Manisch-Depressive: Extremes Gefühlskarussell

Von Annette Bolz

Die manisch-depressive Störung könnte eine biologische Ursache haben: Wissenschaftler haben im Gehirn von Patienten einen Überschuss an Nervenzellen entdeckt.

Mary Shelley, die Erfinderin von Frankenstein, litt genauso darunter wie Mark Twain. Auch der US-amerikanische Medien-Gigant Ted Turner und Ex-Diktator Idi Amin gehören zu den Unglücklichen: Alle waren oder sind dem extremen Gefühlskarussell der so genannten manisch-depressiven Störung unterworfen. Auch in Deutschland leiden darunter über eine Million Menschen.

Bei Manisch-Depressiven wechseln sich depressive Episoden beständig mit hyperaktiven Phasen ab
GMS

Bei Manisch-Depressiven wechseln sich depressive Episoden beständig mit hyperaktiven Phasen ab

Eine amerikanische Studie hat nun die zu Grunde liegende biologische Ursache gefunden: Im Vergleich zu seelisch Gesunden weisen bestimmte Gehirn-Teile von Manisch-Depressiven ein Drittel mehr Zellen auf.

Alle Menschen sind einmal deprimiert und anschließend wiederum recht gut gelaunt. Manisch-Depressive hingegen leben immer auf der äußersten Kante eines Gefühls. Sind sie in der depressiven Phase, versuchen sie sich häufig umzubringen, weil ihnen ihr eigenes Leben sinnlos und hoffnungslos erscheint.

In der manischen Episode hingegen sind sie extrem aufgekratzt, halten sich für unübertrefflich und häufig für die Retter der Welt. Ihr Ziel verfolgen sie mit missionarischem Eifer und zugleich mit eingeschränktem Urteilsvermögen: Geopfert werden nicht nur geistige und körperliche Energie, sondern oft auch das gesamte finanzielle Vermögen. Manische schlafen kaum und vergessen sogar das Essen - ständig erschaffen sie, planen, reisen, diskutieren, lachen, laufen, tanzen, singen oder drängen sie.

Die Ursache dieser schwerwiegenden Störung war bislang nicht bekannt. Weil die Erkrankung in manchen Familien häufiger vorkommt, wurde ein genetisch bedingtes Ungleichgewicht im Gehirn zwar vermutet, doch bewiesen werden konnte nichts.

Jon-Kar Zubieta, Psychiater an der US-amerikanischen University of Michigan, fand nun mit seinem Team die Ursache der extremen Stimmungsschwankungen. Mit Hilfe der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) scannte er 16 Gehirne von Manisch-Depressiven und zur Kontrolle 16 Gehirne von Testpersonen, bei denen die Störung nicht bekannt war.

Dabei stellte sich heraus, dass zwei Gehirnregionen bei Manisch-Depressiven unterschiedlich sind: Die Anzahl eines bestimmten Nervenzelltyps ist in diesen Bereichen um ein Drittel erhöht.

Die Neuronen verwenden als Botenstoffe so genannte Monoamine: dazu zählen Dopamin, Noradrenalin und Serotonin - also just jene Neurotransmitter, die im Zusammenhang mit Belohnung, Aktivität und Gefühlen stehen und die das Verhalten und innere Erleben von Menschen drastisch verändern können.

So wurde im Thalamus ein vermehrtes Vorkommen der Nervenzellen um 31 Prozent festgestellt. Der Thalamus stellt eine wichtige Schaltzentrale des Gehirns dar, er bündelt Sinneseindrücke und leitet sie weiter. Möglicherweise nehmen Manisch-Depressive deshalb die Welt anders wahr.

28 Prozent mehr Neuronen fanden Zubieta und sein Team im vorderen Teil des Hirnstamms. Dieser Teil reguliert das generelle Aktivitätsniveau eines Menschen: Dies könnte erklären, warum sich Menschen in der depressiven Phase kaum bewegen, in der manischen Episode dagegen hyperaktiv werden.

Die neuen Ergebnisse, die in der aktuellen Ausgabe des "American Journal of Psychiatry" veröffentlicht wurden, könnten bei der Entwicklung von geeigneten Medikamenten hilfreich sein, hofft Zubieta. Denn noch werden zur Behandlung Anti-Depressiva und Neuroleptika eingesetzt, eine Mischung, die besonders manischen Menschen wenig hilft.

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