Magic Mushrooms: Pilz-Trip kann Stimmung dauerhaft heben

Auch Monate nach einem Pilz-Trip können positive Effekte anhalten: Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit sind einer Studie zufolge noch ein Jahr später nachweisbar. Ein Freibrief für Selbsttests ist das jedoch nicht.

Urs Blank wird nach einem Pilz-Trip zum Mörder. Der Wirtschaftsanwalt verliert die Kontrolle und findet sich in der Gesellschaft nicht mehr zurecht. Während der Protagonist in Martin Suters Roman "Die dunkle Seite des Mondes" auf seinem schlechten Trip hängen bleibt, können sogenannte Zauberpilze (Magic Mushrooms) in der Realität hingegen möglicherweise dauerhaft positive Wirkungen haben.

Bekannt sind die Pilze vor allem, weil sie bei psychisch labilen Menschen mit einer depressiven Grundstimmung Horrortrips auslösen können. Mitunter halten die Wahrnehmungsstörungen und Halluzinationen an - die Person ist auf dem Trip "hängen geblieben" oder hat immer wieder negative Flashbacks. Aber auch bei psychisch gefestigten Menschen können Magic Mushrooms Nebenwirkungen wie Schwindel, Übelkeit und Erbrechen auslösen.

Jetzt gibt es allerdings eine neue Sichtweise auf die Welt der Zauberpilze: In einer kleinen Studie zur Wirkung von halluzinogenen Drogen bewerteten zwei von drei Teilnehmern die Wirkung der psychoaktiven Substanz Psilocybin aus Pilzen auch 14 Monate nach der Einnahme noch positiv: Sie bezeichneten das Erlebnis als die wichtigste oder zumindest eine der fünf bedeutendsten spirituellen Erfahrungen in ihrem Leben.

"Ich fühle mich zentrierter und habe nicht mehr diese Selbstzweifel wie früher", sagt etwa die heute 66-jährige Dede Osborn. Die Wirtschaftsberaterin ist eine von 36 Versuchspersonen, die alle "regelmäßig an religiösen/spirituellen Aktivitäten teilnahmen", aber eigenen Angaben zufolge keine Vorerfahrungen mit Halluzinogenen hatten.

Zu der Studie hatten sich alle freiwillig gemeldet. In einem Labor der Johns Hopkins University in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland) bekamen sie psychoaktive Substanzen, die auch in Pilzen vorkommen. Die Forscher um den Psychiater Roland Griffith hatten 2006 in der Fachzeitschrift "Psychopharmacology" von ihren Versuchen berichtet und viel Aufsehen erregt: Ziel der Wissenschaftler war, die Wirkungen der Inhaltsstoffe von Magic Mushrooms in kontrollierten Laborbedingungen zu untersuchen.

Panik und größte Glückgefühle

60 Prozent der Probanden gaben an, durch die Einnahme von Psilocybin eine "richtig mystische Erfahrung" gehabt zu haben. Psilocybin ist ein Alkaloid, das die Wirkung des körpereigenen Botenstoffes Serotonin imitiert. Das kann zu Halluzinationen, Angst und Panikattacken führen, aber auch größte Glückgefühle auslösen. "Ich fühlte mich, als würde ich abheben", beschreibt Dede Osborn ihren Trip. Teilweise wirkt ihre Schilderung für Außenstehende allerdings durchaus beunruhigend: Sie sah bunte Farben, hatte plötzlich das Gefühl, ihr Herz werde zerrissen und empfand dabei Schmerzen ähnlich wie bei einer Geburt. Osborn: "Das war schön und ekstatisch zugleich."

14 Monate später gaben 64 Prozent der Teilnehmer an, sich noch immer wohler zu fühlen als vor dem Drogenerlebnis: Sie seien allgemein zufriedener, kreativer, selbstsicherer, flexibler und optimistischer. "Diese Aussagen sind sehr erstaunlich", meint Studienleiter Griffith, der seine Ergebnisse jetzt im Fachmagazin " Journal of Psychopharmacology" veröffentlicht hat. "In der psychologischen Forschung gibt es selten so anhaltend positive Berichte von einem einzelnen Erlebnis."

Was Wissenschaftler bislang über die Wirkung von halluzinogenen Substanzen aus Pilzen wissen, stammt einerseits aus Beschreibungen von Personen, die einen Pilz-Trip erlebt haben. Beobachtungen auf molekularer Ebene fanden andererseits im Labor statt. Dazwischen liegt das unkontrollierte Feld der psychischen und physiologischen Vorgänge im Menschen. "Diese Lücke ist riesig, weil die Wissenschaft am Forschungsobjekt Mensch nach den Drogenexzessen der sechziger Jahre für fast 40 Jahre wie eingefroren war", sagte Roland Griffith.

Neue Richtlinien für Versuche mit Psychopharmaka

Die aktuelle Untersuchung eröffnet nach Einschätzung der Johns-Hopkins-Wissenschaftler nun das Forschungsfeld für neue Studien: "Unter kontrollierten Bedingungen mit adäquater Überwachung können Halluzinogene mit einem ähnlichen Sicherheitsstandard gegeben werden wie Medikamente in der Pharmaforschung", schreibt Mathew Johnson in einem begleitenden Artikel im "Journal of Psychopharmacology". Der Professor für Psychopharmakologie an der Johns Hopkins University und seine Kollegen erstellen in ihrem Aufsatz Richtlinien, wie Untersuchungen auf diesem Feld in Zukunft gestaltet werden könnten. Probanden mit psychischen Erkrankungen müssten beispielsweise ausgeschlossen werden.

Außerdem müsse vor, während und nach der Einnahme der Substanz für eine sichere Umgebung und eine geborgene, Vertrauen schaffende Atmosphäre gesorgt werden. So soll das individuelle Risiko möglichst klein gehalten werden, einen schlechten Trip zu erleben. Denn der kann übel enden - im schlimmsten Fall so wie bei Urs Blank.

hei/AP

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