Wahrnehmung Männer und Frauen blicken unterschiedlich auf Gesichter

Entgegen aller Vorurteile verbringen Männer viel Zeit damit, die Augen ihres Gegenübers zu studieren. Frauen dagegen schauen eher auf Nase und Mund, zeigt eine Studie. Die Forscher erklären das mit dem unterschiedlichen Umgang mit einer potentiellen Gefahr.

DPA

Schau mir in die Augen, Kleines: Wohin Menschen beim ersten Blickkontakt gucken, wird laut einer Studie vom Geschlecht beeinflusst. Männer sehen bei Gesichtern von Menschen oder Tieren zuerst und fast ausschließlich auf die Augen. Frauen richten ihren Blick dagegen etwas tiefer: Sie betrachten eher Nase oder Mund, wie britische Forscher im Fachmagazin "PloS One" berichten.

In einem Experiment wurden 52 Männern und Frauen 80 verschiedene Motive gezeigt - darunter Schnappschüsse aus Tierdokumentationen, Liebes- oder Actionfilmen sowie Fotos von abstrakten und figürlichen Gemälden. Die Probanden sollten bewerten, wie gut ihnen das Bild gefiel, wie aufregend sie es fanden und wie viel Bewegung es enthielt. Während des Prozesses wurde die Blickrichtung der Teilnehmer mit einem Eyetracker aufgezeichnet.

Das Ergebnis: Waren Menschen abgebildet, schauten beide Geschlechter länger auf Frauen. Während der Blick der Männer aber an deren Gesichtern hängen blieb, musterten die weiblichen Probanden den gesamten Körper ihrer abgebildeten Geschlechtsgenossin.

"Normalerweise fixierten die Probanden in den Bildern einen bis fünf Hot Spots, also Bereiche von besonderem Interesse", schreiben Felix Mercer Moss und Kollegen von der University of Bristol. Männer hätten diese Bereiche jeweils etwas kürzer fixiert als Frauen, machten dafür aber mehr kleine Augenbewegungen. "Frauen erkunden visuell mehr und interessieren sich optisch für mehrere Details", heißt es in der Studie.

Der direkte Blick in die Augen kann Aggression ausdrücken

Der größte Unterschied zwischen den Geschlechtern sei beim Betrachten von Porträts aufgefallen. Dort liege der wichtigste Hot Spot normalerweise auf der Augenpartie. Entsprechend den Erwartungen hätten die männlichen Probanden diesen Bereich am längsten und intensivsten fixiert. Die Frauen dagegen schauten diese Hot Spots nicht direkt an, ihr Blick war leicht nach unten versetzt. Sie blickten eher auf Nase und Mund, besonders dann, wenn sie zuvor aufgefordert worden waren, die Bilder auf ihre emotionale und potentiell bedrohliche Wirkung hin zu bewerten.

Mögliche Erklärung: Der direkte Blick ins Auge eines Gegenübers signalisiere - auch im Tierreich - oft Aggression. "Die Frage: 'Was guckst du so?' ist oft eine Herausforderung und Einleitung zu einem Kampf", so die Wissenschaftler. Ihrer Ansicht nach gehen Männer eher das Risiko einer solchen Herausforderung ein. Frauen reagierten sensibler auf potentielle Bedrohungen. Sie neigten daher dazu, den direkten Blick in die Augen eines unbekannten Gegenübers zu vermeiden.

"Die Ergebnisse zeigen, dass Männer und Frauen die Welt ganz unterschiedlich betrachten", so Moss und sein Team. Selbst wenn sich beide Geschlechter in der gleichen Umgebung aufhielten, sei das, was sie von ihr wahrnehmen, nicht gleich.

Im Versuch sei es anhand der Blick-Aufzeichnungen eines unbekannten Probanden möglich gewesen, Männer und Frauen immerhin mit 64-prozentiger Treffsicherheit voneinander zu unterscheiden.

jme/dapd



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