Malen mit Gedanken Hirn an Rechner, bitte mehr Blau!

So entsteht Kunst mit Köpfchen: Eine direkte Verbindung zwischen Gehirn und Computer ist für viele vollständig Gelähmte schon heute das letzte Fenster zur Außenwelt. Neue Technik kann Gedanken jetzt sogar in Kunstwerke verwandeln - und die Bilder im Kopf auf den Bildschirm bannen.

Von Isabelle Bareither

SPIEGEL ONLINE

Erst können sie Arme und Beine nicht mehr bewegen, irgendwann gehorcht der ganze Körper nicht mehr. Das Bewusstsein aber ist da - und registriert den eigenen Verfall. Reinhard Fißler erkrankte vor rund zehn Jahren an der Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS, deren Endstation die vollständige Lähmung ist und die Betroffenen in einem sogenannten Locked-In-Zustand einschließt.

Auch Fißler ist inzwischen gelähmt, er muss beatmet werden, noch kann er sprechen. Aber auch diese Fähigkeit wird er irgendwann verlieren. Für den ehemaligen ostdeutschen Rockstar, der mit seiner Band Sternencombo zu DDR-Zeiten beachtliche Erfolge feierte, ist das eine harte Bürde. Jahrelang war er als Musiker kreativ, doch immer größer wurden die Einschränkungen. Ein Hirnstrommesser gibt ihm jetzt ein Stück seiner Würde zurück.

Das rucksackgroße Gerät, das ein Mitarbeiter vom Institut für Psychologie der Universität Würzburg ein- bis zweimal im Monat zu ihm nach Hause bringt, misst mit Hilfe von Elektroden die elektrischen Ströme in Fißlers Gehirn. Seit den dreißiger Jahren werden solche Maschinen sowohl in wissenschaftlichen Laboren wie auch im klinischen Alltag angewandt. Bei Fißler erfüllt das Gerät eine andere Funktion: Brain Painting - Malen ohne Hände, nur mit der Kraft der Gedanken. Fißler ist begeistert, denn er kann wieder kreativ arbeiten.

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Brain Painting: Kunst mit Köpfchen
Dafür nutzen die Forscher eine seit Jahren bekannte Hirnreaktion. Damit lässt sich erkennen, welches digitale Malwerkzeug ein Proband auf dem Bildschirm vor ihm auswählen möchte. Die Idee für das Brain Painting stammt von Adi Hoesle, ein süddeutscher Künstler und ehemaliger Kranken-Intensivpfleger. Er entwickelte die Methode ursprünglich für den ebenfalls an ALS erkrankten Maler Jörg Immendorff. Obwohl dieser verstarb, bevor er die neue Entwicklung nutzen konnte, baute Hoesle sie weiterhin aus, um der "Kunst als Gedankenkonstrukt" eine neue Dimension zu verleihen.

Unterstützung bekam Hoesle von Niels Birbaumer von der Universität Tübingen. Der Professor für Psychologie ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der sogenannten Brain Computer Interfaces (BCI) - Hirn-Computer-Schnittstellen, die es ermöglichen, per Gedankenkraft verschiedenste Computermechanismen zu steuern oder Roboterarme zu bewegen. Birbaumer war es, der auf die Methode hingewiesen hatte, die Hoesle nun für das Brain Painting nutzt.

Hirnkunst oder "schlechte Kandinskys"?

Andrea Kübler, eine ehemalige Doktorandin Birbaumers und heute Professorin für Psychologie an der Universität Würzburg, hat das Projekt inzwischen übernommen. In ihrem Büro hängen Werke, die mit Hilfe von BCI entstanden sind. Während Kübler die Werke schätzt, hält Birbaumer die Methode für wissenschaftlich wenig interessant und bezeichnet die Bilder gerne als "schlechte Kandinskys" - auch über Hirnkunst lässt sich eben streiten.

Die Patienten malen mit einer digitalen Malpalette, einer Computermatrix, die sie vor sich auf einem Bildschirm sehen. Sie enthält verschiedene Farben und Formen und kann ganz unterschiedlich eingesetzt werden. Hoesle selbst malt gerne abstrakt, vier bis fünf Stunden am Stück. Eine bis fünf solcher Sitzungen sind für ein Bild notwendig. Während er malt, leitet Hoesle seine Gedanken genauso wie sie ihn leiten. Ein Wechselspiel zwischen Wille und Zufall malt die Bilder aus dem Kopf auf den Computerschirm.

ALS-Patient Reinhard Fißler dagegen weiß genau, was er will. Äußerlich bewegungslos verfolgt er gewissenhaft sein Ziel. Wenn der Punkt nicht seinen Vorstellungen entspricht, nimmt er sich des zeitraubenden Prozesses des Ausradierens und Wiederholens geduldig an: In mehreren Schritten wählt er die verschiedenen Maloptionen, zunächst den gewollten Bildpunkt, dann die Pinselgröße und die Deckkraft, anschließend eine der fünf Formen. Mit der Wahl der Farbe wird der Punkt festgelegt.

Jede Auswahl erfordert ein bis zwei Minuten volle Konzentration auf das Malwerkzeug. Nach etwa anderthalb Stunden und drei Punkten hat Fißler genug gemalt. "Man braucht Geduld, Vision und Energie", sagt er anschließend fast atemlos.

Seit Februar malt er regelmäßig an seinem ersten Bild, inzwischen hat er gelernt, die Matrixelemente wie einen Tuschkasten zu benutzen, "die Farben mit Gedankenblitzen zu mischen", wie er es sagt.

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tinosaurus 19.11.2010
1. Malen mit Gedanken:Hirn an Rechner, bitte mehr blau
Zitat von sysopSo entsteht Kunst mit Köpfchen: Eine direkte Verbindung zwischen Gehirn und Computer ist für viele vollständig Gelähmte schon heute das letzte Fenster zur Außenwelt. Neue Technik kann Gedanken jetzt sogar in Kunstwerke verwandeln - und die Bilder im Kopf auf den Bildschirm bannen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,726767,00.html
tinosaurus Für mich stellt sich hier die Frage, wie schwer oder leicht es inzwischen geworden ist, Locked-In-Patienten von den Appalikern zu unterscheiden. Die Symptome sind ja die gleichen. Nach meiner Kenntnis, sind nur wenige Fachärzte bzw. Wisenschaftler dazu in der Lage, diesen Unterschied zu erkennen und dann auch noch den Kontakt bei einem Locked-In-Patienten aufzunehmen.
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