - Eltern, Lehrer und Erzieher bemühten sich, Mädchen die gleichen Bildungschancen zu bieten, und förderten sie gezielt.

Der Erfolg blieb nicht aus. Frauen haben inzwischen viele typische Männerberufe erobert, besetzen Führungspositionen, bekleiden bedeutende Ämter.

In der Schule, so belegt es die Pisa-Studie, zeigen Mädchen inzwischen sprachlich deutlich bessere Leistungen als Jungs. Sie verstehen geschriebene Texte besser und können sie besser nutzen, um Aufgaben zu bewältigen. Manche Fachleute vermuten sogar, dass vor allem die schlechten Leistungen der Jungen zu Deutschlands miserablem Abschneiden bei der Studie geführt haben.

In der naturwissenschaftlichen Grundbildung, früher eine Domäne der Jungs, liegen beide Geschlechter inzwischen gleichauf, und selbst in Mathematik haben die Mädchen den einstigen Rückstand fast aufgeholt.

Sie stören auch weniger im Unterricht und arbeiten konstruktiver mit. Sie lesen mehr als Jungen (die lieber mit dem Computer spielen oder fernsehen) und haben eine kreativere Freizeitgestaltung: Sie nutzen nicht nur elektronische Medien, sondern verbringen ihre Zeit auch mit Tanzen, Sport, Musizieren oder Basteln.

Sind die Frauen also in modernen Zeiten die überlegene Variante des Homo sapiens? Können sie nun ihre Qualitäten ausspielen, nachdem die Jahrtausende währende Unterdrückung durch die Männer fast vollständig überwunden ist?

Dass es biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, bezweifelt inzwischen kaum noch ein Forscher. Und die Differenzen beginnen früh: Bereits im Mutterleib strampeln weibliche Babys weniger als männliche. Und neugeborene Mädchen betrachten die Bilder eines menschlichen Gesichts länger als ein abstraktes Gebilde, während es bei den Jungen genau umgekehrt ist.

Forscher schließen daraus, dass Frauen in der Regel eher an Gefühlen, Männer dagegen eher an abstrakten Systemen, also technisch, interessiert sind.

Zahlreiche Untersuchungen belegen zudem deutlich unterschiedliche Vorlieben für Spielzeuge bei ein- bis zweijährigen Kindern. Mädchen bevorzugen Puppen, Plüschtiere oder Puppengeschirr. Ältere basteln, malen und verkleiden sich gern, zeigen mehr feinmotorisches Geschick.

Jungen widmen sich dagegen lieber Autos oder Robotern und werden von "katastrophenträchtigen" Objekten angezogen - etwa einer mit Wasser gefüllten Blumenvase oder einem vollen Aschenbecher.

Solche Vorlieben treten schon in einem Alter auf, in dem sich die Kinder ihres eigenen Geschlechts noch nicht bewusst sind, und entwickeln sich offenbar unabhängig davon, ob die Eltern ihnen typische Geschlechterrollen vorleben oder nicht. Auch Kinder von Naturvölkern zeigen vergleichbare Vorlieben beim Spielen: Mädchen verwenden Objekte als Puppen, bevorzugen Tanz- und Ballspiele, während Jungen mit Gegenständen experimentieren, sich raufen und in Wettkämpfen messen.

Die Münchner Psychologin Doris Bischof-Köhler zieht daraus den Schluss, dass es sich um eine spontane Wahl der Kinder handelt, die nicht in erster Linie von den Eltern ausgelöst wird, sondern auch eine genetische Basis hat. Viele Pädagogen und Erzieherinnen sind inzwischen ebenfalls davon überzeugt, dass Mädchen und Jungen von Geburt an unterschiedlich sind.

Jungen toben mehr, werden schneller handgreiflich, werfen weiter und treffen besser. Sie sind konkurrenzorientierter, risikobereiter, erkunden gern Unbekanntes, neigen zu Selbstüberschätzung und Imponiergehabe. Das lässt sie in der Schule leichter anecken. Mädchen dagegen sind fürsorglicher, sozial sensibler und kommunikativer - und damit für Lehrer im Umgang angenehmer.

Frauen schließlich, so zeigen viele Tests, verfügen im Allgemeinen über bessere verbale Fähigkeiten als Männer. Die haben dafür Vorteile im quantitativ-mathematischen und im analytischen Denken.

Schon bei der Geburt sterben mehr männliche als weibliche Säuglinge


Mit solchen Unterschieden korrespondieren einige Befunde am Gehirn. In den Sprachzentren der Frauen sind die Nervenzellen besonders dicht gepackt und manche Hirnregionen vergrößert: etwa in der Stirnrinde, die an der Kontrolle von Gefühlen mitwirkt. Beim Mann sind Regionen im Schläfenlappen besonders gut ausgeprägt, die bei der Raumerfassung eine Rolle spielen.

