Malen mit Gedanken Hirn an Rechner, bitte mehr Blau!

SPIEGEL ONLINE

Von Isabelle Bareither

2. Teil: Eine Frage der richtigen Hirnstromwelle


Das Prinzip der Gedankensteuerung, die aus einem stummen Betrachter auch einen Maler machen kann, ist ein Phänomen, das schon seit vielen Jahren bekannt ist: Eine bestimmte Hirnreaktion, Experten nennen sie die P300-Antwort, die man mit Hirnstrommessgeräten gut beobachten kann. Andrea Kübler kennt diese Hirnreaktion gut. Sie äußert sich in einer charakteristischen Hirnstromwelle rund 300 Millisekunden nach einem abweichenden Ereignis. Wie etwa bei einem aus der Reihe tanzenden Ton innerhalb einer ansonsten harmonischen Melodie. Ertönt er, folgt eine P300.

In den sechziger Jahren wiesen die amerikanischen Psychologen Emanuel Donchin und Lawrence Farewell erstmals nach, dass sich die P300 für die Steuerung von BCI eignet. Mit der Verbesserung von Computersystemen sei um die Jahrtausendwende ein regelrechter Boom um BCI's und die P300-Welle entstanden, sagt Kübler.

Für das Brain Painting haben die Wissenschaftler den Computer so programmiert, dass die verschiedenen Maloptionen hintereinander aufleuchten. Trifft das Leuchten diejenige Option, auf die sich der Proband konzentriert, ist das ein abweichendes Ereignis - und das Gehirn reagiert mit der P300-Welle.

Kübler hat damit begonnen, das System zu evaluieren. Ihre Ergebnisse hat sie jetzt in der Fachzeitschrift "Frontiers in Neuroprosthetics" veröffentlicht. Darin berichtet sie, wie der Künstler Hoesle ein früheres Bild reproduzieren konnte. Das zeige, dass die Hirnbilder keine Zufallsprodukte sind. Auch die Anwendbarkeit am Patienten hat sie in zwei Fällen untersucht.

Ganz ausgereift ist die Methode aber noch nicht: Die Matrix sei noch beschränkt - und damit die künstlerische Freiheit. "Außerdem ist die Elektrodenkappe nicht ideal für Patienten", sagt Kübler. Mit Hilfe der Kappe werden die Elektroden am Kopf befestigt. Für eine bessere Leitfähigkeit wird zusätzlich Gel zwischen Kopfhaut und Elektroden gespritzt. Die Kappe ist unbequem und das Gel schmierig, so dass die Haare nach dem Malen gewaschen werden müssen.

"Nur vom Stil der alten Meister muss ich mich etwas frei machen"

Angela Jansen hat sehr lange Haare, den zusätzlichen Aufwand nimmt sie aber der Kunst zuliebe in Kauf. Vor 15 Jahren wurde bei der ehemaligen Pädagogin ALS diagnostiziert, inzwischen kann sie nur noch ihre Augen bewegen. Das reicht, um mit einem Sprachcomputer flink zu kommunizieren, aber nicht, um Kreatives zu schaffen, weswegen auch sie gerne mit ihrem Gehirn malt.

Empfohlen wurde der 55-Jährigen das Brain Painting von ihrem behandelnden Arzt Thomas Meyer von der ALS-Ambulanz der Charité Berlin. Er kennt den Künstler Hoesle seit Jahren, hat das Brain Painting bisher aber nur zweien seiner rund 400 Patienten angeboten. "Ich würde es aber vermehrt empfehlen, wenn die Methode ausgereift ist", fügt er hinzu. Angela Jansen sei eine besondere Patientin, sagt er, aufgeschlossen für Neues. Deswegen habe er sie auch 2004 für ein Theaterstück von Christoph Schlingensief vorgeschlagen.

Damals kommentierte die zweifache Mutter das Stück aus ihrem Bett inmitten des Auditoriums heraus - allein durch Augenbewegungen und mit ihrem Schriftcomputer. Jetzt malt sie mit Gedankenkraft. Schwer sei es nicht, sagt sie, man nutze sein Gehirn wie jeder andere Maler, hampele dabei nur nicht so herum. "Nur vom Stil der alten Meister muss ich mich etwas frei machen", tönt in ihrem Berliner Wohnzimmer die Computerstimme, die sagt, was ihre Augen aufschreiben.

Die Künstlerin und ALS-Patientin Sonja Balmer ist ähnlich begeistert. Sie ist seit über zehn Jahren erkrankt, seit sieben Jahren kann sie keine Öl-, Acryl- oder Aquarellbilder mehr malen. Sie habe es immer wieder versucht, nur wollte die Hand nicht. "Als vor einigen Wochen mein erstes Brain-Painting-Bild entstand, spürte ich wieder dieses Kribbeln im Bauch, ähnlich dem Verliebtsein", erzählt sie. "Es hat mich unglaublich durchgeschüttelt, zurechtgeschüttelt: Ich konnte wieder Gefühle spüren, meiner Kreativität Ausdruck verleihen."

Auch Adi Hoesle hat früher selbst mit Öl auf Leinwänden gemalt. Ob ihm das Greifbare, die Farben, die Paletten voll Mischfarben, die Bewegungen des Malens nicht fehlen? "Nein", sagt Hoesle, das Gefühl etwas zu schaffen habe er auch, vielleicht viel intensiver. Er wandere während des Malens in eine Art Kokon, erlebe eine intensive Selbstwahrnehmung. "Das ist doch eine romantische Vorstellung von Öl und Terpentingeruch, dem der mit Farben Malende hinterher hängt", sagt er und fragt: "Wie lange wollt ihr noch archaisch malen?".



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tinosaurus 19.11.2010
1. Malen mit Gedanken:Hirn an Rechner, bitte mehr blau
Zitat von sysopSo entsteht Kunst mit Köpfchen: Eine direkte Verbindung zwischen Gehirn und Computer ist für viele vollständig Gelähmte schon heute das letzte Fenster zur Außenwelt. Neue Technik kann Gedanken jetzt sogar in Kunstwerke verwandeln - und die Bilder im Kopf auf den Bildschirm bannen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,726767,00.html
tinosaurus Für mich stellt sich hier die Frage, wie schwer oder leicht es inzwischen geworden ist, Locked-In-Patienten von den Appalikern zu unterscheiden. Die Symptome sind ja die gleichen. Nach meiner Kenntnis, sind nur wenige Fachärzte bzw. Wisenschaftler dazu in der Lage, diesen Unterschied zu erkennen und dann auch noch den Kontakt bei einem Locked-In-Patienten aufzunehmen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.