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Psychologie: Marschieren macht Mut

Militärparade in Nordkorea (April 2012): Gemeinsame Bewegung lässt Feinde weniger bedrohlich erscheinen Zur Großansicht
REUTERS/ KCNA

Militärparade in Nordkorea (April 2012): Gemeinsame Bewegung lässt Feinde weniger bedrohlich erscheinen

Synchrone Bewegungen - etwa bei Militärparaden oder auf Volksfesten - stärken nicht nur das Gemeinschaftsgefühl der Marschierenden. Der Gleichschritt lässt auch ein bedrohliches Gegenüber schwächer und kleiner erscheinen.

Synchrone Bewegungen stärken nicht nur den Zusammenhalt zwischen Menschen, es verändert auch die Einschätzung des herannahenden Gegenübers. Mögliche Feinde würden durch gemeinsam Marschierende zumeist schwächer und kleiner eingeschätzt, ergab eine Studie von Forschern der University of California in Los Angeles.

Die Untersuchung erkläre die Vorliebe des Militärs für synchrones Marschieren, berichten Daniel Fessler und Colin Holbrook in den "Biology Letters" der britischen Royal Society. Andererseits könne dieser Zusammenhalt beispielsweise bei Polizeieinsätzen zu unnötig aggressivem Verhalten führen.

Gleichschritt und andere Formen synchroner Bewegung gibt es vor allem beim Militär, bei traditionellen Tänzen und Paraden. Die gemeinsame Bewegung spiele in vielen Kulturen eine wichtige Rolle, der Effekt ist bekannt: Die Synchronizität stärkt das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Gerade wenn es in den Kampf oder in einen Krieg geht, mache dieser Effekt zusätzlich Mut, schreiben Fessler und Holbrook.

244 Meter Gleichschritt im Test

Um zu überprüfen, ob diese Aussage stimmt, führten die Forscher einen Test mit 96 Männern unterschiedlicher Nationalität durch. Die Teilnehmer mussten zu zweit einen 244 Meter langen Weg entlanggehen - entweder im Gleichschritt oder ganz normal. Im Anschluss zeigten die Wissenschaftler den Probanden Bilder von vermeintlichen Kriminellen. Die Männer mussten angeben, wie groß, kräftig und muskulös die Gegner ihrer Einschätzung nach waren. Außerdem sollten sie berichten, wie verbunden sie sich beim Gehen mit ihrem Partner fühlten.

In der Abfrage zeigte sich der Effekt des Gleichschritts deutlich, berichten die Forscher. Die Männer, die gemeinsam marschiert waren, schätzten die vermeidlichen Kriminellen schwächer und kleiner ein, als es die normal gehenden Probanden taten. Der potenzielle Gegner erschien ihnen weniger bedrohlich.

Das aber habe in einer akuten Konfliktsituation auch Einfluss auf die Motivation zum Kampf, erklären Fessler und Holbrook: "In derartigen Situationen müssen Menschen schnell entscheiden, ob sie flüchten wollen oder kämpfen. Die Einschätzung der Kampfkraft des Gegners ist dabei ausschlaggebend." Wenn Soldaten im Gleichschritt in den Krieg zögen, stärke das nicht nur ihr Zusammengehörigkeitsgefühl. Es helfe ihnen auch dabei, den Feind als weniger bedrohlich zu empfinden.