Es gibt noch weitere bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Schon bei der Geburt sterben mehr männliche als weibliche Säuglinge, auch der plötzliche Kindstod betrifft sie häufiger. Sie werden schneller krank und leiden wesentlich öfter an Asthma, Jungs sind zudem häufiger von Unfällen betroffen. Männer ernähren sich nicht so gesund, treiben weniger Sport, nehmen eher Drogen und leiden häufiger an Krankheiten. Ihre Lebenserwartung liegt in westlichen Gesellschaften im Durchschnitt sechs bis sieben Jahre unter der von Frauen.

Eine Erklärung für die schwächere Konstitution des männlichen Geschlechts könnte dessen besondere genetische Ausstattung liefern. Denn ob sich ein Körper weiblich oder männlich entwickelt, bestimmen die Geschlechts-Chromosomen, von denen es zwei Sorten gibt: das größere X- und das sehr kleine Y-Chromosom. Ist ein Y-Chromosom vorhanden, entsteht ein Mann. Da alle Chromosomen paarweise vorhanden sind, besitzen Männer neben dem Y-Chromosom auch ein X-Chromosom. Frauen fehlt das Y-Chromosom; stattdessen enthalten alle ihre Körperzellen je zwei X-Chromosomen.

Nun liegen aber auf dem X-Chromosom mehr als tausend Gene, während das winzige Y-Chromosom weniger als hundert Gene enthält. Frauen verfügen mit ihren beiden X-Chromosomen deshalb für jedes dieser Gene über zwei Ausführungen, die jeweils als Sicherheitskopie dienen. Männer dagegen sind darauf angewiesen, dass alle Gene ihres einen X-Chromosoms funktionieren - oder müssen Schwächen in Kauf nehmen.

Ist damit also belegt, dass die Jungen von ihrer Biologie her benachteiligt sind? Dass sie von der Natur mit bestimmten Charaktermerkmalen ausgestattet werden, die es ihnen etwa in der Schule heute schwerer machen als den Mädchen?

Ganz so einfach ist es nicht. Zum einen handelt es sich bei allen Befunden immer um Mittelwerte. Das bedeutet: Ein Individuum kann weit aus dem stereotypen Rollenbild herausfallen - ein Junge etwa durch soziale Fähigkeiten auffallen, ein Mädchen durch mathematische.

Zum anderem stehen Umwelt und biologische Faktoren stets in komplizierten Wechselwirkungen zueinander. Und die können Unterschiede manchmal sogar noch verstärken.

Beispiel Spielzeug: Eine Untersuchung zeigte, dass erwachsene Testpersonen Säuglinge im Alter von wenigen Monaten je nach vermeintlichem Geschlecht unterschiedlich behandelten. Wurde den Probanden suggeriert, bei den Babys handele es sich um Mädchen, boten sie ihnen zum Spielen eher Puppen an, glaubten sie einen Jungen vor sich zu haben, gaben sie ihnen Autos.

Die Kinder wiederum gingen auf dieses Verhalten besonders bereitwillig ein, wenn es ihrem geschlechtstypischen Interesse entsprach - Jungen etwa bevorzugten Autos gegenüber Puppen, Mädchen reagierten umgekehrt. Doris Bischof-Köhler: "Natur und Umwelt wirken eben immer zusammen."

Das zeigen auch die pädagogischen Experimente der 68er-Generation: Damals versuchten Eltern, ihre Sprösslinge ohne Rollenstereotype zu erziehen und Mädchen und Jungen gleich zu behandeln. Die Eltern erwarteten, dass sich die Geschlechterstereotype verringern würden. Doch das Gegenteil trat ein, die Unterschiede verstärkten sich: Jungen wurden noch aggressiver, und es gelang ihnen, die Mädchen massiv zu unterdrücken.

Das geschlechtstypische Verhalten ist also ein interaktiver Prozess, der von vielen Faktoren gesteuert wird. Das bedeutet aber auch, dass es keineswegs unabänderlich festgelegt ist. Selbst wenn Jungen andere Interessen, Neigungen und Fähigkeiten haben als Mädchen, können sie mit entsprechender Förderung und Ermunterung Dinge erlernen, die ihnen normalerweise schwerfallen.

Ohne eine solche Förderung und Ermunterung aber haben die Jungen heute Probleme, sich in einer weiblich orientierten pädagogischen Welt in ihrer Eigenart zu behaupten. Und dass wir in einer solchen Welt leben, davon sind viele Pädagogen, Soziologen und Psychologen inzwischen überzeugt.

