Magische Vibration Wie man Hüftspeck in Sekunden wegzaubert

Wahrnehmungsforscher können nicht nur Augen und Ohren mit Illusionen verwirren, auch der Körper selbst lässt sich ganz einfach austricksen. Jetzt stellten Wissenschaftler fest, wo im Gehirn armlange Nasen, eingebildete Salti und wundersamer Hüftspeck-Schwund entstehen.


Unser Körper lässt sich sehr leicht in die Irre führen. Vermeintliche Gewissheiten können mit Hilfe simpler Manipulationen hinweggefegt werden. Der Körper kann auf unheimliche Reisen durch nicht vorhandene Räume geschickt, seine wahrgenommene Form verändert werden. Allein indem sie die Sehnen etwa der Hand- und Fußgelenke auf die richtige Weise in Vibration versetzen, verschaffen manche Wahrnehmungspsychologen ihren Versuchspersonen äußerst surreale Erfahrungen.

Heidi Klum: Hüftspeck auch ohne Vibration wieder losgeworden
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Heidi Klum: Hüftspeck auch ohne Vibration wieder losgeworden

"Wenn die Achillessehnen mit verbundenen Augen fest angeschnallter Probanden in Vibration versetzt wurden, nahmen die Versuchspersonen eine Kippbewegung ihres Körpers nach vorne wahr", beschrieb James Lackner von der Brandeis University eines seiner Experimente. "Manche Versuchspersonen erlebten sogar eine fortgesetzte Rotation ihres Körpers um 360 Grad." Lackner ist der Entdecker der sogenannten "Pinocchio-Illusion". Die heißt so, weil mit den richtigen Vibrationen auch die Wahrnehmung des eigenen Körpers verändert werden kann - zum Beispiel das Gefühl, die eigene Nase sei plötzlich zehnmal länger.

Lackner verband dazu seinen Probanden wiederum die Augen, und bat sie, mit Daumen und Zeigefinger ihre Nasenspitze zu fassen. Gleichzeitig verwirrte er den Bizeps des entsprechenden Arms mit Vibrationen. Schon nach einigen Sekunden berichteten die Versuchspersonen, ihre Nasen seien gewachsen - bis hin zu einer gefühlten Länge von 30 Zentimetern.

Unser sechster Sinn ist des Rätsels Lösung

Gelogen hatten die Versuchspersonen nicht. Sie waren einer Sinnestäuschung zum Opfer gefallen, die ein Wahrnehmungsorgan betrifft, das die meisten Menschen gar nicht als solches kennen - unser sechster Sinn gewissermaßen. In unseren Muskeln sitzen kleine Sensoren, die sogenannten Muskelspindeln. Sie messen permanent den Dehnungszustand der Muskulatur und teilen ihrem Besitzer so mit, in welcher Lage sein Körper sich gerade befindet. Kontrollierte Bewegungen wären ohne diesen "Lagesinn" praktisch unmöglich.

Aber ebenso, wie sich der Gesichtssinn mit optischen Täuschungen hinters Licht führen lässt, kann man die Muskelspindeln mit Vibration austricksen. Bei der "Pinocchio-Illusion" fühlt sich der Arm gewissermaßen gestreckter an, als er eigentlich ist - und deshalb wird die Nase als überlang wahrgenommen.

Menschen mit zu viel Hüftspeck kann die Vibration sogar kurzzeitig das Gefühl vermitteln, gertenschlank zu sein: Werden die Sehnen an den Handgelenken entsprechend bearbeitet, fühlen sich die Gelenke stärker gebeugt an, als sie es wirklich sind. Wenn die Versuchsperson ihre Hände dann in die Hüften stemmt, fühlen die sich plötzlich viel schlanker an als zuvor - allerdings nur vorübergehend.

Um ein Viertel verschlankt

Henrik Ehrsson vom University College London hat jetzt diese magische Hüftspeck-Reduktion im Gehirnscanner untersucht. Seine Probanden erlebten ihre Taille als etwa ein Viertel dünner als in der Realität, nachdem man ihre Handgelenke mit Vibration bearbeitet hatte. Gleichzeitig stellte Ehrsson mit Hilfe eines Magnetresonanzscanners fest, dass eine bestimmte Hirnregion der Versuchspersonen dabei offenbar eine wichtige Rolle spielte. Der sogenannte posteriore parietale Kortex war desto aktiver, je mehr die Versuchspersonen sich fälschlich verschlankt fühlten, berichten Ehrsson und seine Kollegen im Fachblatt "Public Library of Science Biology" (Bd. 3/12).

Diese Bereiche knapp hinter der sogenannten Zentralfurche, die die vordere Hälfte des Gehirns von der hinteren trennt - etwa in der Gegend, über der bei Mönchen die Tonsur sitzt - berechnen vermutlich "die relative Größe und Form von Körperteilen", indem sie Informationen aus verschiedenen Sinneskanälen miteinander verrechnen, schreiben Ehrsson und Kollegen. Die Ergebnisse seien "direkte neurophysiologische Belege dafür, dass der Parietalkortex an der Konstruktion unseres Körperbildes beteiligt ist".

Von außen betrachtet allerdings, und das ist der Haken, ändert sich durch die Vibration gar nichts am Hüftumfang. Da hilft nur, sich bei Christstollen und Weihnachtsplätzchen zurückzuhalten - und seine Sehnen vielleicht statt experimentell lieber mit einer gelegentlichen Runde um den Block in Vibration zu versetzen.

Christian Stöcker



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