Marodes Bauwerk US-Armee warnt vor Staudamm-Katastrophe im Irak

Iraks größter Staudamm könnte jederzeit brechen, warnen Ingenieure der US-Armee. Die Folgen wären apokalyptisch: Mehr als 500.000 Menschen könnten sterben, Mossul und Teile Bagdads würden unter einer meterhohen Flutwelle verschwinden.


Wie ein gewaltiger Riegel liegt der Mossul-Damm im Nordirak und staut den Tigris zu einem mächtigen See auf. Mit einer Höhe von bis zu 131 Metern gehört die Staumauer zu den höchsten der Welt. Sie ist rund 3,5 Kilometer lang, hält bis zu elf Billionen Liter Wasser zurück - und kann jederzeit brechen.

Mossul-Staudamm: Wasser fließt aus einer Überlaufrinne - Experten fürchten eine Katastrophe durch einen Bruch des Damms
US Army Corps of Engineers

Mossul-Staudamm: Wasser fließt aus einer Überlaufrinne - Experten fürchten eine Katastrophe durch einen Bruch des Damms

Davor warnt ein Bericht des US-Inspektors für irakische Bauwerke, der in der Nacht veröffentlicht wurde. "Mit Blick auf die inneren Auswaschungen an den Fundamenten ist der Mossul-Damm der gefährlichste Staudamm in der Welt", schreiben die Ingenieure, die die Anlage untersucht haben. "Wenn nur ein kleines Problem an dem Staudamm auftritt, ist ein Bruch wahrscheinlich."

Die Risikoeinschätzung der Ingenieure, die sich in dem Bericht findet, ist schon im September 2006 erstellt worden. US-Botschafter Ryan Crocker und der Oberkommandierende David Petraeaus haben außerdem im Mai dem irakischen Premier Nuri al-Maliki in einem Brief über die Gefahr aufgeklärt: "Ein katastrophaler Bruch im Mossul-Damm würde eine Überflutung entlang des Tigris bis Bagdad hervorrufen", schrieben die beiden US-Vertreter.

Rund 500.000 Menschen könnten US-Berichten zufolge durch einen Dammbruch sterben. Mossul, das rund 60 Kilometer flussabwärts des Staudamms am Tigris liegt, könnte von einer 20 Meter hohen Flutwelle überspült werden. Sogar Teile der Hauptstadt Bagdad, die weitere 350 Kilometer flussabwärts liegt, würden bis zu fünf Meter tief unter Wasser stehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Mossul-Damm zusammenbricht, sei "inakzeptabel hoch".

Wiederholte Warnungen vor einer Katastrophe

Abdulchalik Thanoon Ajub, seit 1989 Verwalter des Damms, hat der "Washington Post" zufolge von noch drastischeren Warnungen der Amerikaner erfahren. "Sie gingen zum Ministerium für Wasserwirtschaft und sagten, dass der Damm jeden Tag brechen könnte", sagte Ajub. Der Gouverneur der Provinz Niniveh habe sogar erfolglos verlangt, dass der Stausee sofort entleert werde.

Satellitenbild der Mossul-Talsperre: Der gewaltige Damm staut den Tigris rund 60 Kilometer flussaufwärts der Stadt Mossul (grüner Pfeil)
Google Earth / Terra Metrics

Satellitenbild der Mossul-Talsperre: Der gewaltige Damm staut den Tigris rund 60 Kilometer flussaufwärts der Stadt Mossul (grüner Pfeil)

Das Problem des Damms: Er wurde auf Kalkstein gebaut, der sich bekanntlich auflöst, wenn er mit Wasser in Kontakt kommt. Schon kurz nachdem der Damm 1984 fertiggestellt war, begannen die Iraker, das Innere mit Mörtel aufzufüllen. Mehr als 50.000 Tonnen an Material wurden laut "Washington Post" seitdem in den Damm gepumpt, um ihn vor dem Kollaps zu bewahren.

Doch das hat nach Meinung der US-Experten nicht ausgereicht, um das gewaltige Bauwerk ausreichend abzusichern. Auch ein 27 Millionen Dollar teures Projekt der US-Regierung zur Renovierung des Damms vor zwei Jahren habe keine nennenswerten Erfolge erzielt. Es sei an Misswirtschaft und Stümperei gescheitert. Die Arbeiten zur Stärkung des Fundaments hätten keine Fortschritte gemacht.

Iraker geben sich gelassen

Bisher habe die US-irakische Diskussion hinter verschlossenen Türen stattgefunden. Man habe befürchtet, dass die Details der US-Sicherheitsuntersuchungen (Kosten laut "Washington Post": sechs Millionen Dollar) die irakische Bevölkerung in Angst versetzen könnten. Jetzt wurden Inhalte des Abschlussberichts von einem Mitglied des Ingenieurkorps sogar vorab an die US-Medien verteilt, außerdem eine Powerpoint-Präsentation der Armee.

Die Iraker zeigen sich dagegen weit weniger besorgt - und sind kaum bereit, große Beträge in die Sicherheit des Damms zu investieren. Die US-Armee habe etwa vorgeschlagen, bei Badusch auf halbem Weg zwischen dem Damm und Mossul eine neue Staumauer zu bauen, um die schlimmsten Folgen eines Dammbruchs abzuwenden. Das irakische Wasserwirtschaftsministerium habe es aber nicht für notwendig gehalten, geschätzte zehn Milliarden Dollar für das Projekt auszugeben.

Abdul Latif Raschid, der für Wasserwirtschaft zuständige irakische Minister, nannte im Gespräch mit der "Washington Post" den Zustand des Damms "nicht kritisch". Auch Staudamm-Manager Ajub gibt sich gelassen: "Die Amerikaner könnten Recht haben, was die Gefahr betrifft", sagte er. "Aber ich halte ihn für so sicher, dass mein Büro in der Überflutungsebene steht."

mbe



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