Jungen sind körperlich aktiver und aufsässiger


Ein Kind hat heutzutage eine gute Chance, bis zum Ende des Grundschulalters keinerlei männlichen Pädagogen zu erleben. Denn nur rund zwei Prozent des Personals in Kindergärten sind Männer, in Schulkindergärten sind es etwa fünf Prozent, und in der Grundschule gibt es rund 13 Prozent männliche Lehrkräfte.

Dadurch aber sind Jungen heute benachteiligt - das zumindest vermuten Fachleute wie der Hamburger Pädagoge Frank Beuster. Denn weiblichen Erziehungskräften falle es schwerer, auf die speziellen Eigenheiten und Bedürfnisse des männlichen Geschlechts einzugehen.

Jungen sind körperlich aktiver und aufsässiger, konkurrieren stärker, messen gern ihre Kräfte und versuchen, sich durchzusetzen. Auch ihre größere Kampfeslust, ihre Neigung zum Angeben und Dominieren sowie ihre höhere Risikobereitschaft tragen zu Problemen bei. Mädchen dagegen passen sich leichter in die schulischen Strukturen ein und arbeiten eher konstruktiv mit.

Der Bozener Entwicklungspsychologe Wassilios Fthenakis hält es inzwischen sogar für erwiesen, dass Lehrerinnen Jungen systematisch benachteiligen und bei gleicher Leistung schlechter benoten. Unser Bildungssystem produziere enorme Ungerechtigkeiten für Jungs, so Fthenakis.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: In den vergangenen gut 30 Jahren wurden Mädchen speziell gefördert. Es gab zahlreiche Programme, um ihnen den Zugang zu naturwissenschaftlich-technischen Fächern zu erleichtern. Weibliche Rollenbilder sowie Klischees oder Hürden für junge Frauen im Schulalltag wurden abgebaut. Dagegen berücksichtigte man in den Lehrplänen und Unterrichtsmethoden nur wenig die Schwierigkeiten von Jungen - etwa ihre Schwächen beim Lesen und Schreiben -, ihre emotionalen Bedürfnisse und Interessen.

Im Zuge der Frauenemanzipation wurden die Jungen also quasi vergessen oder zumindest vernachlässigt: in der Annahme, sie hätten als das "starke" und lange dominierende Geschlecht keine besondere Aufmerksamkeit nötig und würden sich schon durchsetzen. Und während die Mädchen damit beschäftigt waren, sich ein neues Bild des Weiblichen und der Frau anzueignen, haben es die Männer versäumt, sich mit ihrer Rolle auseinanderzusetzen.

Zudem wachsen viele Jungen ohne Vater auf: Rund drei Millionen Alleinerziehende gibt es in Deutschland, davon sind 80 Prozent Frauen.

Und selbst in intakten Familien kann es vorkommen, dass der Vater wenig präsent ist: Tagsüber ohnehin abwesend, kommen viele Männer abends erschöpft von der Arbeit heim und haben keinen Elan mehr, sich mit ihren Sprösslingen zu befassen.

Väter aber gehen anders mit Kindern um. Schon vor Babys schneiden sie eher Grimassen, stimulieren sie stärker mit Geräuschen und optischen Reizen. Später spornen sie die Kinder zu Bewegungen an: zum Laufen, Fahrradfahren, Fußballspielen, Schwimmen. Sie toben mit ihren Söhnen, vermitteln "männliche" Eigenschaften - etwa Durchsetzungsvermögen - und sind Vorbild bei handwerklich-technischen Hobbys. Deshalb sind Väter immens wichtig für die Söhne.

Das belegen unter anderem jahrzehntelange Studien der Universität Oxford an Tausenden von Kindern. Jungen, die ohne Vater leben, haben demnach häufiger ein geringes Selbstbewusstsein, gehen weniger gern zur Schule, neigen eher zu Depressionen oder Selbsttötungen und haben später ein größeres Risiko, kriminell oder obdachlos zu werden. Dabei reicht es an Zuwendung offenbar schon aus, wenn sich der Vater - etwa nach einer Scheidung - regelmäßig um den Sohn kümmert, auch wenn er nicht im selben Haushalt lebt. Stiefväter können ebenfalls einen positiven Einfluss haben.

Die Folgen all dieser Entwicklungen sind heute zu erkennen: Es gibt kein klares oder gar positives Bild vom Mann.

Mehr noch: "Typisch männlich" ist ein eher negatives Etikett geworden. All das sowie der Mangel an männlichen Vorbildern in Schule und Familie erschwert es Jungen, so die Ansicht vieler Experten, eine männliche Identität zu entwickeln.

