Männer in der Sinnkrise: Das vergessene Geschlecht

Von Henning Engeln

Jungen unterliegen Mädchen in vielen Schuldisziplinen, erweisen sich als unflexibler, gewalttätiger und anfälliger für Krankheiten. Kurz: Das einst so stolze starke Geschlecht schwächelt. Forscher finden verblüffende Erklärungen für den Niedergang.

Die Wilma-Rudolph-Oberschule im Berliner Stadtteil Zehlendorf gerät im Juni 2008 in die Schlagzeilen. Zwei 14-Jährige drängen einen 13-jährigen Mitschüler in die Jungentoilette, schlagen ihn und filmen die Attacke mit dem Mobiltelefon. Sie wollten den Jungen offenbar mit Gewalt dazu anstiften, anderen Schülern ihre Telefone zu rauben.

Prügelnde Jungen in der Schule (Symbolbild): Aggressionen eines Auslaufmodells der Natur?
DPA

Prügelnde Jungen in der Schule (Symbolbild): Aggressionen eines Auslaufmodells der Natur?

Bereits im Juni des Vorjahres haben Jugendliche in Berlin eine 58-jährige Lehrerin mit einer Stahlrute angegriffen, um ein schlechtes Zeugnis verschwinden zu lassen. Im Jahr davor ist der Leiter einer Grundschule niedergeschlagen worden, und ein Zwölfjähriger hatte einer 62-jährigen Lehrerin so heftig ins Gesicht geschlagen, dass sie mit einer Platzwunde über dem Auge im Krankenhaus behandelt werden musste.

Offenbar hat die Bereitschaft zugenommen, Konflikte körperlich aggressiv und mit Brutalität zu lösen - zumindest innerhalb einer kleineren Gruppe von Jugendlichen, die zudem immer jünger werden. (Ob Kinder und Jugendliche allgemein gewalttätiger geworden sind oder sich vielleicht nur die Wahrnehmung durch Öffentlichkeit und Medien verändert hat, ist umstritten; immerhin wurde laut einer Studie der Universität Bochum von 2005 jeder siebte Achtklässler bei Prügeleien so drangsaliert, dass er ärztlich behandelt werden musste.)

Fest steht zudem: Aggression ist ein Problem, das vor allem die Jungs betrifft - unter den Tatverdächtigen bei Körperverletzungen sind 83 Prozent Jungen. Parallel dazu gibt es weitere beunruhigende Daten und Fakten über das männliche Geschlecht. Sie offenbaren eine besorgniserregende Entwicklung.

So sind Jungs drei- bis neunmal häufiger als Mädchen von der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung betroffen (die Angaben schwanken je nachdem, welche diagnostischen Kriterien angewendet werden). Und Schätzungen zufolge kommen auf ein Mädchen mit Leseschwäche zwei bis drei Jungen.

Noch dramatischer ist die schulische Bilanz der Jungs: Sie sind später schulreif, bringen schlechtere Leistungen, bleiben häufiger sitzen und brauchen mehr Nachhilfeunterricht. An Haupt-, Sonder- und Förderschulen machen Jungen heute rund 70 Prozent der Schüler aus.

Und: Unter den rund 80.000 Jugendlichen, die pro Jahr die Schulen ohne Abschluss verlassen, sind doppelt so viele männliche wie weibliche Schüler. Zudem erreichten 2006 von den 18- bis 21-Jährigen nur 26,1 Prozent der Jungen die Hochschulreife, während es bei den Mädchen 33,8 Prozent waren.

Galt das männliche Geschlecht früher als das durchsetzungsfähigere, manchmal auch "überlegene", zumindest aber dominierende, haben sich die Verhältnisse offenbar grundlegend gewandelt.

Was sind die Ursachen dafür? Werden Jungen benachteiligt, so eine verbreitete These, weil sie heutzutage überwiegend unter weiblicher Regie aufwachsen? In Kindergarten und Grundschule erziehen inzwischen fast ausschließlich Frauen, und zu Hause dominieren die Mütter, während Väter häufig stark von ihren Jobs beansprucht werden - oder gar getrennt von der Familie leben.

Hat sich die Gesellschaft zu sehr auf die Förderung von Mädchen konzentriert und dabei die Jungen vergessen? Oder berührt das Problem viel grundsätzlichere Fragen?

Denn das, was einst als typisch männlich galt, scheint heute nicht mehr zeitgemäß zu sein - weil sich die Gesellschaft gewandelt hat. Vielleicht ist das früher "starke" Geschlecht einfach nicht flexibel genug, um sich an die moderne Welt anzupassen.

Mehr noch: Womöglich sind Männer aufgrund ihrer archaischen biologischen Ausstattung dazu gar nicht in der Lage. Dann wären sie sozusagen ein Auslaufmodell.

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