Mangelernährung Grausame Spätfolgen des Hungers

Stärkt Nahrungsmangel in der Kindheit den Körper für Notzeiten? Kirchenregister aus Finnland widerlegen die Annahme: Die Daten dokumentieren, dass Hunger in frühen Jahren noch im späteren Leben gravierende Folgen haben kann.

Junge in Afghanistan: Jedes dritte Kind in dem Land ist unterernährt
AFP

Junge in Afghanistan: Jedes dritte Kind in dem Land ist unterernährt


Wer als Kind unter Mangelernährung leidet, dessen Körper bleibt lebenslang geschwächt. Das zeigt sich laut einer britischen Studie in Extremsituationen: Bei Hungersnöten leidet die Gesundheit besonders stark und die Sterblichkeit steigt. Damit widersprechen die Forscher einer Vermutung, derzufolge ein Nährstoffmangel in der frühen Kindheit die Anpassung an Notzeiten erleichtert.

Dass die Nährstoffversorgung in der frühen Kindheit die spätere Gesundheit beeinflusst, ist unbestritten. Studien belegen, dass Menschen, die in der Kindheit Mangel litten, als Erwachsene unter Überflussbedingungen anfälliger sind für Herz-Kreislauferkrankungen oder Stoffwechselleiden wie Typ-II-Diabetes.

Dies wurde bislang auch damit erklärt, dass der Stoffwechsel sich an diese Umstände anpasst hat und Nährstoffe maximal verwertet. Daraus leiteten manche Forscher ab, dass diese Menschen als gute Nährstoffverwerter Notzeiten besonders gut überstehen.

Hilfreiche Kirchenregister aus Finnland

Um diese Vermutung zu prüfen, werteten die Forscher um Adam Hayward von der Universität Sheffield Kirchenregister finnischer Gemeinden aus, die in den Jahren 1867 und 1868 besonders stark unter einer extremen Hungersnot litten. Damals schrumpfte die Population Finnlands um acht Prozent.

Sowohl Männer als auch Frauen, um deren Geburt herum reichhaltige Ernten eingefahren wurden, überlebten die Hungersnöte eher als jene Menschen, die in der frühen Kindheit Hunger litten. Zudem zeugten sie während der Hungersnot eher Nachwuchs. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt bei Menschen aus unteren sozialen Schichten, die am stärksten unter den Missernten litten - für die Forscher ein weiterer Beleg dafür, dass Mangel in der Kindheit die spätere Widerstandsfähigkeit einschränkt.

Für den Ernährungswissenschaftler Berthold Koletzko von der Universität in München ist dieses Resultat nicht überraschend, vielmehr bestätige es eine frühere Untersuchung aus Gambia. Demnach stecken hinter der langfristigen Wirkung der Mangelernährung epigenetische Mechanismen, also eine veränderte Aktivierung bestimmter Abschnitte im menschlichen Erbgut. "Auch viele andere Daten sprechen dafür, dass eine frühe Mangelernährung den Körper später nicht stärkt, sondern schwächt", sagt Koletzko.

che/dpa

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
Ron777 06.08.2013
1. optional
Welche bahnbrechende Erkenntnis! Hätte man mal jemand aus der Landwirtschaft gefragt, hätte man sich die Studie ersparen können. Dort ist diese Erkenntnis sowohl bei Tieren als auch bei Pflanzen Allgemeinwissen aus Basisniveau.
wschwarz 06.08.2013
2.
Zitat von sysopCorbisStärkt Nahrungsmangel in der Kindheit den Körper für Notzeiten? Eine Studie widerlegt die Annahme: Kirchenregister aus Finnland dokumentieren, dass Hunger in frühen Jahren noch im späteren Leben fatale Folgen haben kann. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/mangelernaehrung-die-lebenslangen-folgen-des-hungers-a-914945.html
Im gu ternährten Westen sind die alpha-, in Hungerregionen sind die epsilon -Menschen.
pm22 06.08.2013
3.
Studien wiedersprechen sich! Gibt ähnlich gelagerte Tierversuche wo eineleicht begrenzte Nahrungsmittelzufuhr während der Säugung bzw. in jungen Jahren späterzu einer besseren Gesundheit geführt hat. Der Körper kann mit Phasen von Nahrungsmittelknappheitbesser umgehen als mit Phasen von permanenten Nahrungsmittelüberfluss. Das Problem von Zivilisationskrankheiten ist sicherlich nicht mit Nahrungsmittelknappheit verbunden.
berti1947 06.08.2013
4. optional
icbi-jahrgang47-jedenfalls seit generationen (alle Vorväter id. Potsd.Garde,1.Garderegiment zu Fuss)der kleinste Abkömmling mit 1,79m.Mein Bruder ..Jahrgang 43-ist immerhin bei 1,90m.Das hat sicher mit Ernährung zu tun.Die ehem. Langlebigkeit muss sich nun noch beweisen...
spmc-1204136921 06.08.2013
5. Fachblindheit?!
Es geht weder aus dem Artikel noch aus der Zusammenfassung der Studie hervor, wie die Studie die angeblich zu verwerfende Hypothese widerlegen soll. Ob jemand in der Kindheit an Mangelernährung leidet und ob er später als Erwachsener an Hunger stirbt bzw. sich nicht fortpflanzen kann sind doch keine voneinander unabhängigen Sachverhalte. Wenn jemand als Kind unter Nahrungsmangel leidet, ist das doch oft deswegen weil seine Eltern einen niedrigen sozialen Status haben und nicht ausreichend für ihn sorgen können; und solange er es nicht schafft, diesen ererbten sozialen Status zu überwinden, wird er auch als Erwachsener nicht so gut für sich sorgen können, also auch eher am Hunger sterben bzw. nicht heiraten und Kinder großziehen können. Wie will die Studie es nun schaffen, diesen soziologisch begründeten Effekt auszublenden, der einen eventuellen biologisch begründeten Effekt ja überlagert und dessen Auswirkungen mit Sicherheit bei Weitem übertrifft? Ist das Ganze also lediglich eine Fehlinterpretation der Ergebnisse der Studie weil die Autoren davon ausgehen, dass die erhöhte Sterblichkeit und verminderte Fortpflanzung rein biologisch verursacht sind?
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