"Die Probleme der jungen Männer hängen eng mit diesem Rollenverständnis zusammen"


Vermutlich gibt es viele Gründe für die Krise des männlichen Geschlechts. Letztlich aber seien die Ursachen nicht eindeutig, so der Hannoveraner Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann. Es gebe weder fertige Antworten noch elegante Erklärungen. Jungen seien immer auf der Suche nach einer Bindung, einem Halt, einer Art männlichem Sehnsuchtsbild. Dieses Vorbild aber - dieses "So will ich sein" - fehle ihnen heute. Und das mache den größten Teil der Probleme aus.

Und während die meisten jungen Frauen ihr Leben schon früh flexibel planen - also an eine spätere Kombination aus Karriere, Familie und Kinder denken -, orientiert sich die Mehrheit der jungen Männer nach wie vor an einem traditionellen Männerbild, konstatiert der Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann. Sie sähen sich als Haupternährer der Familie, der weder im Haushalt noch bei der Kindererziehung wichtige Aufgaben zu übernehmen bereit sei. Und es falle ihnen schwer, ihre soziale Rolle in der modernen Gesellschaft zu definieren.

Hurrelmann glaubt, dass die Probleme der jungen Männer eng mit diesem Rollenverständnis zusammenhängen. Seiner Ansicht nach gibt es einen archetypischen Kern von Männlichkeit, ein tief in der Persönlichkeit verankertes Muster des Rollenverhaltens (bei Frauen ein entsprechendes Muster der Weiblichkeit).

Beim Mann ist dieses Rollenverhalten durch Aktivität gekennzeichnet, es dient der Sicherung der Existenz als Individuum (bei Frauen steht die soziale, einfühlsame Lebensführung im Zentrum). Es ist mit Begriffen wie Selbstbehauptung, Abgrenzung, Ausweitung des Selbst, Eroberung des sozialen Raums, Selbstkontrolle und -disziplin verbunden.

Nach Hurrelmann müsste es für Pädagogen heute zunächst darum gehen, an dieses stereotype Rollenmuster anzuknüpfen, um es letztlich durch ein flexibleres Muster abzulösen. Dazu gehöre zum Beispiel, jungen Männern Freude am Leben in einer sozialen Gemeinschaft oder mehr Sensibilität für den eigenen Körper mit seinen Stärken und Schwächen zu vermitteln. Wichtig sei dabei, die Eigenheiten der Jungen zu berücksichtigen - etwa ihre Bedürfnisse nach Bewegung -, über neue Formen körperlicher Aktivität nachzudenken und transparente, klare Umgangsformen, Rituale und Symbole zu finden.

Andere Fachleute wie die Grundschulpädagogin Klaudia Schultheis von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt plädieren dafür, die Schulen so zu ändern, dass sich die Jungen wohler fühlen: ihnen mehr Pausen und Bewegung zuzugestehen sowie den Lehrstoff stärker zu strukturieren, ihnen mehr Gelegenheit zum Wettbewerb, mehr Anweisungen und klarere Rahmenbedingungen zu geben. Und sie verstärkt zum Bauen, Experimentieren sowie zum Hantieren mit technischen Geräten anzuregen.

Den Frauenüberschuss in der Erziehung hält Schultheis dagegen nicht für das entscheidende Problem: "Es ist bekannt, dass Jungen auf Männer anders reagieren, zum Beispiel aufmerksamer sind, und dass die Männer eine Vorbildfunktion haben. Aber wir wissen bislang nicht, ob es sich nachteilig auswirkt, wenn Jungen in der Grundschule nur von Frauen unterrichtet werden. Dazu gibt es kaum Forschungsergebnisse."

Die Eichstätter Forscherin betont, dass man die Geschlechter entsprechend ihrer Lernstile und Lernbedürfnisse unterschiedlich zu behandeln habe. Es müsse eine "geschlechtersensible" Schule geben, und Klaudia Schultheis glaubt, dass es möglich ist, Lehrerinnen einen Unterrichtsstil zu vermitteln, der auch den Jungen entspricht.

Bei allen Schwierigkeiten der kleinen Männer darf ohnehin eines nicht vergessen werden: Frauen sind längst nicht überall im Vorteil, vor allem nicht später im Leben. So haben fünf Jahre nach Beendigung des Studiums mehr Männer als Frauen eine Arbeitsstelle, obwohl anfangs mehr Studentinnen als Studenten an den Start gingen. Und der weibliche Anteil bei den erfolgreichen Promotionen liegt deutlich unter 50 Prozent.

Auch wenn es ums Geld geht, herrscht noch lange keine Gleichheit: Im Jahr 2005 verdienten weibliche Angestellte durchschnittlich 29 Prozent weniger Geld als ihre männlichen Kollegen. Selbst für vergleichbare Tätigkeiten bekamen Frauen ein um 17 Prozent geringeres Gehalt als Männer.

Klaudia Schultheis formuliert es so: "Wenn Jungen die Schule erst einmal durchlaufen haben, stellen sich ihnen keine Probleme mehr."

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