nik

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1. Abstruse Theorie
Namen werden überbewertet 27.08.2014
Wenn die Psychologen mal beim Militär gewesen wären, wüssten sie, dass das Marschieren reine Schikane auf dem sicheren Kasernenhof ist. In Gefechtsformationen, also bei Feindkontakt, kommt es nicht vor und hilft somit auch nicht, um sich Mut anzumarschieren. Ich weiß ja nicht, wen die Psycholgen da so alles analysiert haben. Mich jedenfalls nicht. Ich habe beim Marschieren nie ein Zusammengehörigkeitsgefühl erlebt. Ich fand das einfach nur entwürdigend, mir eine willkürlich Schrittfrequenz aufzuzwingen, die nicht zu meinem Körper passt, und mich dabei wie ein Gorilla mit den Armen rudern zu lassen.
2. Effektstärke?
zapp-zarapp 27.08.2014
Mit einer ausreichend großen Teilnehmerzahl bekommt man auch kleine Effekte signifikant (=statistisch bedeutsam). Das sagt aber nur, ob mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit ein beobachteter Unterschied zwischen zwei Gruppen auf einen systematischen Unterschied zurückzuführen ist. Viel spannender fände ich die Frage nach der Effektstärke. Wie viel mutiger sind die Personen nach dem Erleben von Geschlossenheit und gemeinsamen agieren? Und wie stark kann die künstliche Situation reale militärische Situationen abbilden? Es macht doch sicher einen Unterschied ob man Bilder bewertet oder die eigene Einheit im Kampf unter Feuer liegt. Und ich meinte mich auch zu erinnern, dass die Zeiten des gemeinsamen Zuschreitens auf den Gegner seit den Burenkriegen nicht mehr das Mittel der Wahl ist. Deckung zu suchen scheint dem gemeinen Soldaten doch wichtiger zu sein, als die Gruppenerfahrung. Mut hin oder her ....
3.
stammtischhistoriker 27.08.2014
Zitat von Namen werden überbewertetWenn die Psychologen mal beim Militär gewesen wären, wüssten sie, dass das Marschieren reine Schikane auf dem sicheren Kasernenhof ist. In Gefechtsformationen, also bei Feindkontakt, kommt es nicht vor und hilft somit auch nicht, um sich Mut anzumarschieren. Ich weiß ja nicht, wen die Psycholgen da so alles analysiert haben. Mich jedenfalls nicht. Ich habe beim Marschieren nie ein Zusammengehörigkeitsgefühl erlebt. Ich fand das einfach nur entwürdigend, mir eine willkürlich Schrittfrequenz aufzuzwingen, die nicht zu meinem Körper passt, und mich dabei wie ein Gorilla mit den Armen rudern zu lassen.
Man muss den westlichen Alliierten lassen, sich früh von diesem lächerlichen Stechschritt entfernt und während des Krieges die Unterwerfungssymbolik klar blossgestellt haben. Ich habe viele Dinge in meiner Bundeswehrzeit gehasst, aber das Marschieren war relativ entspannt und beim "Nato stride" kann man natürlich gehen ohne mit den Armen rudern zu müssen oder dem dem Absatz in den Boden zu schlagen. Der Kompaniekommandant hat vor der Ausbildung ausdrücklich aufgefordert sich dabei nicht wie Roboter zu bewegen. Ich vermute der Vorposter hat entweder in der Volksarmee gedient, die hatten bis zum Schluss diesen geisteskranken Stechschritt, oder er hat den Film "08/15" zu oft gesehen... aber nein, Zusammengehörigkeitsgefühl habe ich dabei auch keines empfunden, und auf den Feind marschiert heute (und die letzten 100 Jahre) natürlich auch niemand mehr.
4. Marschieren ist effektiv, ...
rdiess 27.08.2014
..., wenn man 40 Leute zu Fuß in möglichst kurzer Zeit von einer Ausbildungsstation zur nächsten bringen muss. Vor 300 Jahren musste die geschlossene Formation die mangelhafte Treffsicherheit der Infanteriewaffen ausgleichen. Heute ist es neben der Organisation von Fußgängern (s. o.) nur noch Folklore. Bei Schützenvereinen stört das keinen.
5. Einer hat Recht
supertrooper 27.08.2014
Beitrag Nr. 4 hat's erfasst. Bis noch vor gut 150 Jahren war der Gleichschritt absolute Notwendigkeit bei den Fußtruppen. Nur die möglichst enge Formation von Soldaten garantierte ein höchst mögliche Feuerkraft - und eng marschieren geht eben nur im Geichschritt ohne dem Vordermann auf die Fersen zu latschen. Heute natürlich nur Show und bei den Streitkräften völlig ohne Bedeutung.
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