Magen-Darm-Spiegelungen Dämmermittel mit Tücken

Riskante Vorsorge? Jedes Jahr lassen sich drei Millionen Menschen in Deutschland Magen und Darm spiegeln. Doch die verwendeten Narkosemittel sind schwierig zu kontrollieren - bei falscher Dosierung drohen Herzversagen und Koma. Zwar gibt es eine Lösung, aber die ist vielen Kliniken zu teuer.

Von Andrea Peus


Es kostet schon ein wenig Überwindung, sich für eine Darmspiegelung zu entscheiden. Als Vorsorgeuntersuchung soll sie kleine Wucherungen sichtbar machen, die später zu Krebs entarten könnten. Der Arzt kann diese dann noch währenddessen entfernen. Auch zur Nachsorge nach Tumor-Operationen und bei auffälligen Befunden raten Mediziner zu der sogenannten Koloskopie. Diese Argumente bringen jedes Jahr immerhin rund drei Millionen Menschen in Deutschland dazu, ihren Magen-Darm-Trakt spiegeln zu lassen.

Magen-Darmspiegelung: Jedes Jahr rund drei Millionen Patienten
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Magen-Darmspiegelung: Jedes Jahr rund drei Millionen Patienten

Was viele Patienten allerdings nicht wissen: Bei dem Eingriff verwenden die Ärzte Narkosemittel, die nicht ganz einfach zu kontrollieren sind. Ganz ohne Beruhigungs- und Schmerzmittel ist die Prozedur jedoch zu schmerzhaft. Deshalb lassen sich fast 90 Prozent in einen Dämmerschlaf versetzen.

Seit über zehn Jahren verwenden Mediziner dafür eine Arznei, die sie zunächst für ein wahres Wundermittel hielten: Propofol. Das Anästhetikum begeisterte Ärzte wegen seiner rasch einsetzenden Wirkung und der guten Verträglichkeit. Hinzu kommt, dass sich die Patienten nach einer Propofol-Sedierung so schnell erholen, dass sie theoretisch schon bald wieder fahrtauglich sind.

Das bis dahin gängige Midazolam kann dabei nicht mithalten. Das Kurzhypnotikum lässt die Patienten zwar entspannt vor sich hinschlummern, hat aber auch einen gravierenden Nachteil: Es wirkt, ebenso wie Propofol, nicht schmerzlindernd. Ihre Erfahrungen mit der Arznei offenbarten Mediziner in anonymen Umfragen: Darin bestätigten 98 Prozent, dass ihre mit Midazolam beruhigten Patienten vor Schmerzen stöhnten, schrien (48 Prozent) und sich heftig gegen die Behandlung wehrten (91 Prozent). Bei einigen musste die Untersuchung sogar abgebrochen werden. Dass sich nie jemand beschwerte, lag einzig daran, dass sich die Patienten für die Zeit der Wirkdauer an nichts mehr erinnern konnten – auch nicht an die Qualen.

"Die Ärzte sind das Risiko"

Umso größer war die Begeisterung, als Propofol 1996 auf dem deutschen Markt zugelassen wurde. Doch die Ruhe um die friedlich dahindämmernden Patienten währte nicht lange. Bei Eingriffen mit der vermeintlich gut verträglichen Arznei gab es immer wieder Komplikationen. Auch das Deutsche Ärzteblatt berichtete von katastrophalen Nebenwirkungen wie Nieren- und Herzversagen.

Das Problem ist: Propofol verfügt über eine enge therapeutische Breite. Das heißt, dass die Grenze zwischen Wirkungslosigkeit und Überdosierung schmal ist. Statt die Patienten wie gewünscht nur in einen Dämmerschlaf zu lullen, schnellt das Mittel leicht über das Ziel hinaus - der Schlafende fällt ins Koma. Für die Patienten ist das eine hochgefährliche Situation, da ihre Schutzreflexe wie Schlucken und Husten in diesem Zustand stark beeinträchtigt sind. Dabei kann es zu Atemstillstand, Blutdruckabfall, aber auch zu Herzkreislaufversagen bis hin zum Tod kommen.

Die Gastroenterologen brauchen bei ihren Untersuchungen eigentlich die Hilfe eines Anästhesisten, der Blutdruck und Atmung des Patienten überwacht. "Es erfordert höchste Konzentration, eine Darmspiegelung durchzuführen", warnt Uwe Schulte-Sasse, Anästhesist und Intensivmediziner vom Klinikum Heilbronn. Da könne ein Internist nicht auch noch die Arbeit eines Anästhesisten leisten. "Das kann einfach nicht gut gehen", meint Schulte-Sasse. Er hält eine derartige Doppelbelastung der Gastroenterologen für "unverantwortlich, ja katastrophal".

"Der Risikofaktor ist nicht das Propofol, es sind die Ärzte, die es anwenden", meint auch Alexander Meining, Leiter des Gastrointestinalen Funktionslabors am Münchner Klinikum Rechts der Isar. Einige Mediziner setzen sich daher für eine ganze Reihe von Sicherheitsmaßnahmen ein, wie zusätzlich geschultes Personal, kontinuierliche Überwachung und für den Notfall vorhandene Beatmungsgeräte. In diversen Studien, die weltweit an insgesamt 200.000 Patienten durchgeführt wurden, konnten Mediziner nachweisen, dass die Patienten unter diesen Voraussetzungen tatsächlich wenig zu befürchten haben. Und: Propofol erwies sich dabei als deutlich sicherer als das bis dahin gängige Midazolam.

"Die juristische Grauzone verlassen"

Doch längst nicht alle Ärzte und Kliniken beherzigen diese Vorsichtsmaßnahmen. Vor allem aus Personal- und Kostengründen sperren sich einige Krankenhäuser gegen eine solche Forderung. Hinzu kommt, dass bis vor kurzem kein medizinischer Standard für den Umgang mit dem hochsensiblen Mittel formuliert worden war. Selbst in den sogenannten Waschzetteln halten sich die Propofol vertreibenden Firmen bedeckt. "Wir müssen uns dringend darum kümmern, die juristische Grauzone zu verlassen", forderte Andreas Sieg, Gastroenterologe aus Heidelberg, noch Ende letzten Jahres auf einem Fachkongress.

Kurz vor Weihnachten haben die Ärzte nun einen wichtigen Schritt getan: Nach monatelangen Zusammenkünften haben sich verschiedene Fachgruppen - unter ihnen Gastroenterologen, Anästhesisten und Endoskopiker - auf eine gemeinsame Leitlinie geeinigt. Neben den bekannten Sicherheitsvorkehrungen, wie Monitoring und Beatmungsmaßnahmen, soll in Zukunft nicht nur ein eigens geschultes Team anwesend sein, sondern in kritischen Fällen auch ein intensivmedizinisch ausgebildeter Gastroenterologe oder ein Anästhesist.

Doch die Umsetzung erfordert Personal und kostet vor allem Geld. Ob sich alle Kliniken darauf einlassen werden, ist fraglich. Hinzu kommt, dass Personal extra ausgebildet werden muss. Noch ist die Leitlinie jung, es wird vermutlich eine Weile dauern, bis die neuen Regeln durchsickern. Der Münchner Gastroenterologe Winfried Roland Schatke befürchtet daher: "Letztlich wird es erstmal weiterlaufen wie bisher, man kann nur hoffen, dass nicht allzu viel passiert."



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