Mannheimer Mumien Überraschungsfunde im Museumsdepot

Mehr als 100 Jahre lang lag eine peruanische Kindermumie in einem Schrank im Mannheimer Zeughaus. Neue Analysen zeigen nun: Das Kind wurde nach dem Tod künstlich mumifiziert. Bislang war völlig unbekannt, dass südamerikanische Frühkulturen diese Technik beherrschten.

Von Jochen Schönmann


Es muss ein seltsames Kind gewesen sein. Man kann sich leicht vorstellen, wie es in einer Siedlung im bewaldeten Bergland an der Küste des heutigen Peru auf einer Decke vor der Hütte saß, eine kleine Rassel in der Hand. Es spielte vielleicht mit einer Wollspindel der Mutter, die gerade schwer tragend die Hänge heraufkam, beladen mit einem Bündel Mais, das sie in einem grobmaschigen Tragenetz aus Pflanzenfasern auf ihrem Rücken befestigt hatte.

Das Kind hatte eine Entwicklungsstörung. Es war viel zu klein für sein Alter. Ein Zwerg. Womöglich ist genau diese Entwicklungsstörung der Grund, warum nun, knapp 700 Jahre später, in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen eine wissenschaftliche Sensation präsentiert werden kann.

Denn erstmals ist es einem internationalen Team von Wissenschaftlern aus Frankreich, England, Deutschland und der Schweiz gelungen, einen Nachweis für die künstliche Mumifizierung von Toten in einer südamerikanischen Frühkultur zu finden. Die 1996 entdeckten rätselhaften Mumien der Chachapoya beispielsweise hatten allein dank des idealen Mikroklimas in Höhlen die Jahrhunderte überstanden.

Das nun in Mannheim gezeigte Kind gehörte wahrscheinlich zur Chancay-Kultur, deren Blüte zwischen 1000 und 1450 nach Christus rund um die Region des heutigen Lima angenommen wird. Das belegen typische Grabbeigaben: Eine Kalebasse (Rassel), gestreifte und gemusterte Tücher, zum Teil mit aufwendiger Stickerei, ein Anstecker mit Federn und eine hölzerne Spindel mit Fadenresten, die sich für die Verarbeitung der in dieser Region heimischen Kamelidenwolle eignet.

Kopf lag neben Keramikscherben

Die Geschichte der (Wieder-)Entdeckung ist kurios. Denn die Kindermumie lagerte zusammen mit 18 weiteren Mumien Jahrzehnte lang in einem staubigen Depot im Mannheimer Zeughaus – ohne dass jemand davon wusste. Bis eine Depoträumung Licht in das hauptsächlich während der Kriegswirren entstandene Durcheinander brachte.

Um der Zerstörung im Bombenhagel des Weltkriegs zu entgehen, waren damals viele Objekte in großer Eile verpackt und versteckt worden. Dabei wurden sie oftmals falsch oder gar nicht beschriftet. Viele Stücke galten als verloren. Entsprechend skurril verlief die Aufräumaktion in dem alten Museumsdepot. Der Sammlungsleiter der Mannheimer Mumienausstellung, Wilfried Rosendahl, fand einen Kopf in einem Karton mit der Aufschrift "Verschiedenes". In derselben Kiste: Minerale, Fossilien, Steinwerkzeuge, Keramikscherben.

Die Kindermumie fanden die Wissenschaftler in einer alten Glasvitrine. Dort lag sie seit hundert Jahren. Laut einer alten Karteikarte hätte sie verschwunden sein müssen. "Kriegsverlust" lautete der Vermerk zu dem Objekt.

"Aufgrund der Kleidung und der Kopfbandagierung war uns sofort klar, aus welcher Kultur das Kind stammen musste", sagt Rosendahl. In der Chancay-Kultur war es üblich, die Köpfe im frühesten Kindesalter so zu bandagieren, dass sich der Schädel deformierte. Ein sogenannter Turmschädel entstand: Er ist flacher als normal und geht in die Höhe; zudem wird das Gesichtsfeld breiter – entsprechend dem damals herrschenden Schönheitsideal.

Mumifizierung wie im alten Ägypten

Was den Forschern allerdings Rätsel aufgab, war ein gelblicher Belag einer harzhaltigen Balsamierungssubstanz im Schulterbereich der Kindermumie. Bei einer Untersuchung der Haut mittels UV-Licht wurde erkennbar, dass der gesamte Körper auffällige orange leuchtende Flecken aufwies, ähnlich einer brüchigen Paste oder Farbschicht.

Eine Substanzanalyse an der Fachhochschule Köln ergab eine große Ähnlichkeit mit Kopal, einem sehr harten pflanzlichen Naturharz, das in Südamerika häufiger vorkommt. Dem Harz waren außerdem offenbar zusätzlich spezielle, die Konservierung unterstützende Substanzen beigemischt worden.

"Damit ist zum ersten Mal der Nachweis von künstlicher Mumifizierung einer präkolumbischen Mumie erbracht worden, vergleichbar mit Mumifizierungen in der ägyptischen Hochkultur", sagt Rosendahl. Das technische Wissen war also offenbar größer als bislang bekannt. Bisher hatte man angenommen, dass die Konservierungen bei Toten in diesem Raum ausschließlich durch natürliche Prozesse entstanden sind, also durch extrem trockene Luft, durch Kälte oder salzige Sande.

3D-Animation aus CT-Daten

Warum ausgerechnet ein missgebildetes Kind mumifiziert wurde, ist allerdings noch unklar. "Denkbar ist aber, dass dieses Kind in den Augen seines Volkes etwas Besonderes war", spekuliert der Sammlungsleiter.

Die Kindermumie stammt nach C-14-Analysen der ETH Zürich aus dem Jahr 1334. Die Entwicklung der Zähne lässt auf ein vier- bis sechsjähriges Kind schließen. Auffallend war außerdem eine ziemlich hohe Konzentration von Nikotin bei der Haaranalyse. Die Forscher hatten eigentlich eher mit dem für Südamerika typischen Kokain gerechnet. Stattdessen weisen auch die anderen südamerikanischen Mumien, die nun in einer großen Ausstellung in Mannheim zu sehen sind, Konzentrationen auf, die für einen aktiven Konsum von Tabak sprechen.

In den nächsten drei Jahren wollen die Wissenschaftler die Mumien nun eingehend untersuchen. Vor ihnen liegt viel Arbeit - insbesondere die Auswertung der umfangreichen CT-Daten. Bis zu 30.000 Einzelbilder pro Mumie wurden beispielsweise für eine dreidimensionale CT-Animation erstellt, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist.


"Mumien – Der Traum vom ewigen Leben". Die Ausstellung läuft vom 30.September bis zum 24. März 2008 in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.