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29. Januar 2004, 13:50 Uhr

Manipulierte Pflanze

Kresse findet Landminen

Dänische Forscher wollen eine Pflanze auf Minensuche schicken: Die genetisch veränderte Mausohrkresse ändert ihre Farbe, wenn Sprengstoff im Boden schlummert. Die Methode könnte Tausende Menschen vor Tod und Verstümmelung bewahren.

Genmanipulierte Mausohrkresse: Rotfärbung in Gegenwart von Minen
Aresa

Genmanipulierte Mausohrkresse: Rotfärbung in Gegenwart von Minen

Das genmanipulierte Gewächs, auch Ackerschmalwand genannt, reagiert sensibel auf Stickstoffdioxid, das aus vergrabenen Landminen entweicht. Die grünen Blätter der Pflanze färben sich rot, wenn die Pflanze drei bis fünf Wochen dem Gas ausgesetzt war. Die verfärbten Gewächse seien leicht zu finden, berichtet Carsten Meier von der Universität Kopenhagen dem Online-Wissenschaftsdienst "Nature Science Update".

Bei dem Farbwechsel nutzten die dänischen Wissenschaftler den Mechanismus, der Blätter im Herbst rot werden lässt. Das dafür verantwortliche Gen ist normalerweise die meiste Zeit des Jahres inaktiv. Das Team veränderte dieses Gen so, dass die Rotfärbung bei der Präsenz von Stickstoffdioxid einsetzt.

Die Mausohrkresse eignet sich für Genmanipulationen besonders gut, weil sich ihre Erbinformation leicht entschlüsseln lässt. Außerdem wächst sie schnell und ist äußerst genügsam, weshalb sie als Labormaus unter den Pflanzen gilt.

Die Kopenhagener Firma Aresa Biodetection, in der die Minensuchgewächse entwickelt wurden, forscht derzeit an einem Verfahren, den Kresse-Samen schnell und sicher mit einem Zerstäuber zu verteilen. Um zu verhindern, dass die genmanipulierten Pflanzen sich unkontrolliert in der Natur ausbreiten, haben die Forscher ein wichtiges Wachstums-Gen ausgeschaltet. Die Pflanzen gedeihen demnach nur, wenn gleichzeitig ein spezieller Dünger ausgebracht wird.

Sicher erkannt: Die Pflanzen oben rechts zeigen Stickstoffdioxid an
Aresa

Sicher erkannt: Die Pflanzen oben rechts zeigen Stickstoffdioxid an

Obwohl die Wissenschaftler noch einige Details klären müssen - etwa wie sensibel die Kresse auf geringste Stickstoffdioxid-Konzentrationen reagiert - hoffen sie auf einen baldigen Einsatz der Pflanze bei der Minenräumung. Sie versprechen sich vor allem ein deutlich schnelleres Vorankommen. Laut Meier schafft ein Minenräumer nur zwei Quadratmeter pro Tag.

Minen werden in der Regel mit Detektoren aufgespürt, die auf Metall oder bestimmte Chemikalien reagieren. Es kommen jedoch auch speziell ausgebildete Hunde sowie vereinzelt gepanzerte Räumgeräte zum Einsatz, die verminte Flächen systematisch umpflügen und Minen gezielt zur Explosion bringen. Die Kinderhilfsorganisation Unicef schätzt, dass die Beseitigung einer einzigen Landmine zwischen 300 und 1000 Euro kostet. Minen töten und verstümmeln jährlich rund 30.000 Menschen.

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