Mäuse-Experiment: Heftige Immunabwehr fördert Blasenentzündung

Forscher haben eine neue Erklärung für ein lästiges Frauenleiden: Nicht etwa ein zu schwaches, sondern ein übereifriges Immunsystem begünstigt Blasenentzündungen. Offenbar tut sich der Körper bei Harnwegsinfektionen schwer, die richtige Abwehrbalance zu finden.

Blasengewebe in Mäusen: Meist verursachen Darmbakterien Infekte der Harnwege Zur Großansicht
Thomas Hannan

Blasengewebe in Mäusen: Meist verursachen Darmbakterien Infekte der Harnwege

Es ist vor allem unter Frauen der Ratschlag Nummer eins gegen Blasenentzündungen: Warm anziehen und das Becken vor Unterkühlung schützen, denn bei Nässe und Kälte sinkt die Durchblutung. Die Folge: Der natürliche Abwehrschutz der Schleimhäute nimmt ab. Darmbakterien und andere Keime können leichter in Harnröhre und Blase eindringen.

Aktuelle Forschungsergebnisse werfen jetzt jedoch Zweifel an dieser Vorstellung auf: Während Männer nur selten betroffen sind, erleidet etwa jede zweite Frau im Lauf ihres Lebens mindestens eine Blasenentzündung. Tatsächlich wird sie in den meisten Fällen durch die im Darm heimischen E.-coli-Bakterien hervorgerufen. Während bei einigen Frauen die Infektion problemlos abheilt, entwickeln andere chronische Entzündungen - und werden immer wieder befallen.

Eine neue Theorie, warum das so sein könnte, haben Forscher um Thomas Hannan von der Washington University in St. Louis (US-Bundesstaat Missouri) im Fachmagazin "PLoS Pathogens" veröffentlicht. Demnach haben häufig Entzündungsgeplagte möglicherweise eher ein übereifriges als ein zu schwaches Immunsystem.

Das schließen die Wissenschaftler aus Experimenten mit Mäusen, die sie gezielt mit typischen Erregern von Harnwegsinfektionen infiziert hatten. Vor allem jene Tiere waren anfällig für eine chronische Entzündung, deren Immunsystem besonders heftig auf die erste Infektion reagierte. Schlüsselfaktoren waren dabei offenbar ein Rezeptor namens TLR4 und eine Gruppe weißer Blutkörperchen, wie weitere Versuche zeigten: Waren diese entweder medikamentös oder durch eine genetische Veränderung unterdrückt, entwickelten die Tiere praktisch nie chronische Blasenentzündungen.

Auch einen Zusammenhang zwischen den chronischen Entzündungen und einem häufigen Wiederaufflammen der Infektionen konnten die Forscher nachweisen: Die für die chronischen Verläufe anfälligen Tiere neigten später signifikant häufiger zu erneuten Entzündungen.

Es sei für den Körper anscheinend schwierig, die Immunreaktion bei einer Infektion der Harnwege richtig auszubalancieren, schreiben die Forscher: Sie muss so stark sein, dass sie die Erreger eliminiert, ohne aber das Gewebe zu beschädigen und damit folgenden Infektionen Tür und Tor zu öffnen. Diese Balance gelingt offenbar nicht immer - nicht nur bei Mäusen, sondern wahrscheinlich auch beim Menschen, meinen die Forscher. Sollte sich das in weiteren Studien bestätigen, gäbe es möglicherweise bereits einen Ansatzpunkt, wie sich besonders anfällige Frauen identifizieren lassen: Bei den empfindlicheren, nicht aber bei den resistenten Mäusen war etwa 24 Stunden nach der Infektion ein Entzündungsmarker namens IL-5 im Blut stark angestiegen.

Der Grund, warum Frauen häufiger von Harnwegsinfekten betroffen sind als Männer, hat übrigens anatomische Gründe: Harnröhre, Scheide und Anus liegen enger beieinander - Bakterien gelangen leichter in die Harnwege.

cib/ddp

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Titel
Gabri, 13.08.2010
Wenn das so ist und vieles spricht dafür, dann wäre das Mittel der Wahl doch eine genügend lange Antibiotikum-Behandlung, die die Immunabwehr lange genug in ihren Bemühungen unterstützt. Viele Medikamente zur Behandlung von (leichten) Harnwegsinfekten geben aber nur 3, höchstens 5 Tage vor (N1). Das wäre demnach eindeutig falsch, mindestens 10 Tage sind angebracht plus Kontrolle nach 2 bis 3 Tagen, ob der Erreger nicht bereits gegen das Mittel resistent ist, was relativ oft vorkommt, und dann sofortiger Wechsel.
2. Diese Sachen bringt man doch nahezu sofort weg.
blob123y 13.08.2010
Man darf nicht bloss zu lange zaudern. Die Loesung heisst doxyciclin oder Nachfolger. Was man nicht vergessen darf ist nach Einnahme viel Fluessigkeit runterschlucken. Ist eigentlich egal was, Bier ist das Beste da dies kurzfristig durchlaeuft und den Rest von dem Zeug wieder aus dem Koerper spuelt.
3. Na endlich...
Inoa 16.08.2010
...forscht mal jemand an diesem Thema. Ich bin fast aus allen Wolken gefallen, als ich erfahren musste, dass es über dieses weit verbreitete Ärgernis quasi keinerlei fundierte Studien gibt. Hoffentlich greifen andere Forscher und dann die Pharmafirmen die Ergebnisse auf!
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